06.01.2018

"ICH LIEBE DICH!"


"Ich liebe dich!" - Das waren die Worte, mit der ich in der Lokalität begrüßt wurde, die man am besten mit "Schultheiß-Proll-Kneipe" beschreibt. Die Worte kamen allerdings nicht von der Blonden hinterm Tresen, die für Friedenau gar nicht mal unhübsch war, sondern von den drei besoffenen Metern im Blaumann - meinem Fahrgast. "Wir müssen noch zur Tanke!" waren seine nächsten Worte. "Das fällt aus!" meine. Auf der Fahrt nach Treptow, führ ihn bereits die dritte im Taxi am heutigen Tag, beim ersten Heimreiseversuch hatte er seine Geldbörse in der Kneipe liegen lassen, erklärte er mir, dass es an der Aral-Tanke in der Sonnenallee einen Geldautomaten gibt, an dem er Bargeld holen will, damit er mir Trinkgeld geben kann. Er gibt immer dreißig Euro. Dass das nicht nötig ist, weil ich auch Karten nehme, und dass das mit dem Trinkgeld trotz Karte kein Problem wäre, begriff er nicht. Das ging über seinen Horizont. Trotzdem, wie aus dem Nichts heraus, sagte er plötzlich was ganz Kluges. Ich muss dazu sagen, dass selbst die größten Idioten manchmal was richtig Intelligentes von sich geben, was aber nur in den seltensten Fällen erkannt wird, woran wiederum der Zuhörer Schuld ist, soweit man überhaupt von Schuld reden kann, und nicht der Sprecher. Meine drei besoffenen Meter im Blaumann meinten, dass er sich gerade sehr an das Ende der DDR erinnert fühle, nur dass man jetzt nicht mehr zum Westfernsehen umschalten könne. Das war, nachdem er am Automaten zehnmal seine Geheimzahl eingeben musste, weil er jedesmal vergessen hatte, bei den anfallenden Gebühren von 1,95€ OK zu drücken, was wiederum den Preis für die Fahrt auf fünfunddreißig Euro hoch trieb, was aber kein Problem war. So deutete ich zumindest seine Abschiedsworte: "Ich liebe dich!"

Text TaxiBerlin

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