17.04.2018

IM TAXI MIT STEVEN HILL


Pflichtlektüre

Genau genommen saß mir Steven nicht im Taxi, sondern er kam zu mir ins Studio. Donnerstag vorvergangener Woche hatte ich dort zu einem Runden Tisch zum Thema "Deregulierung des Taxigewerbes" geladen. Es ist wieder Zeit der Runden Tische, falls es der ein oder andere noch nicht mitbekommen hat. Doch zurück zu Steven, den ich bis zu dem Runden Tisch in meiner Sendung "Hier spricht TaxiBerlin" auf "Pi-Radio" nicht kannte. Aufmerksam geworden bin ich auf ihn, weil einige Tage zuvor ein Artikel von ihm im "Handelsblatt" mit dem Titel "UBERs neues Fahrdienstmodell sollte reguliert werden" erschienen war, in dem alles drin steht, was man zum Thema UBER und "Deregulierung des Taxigewerbes" wissen muss. Aus dem Artikel erfuhr ich beispielsweise, dass Steven, der aus Silicon Valley kommt und auch für die "New York Times", den "Guardian" und "Le Monde" schreibt, gerade Gast des Wirtschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) in Schöneberg ist.

Kurzerhand kontaktierte ich Steven und lud ihn in meine Radiosendung ein. Er meldete sich auch bald und sagte sein Kommen zu. So war es dann auch, Steven erschien sehr pünktlich zur Sendung, so dass wir uns vorher noch etwas miteinander bekannt machen konnten. Ich erfuhr, dass Stevens Tante Taxifahrerin war und auch sein Vater einige Zeit Taxi gefahren ist. Aber nicht nur das, denn wir unterhielten uns auch über die Start-up Szene in Amerika und Deutschland, um die es in seinem Buch "Die Start-up Illusion - Wie die Internet-Ökonomie unseren Sozialstaat ruiniert" geht, das ich gerade gelesen hatte, und das ich nur jedem empfehlen, der bei dem Thema "Start-up" etwas tiefer gehen will. Vorsicht ist allerdings geboten, denn wer in die Tiefe geht, tut dies auf eigene Gefahr.

Die meiste Zeit unterhielten wir uns aber über UBER, dem reichsten Start-up überhaupt, obwohl UBER in den vergangen beiden Jahren so viel Geld verloren hat, wie kein anderes Start-up in der Geschichte. In den USA bestellt oder nimmt niemand mehr ein Taxi, alle nehmen oder fahren ausschließlich UBER. Das Wort Taxi ist praktisch aus der amerikanischen Sprache verschwunden. Trotzdem verliert UBER immer noch jeden Tag eine Menge Geld, und zwar deswegen, weil jede Fahrt mit UBER zur Hälfte von UBER subventioniert wird. Die Leute fahren UBER, weil UBER kaum teurer ist wie die öffentlichen Verkehrsmittel. Das führt dazu, dass kaum noch jemand mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fährt und schon gar keiner mehr mit dem Taxi. UBER bedeutet also nicht nur das Aus fürs Taxi, sondern auch für den öffentlichen Nahverkehr.

In New York, dessen Straßenbild bisher von den Yellow-Cabs, den offiziellen Taxis geprägt war, gab es in den letzten Monaten sechs Suizide von Taxifahrern. Einige Kollegen sind auch schon obdachlos. Was ist der Grund? Derzeit gibt es 20.000 Fahrzeuge in New York, die für UBER fahren, Tendenz steigend. Ihnen stehen 12.000 Yellow-Cabs gegenüber. Hat ein Yellow-Cab-Fahrer bisher in einer Zwölf-Stunden-Schicht 150 bis 200 Dollar gemacht, ist er heute froh, wenn er auf 100 Dollar kommt, weil die Leute lieber mit einem preiswerteren UBER fahren. Hinzu kommt der Dauerstau auf den New Yorker Straßen, der auch als "UBER-Stau" bezeichnet wird.

UBER hat sein Ziel, ein Monopol bei der Personenbeförderung zu errichten, in den USA nahezu erreicht. Deswegen kann es dort auch schon die Preise bestimmen. Die richten sich nach keinem Tarif, sondern ausschließlich nach Angebot und Nachfrage. Eine Fahrt, die "normalerweise" 10 Dollar kostet, kann beispielsweise bei einem Unwetter dann schon mal das Zehnfache, also 100 Dollar kosten. UBER-Fahrer verdienen aber noch weniger als Yellow-Cab-Fahrer, weswegen auch die Mehrheit nicht länger als ein Jahr für UBER fährt. Es rechnet sich einfach nicht, und manchmal muss man als Fahrer sogar noch Geld mitbringen. UBERs tolle "Ökonomie des Teilens" ist also nicht nur asozial, sondern hat auch mit Umweltschutz nichts am Hut, auch wenn viele dies immer noch glauben.

UBER ist nur ein, wenngleich das bekannteste Start-up. Alle Start-ups arbeiten aber wie UBER. In seinem Buch bezeichnet Steven die Entwicklung zu immer mehr prekären Jobs als eine Rückentwicklung zum Feudalismus. Das mag dem ein oder anderen erstmal komisch vorkommen, da wir Fortschritt immer mit einer Entwicklung zum Besseren in Verbindung bringen. Möglicherweise ist das auch der Grund, warum den meisten nicht klar ist, dass das gar nicht so selbstverständlich ist, wie es sich anhört.

Bereits Kollege Nietzsche, der seinerzeit auch Taxi gefahren ist, hatte da seine Zweifel. Zu Nietzsches Zeiten waren Taxis noch Pferdedroschken, Nietzsche hatte es bekanntlich mit Pferden, was die meisten noch wissen. Schon weniger bekannt ist, dass der Kollege Nietzsche zwei Bücher übers Taxifahren geschrieben hat. Das eine heißt "Der Mensch im Verkehr" und das andere "Der Mensch mit sich allein", denn das "Allein sein" ist neben dem "Warten" eine unserer Kernkompetenzen. Über den erwähnten Fortschritt hat sich der Kollege Nietzsche wie folgt geäußert:

Die Menschheit stellt nicht eine Entwicklung zum Besseren oder Stärkeren oder Höheren dar, in der Weise, wie dies heute geglaubt wird. Der "Fortschritt" ist eine moderne Idee, das heißt eine falsche Idee. Der Europäer von heute bleibt in seinem Werte tief unter dem Europäer der Renaissance, Fortentwicklung ist schlechterdings nicht mit irgendwelcher Notwendigkeit Erhöhung, Steigerung, Verstärkung.

Das klingt nicht gerade optimistisch. Es geht aber nicht darum, wie etwas klingt, sondern ob es wahr ist. Bisher war es so, dass das, was heute in Amerika ist, morgen auch bei uns sein wird. Und so wird es auch mit UBER laufen, zumal die Mehrheit auch hierzulande glaubt, dass UBER und die ganze so genannte "Ökonomie des Teilens" ein Fortschritt, also eine Entwicklung zu etwas Besserem sei. Auch wenn ich diesen Glauben, genauso wie der Kollege Nietzsche, nicht teile, und wenn ich auch nicht glaube, dass UBER hierzulande zu stoppen ist, tut es trotzdem gut, wenn einem zumindest Solidarität signalisiert wird, so wie es Steven (oben) getan hat.

Foto&Text TaxiBerlin

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