31.05.2017

TAXIBERLIN ALS HERAUSGEBER


"Bai Ganju, unsere Liebe", Herzlich - Norbert Randow

Noch in diesem Jahr erscheint das zweite Buch vielleicht nicht des bedeutendsten, dafür hat er, der mit nur 34 Jahren einem Attentat zum Opfer fiel, nicht lange genug gelebt, aber mit Sicherheit des bekanntesten bulgarischen Autoren des 19. Jahrhunderts Aleko Konstantinow beim Wieser-Verlag im österreichischen Klagenfurt. Nachdem im letzten Jahr die erste deutsche Übersetzung seines Erstlingswerkes "Nach Chicago und zurück" das Licht der Welt erblickte, kommt nun sein wichtigstes Werk "Bai Ganju, der Rosenölhändler", das in viele verschiedene Sprachen und vier Mal alleine ins Deutsche übertragen wurde, erneut heraus, und zwar in, da sind sich die Fachleute ausnahmsweise einmal einig, der besten Übersetzung von Norbert Randow, zusammen mit Hartmut Herboth und Georg Adam. Das schmale Reclambändchen, das einmal eine Mark fünfzig der DDR gekostet hat und seit einiger Zeit nur noch antiquarisch für teuer Geld erhältlich ist, kann ab September für 11,95 Euro käuflich erworben werden. So ist es zumindest geplant.

Warum sollst du nun dieses Buch lesen, fragst du dich nicht ganz zu unrecht. Und vor allem: Was hat es mit Taxifahren zu tun? Letzteres ist leicht beantwortet: Der Autor Aleko Konstantinow wurde, wenn man so will, in einem Taxi erschossen, das seinerzeit noch eine Pferdekutsche war. Die Kutsche, in der unser Autor saß, war eine offene Kutsche, denn es war Ende Mai, wenn es in Bulgarien schon angenehm warm ist. Ob es an der offenen Kutsche lag oder daran, dass sein Mörder einfach ein guter Schütze war, lässt sich nach so vielen Jahren, das Attentat fand 1897 statt, nicht mehr herausfinden. Sicher ist, dass das durchschossene Herz des Dichters in seinem Geburtshaus, das heute ein Aleko-Konstantinow-Museum ist, im Ort Swischtow an der Donau in einem Glas mit konservierender Flüssigkeit zu bestaunen ist. Einer bekannten bulgarischen Karikatur zur Folge, hat "Bai Ganju", also die von Aleko Konstantinow geschaffene literarische Figur, seinen Autor auf dem Gewissen.

Natürlich kann auch in Bulgarien keine literarische Figur seinen Autor erschießen. Die Frage ist auch eher, ob "Bai Ganju" einen Grund gehabt hätte, dies zu tun. "Der mobile Rosenölhändler", wie er wegen seines Gewerbes auch genannt wird, ist sicherlich kein Sympathieträger, das kann man nun wirklich nicht sagen. Trotzdem liefert er genug Gründe, herzhaft über ihn zu lachen, beispielsweise wenn er sich in Prag bei Jirecek einzuquartieren versucht, nur weil der einmal Minister in Bulgarien gewesen ist. Bisher gab es zwei Erklärungsmuster, was es mit der Person "Bai Ganju" auf sich hat. Die einen sagen, dass er ein "bulgarischer Archetyp" ist. Andere wiederum sehen in ihm den bösen Kapitalisten. An beiden Sichtweisen ist sicherlich etwas dran, aber das entscheidende fehlt mal wieder. Ich meine damit den Umstand, dass in jedem von uns ein kleiner "Bai Ganju" steckt. Also jemand, der sich gerne von anderen einladen, sich gerne beschenken lässt oder auch einfach nur Komplimenten hinterher-rennt, -fährt oder auch -schreibt. Wenn du so willst, ist die Neuherausgabe von "Bai Ganju, der Rosenölhändler" eine Einladung an alle, den "Gemeinen Grabbler" in sich zu entdecken und zu feiern.

PS: Die Gefahr heute ist, nachdem sowohl der Autor als auch sein Mörder nicht mehr leben, dass ein Leser, der sich selbst, oder besser: seiner eigenen Natur, beim Lesen zu Nahe gekommen ist, den Herausgeber, also mich, um die Ecke bringen will. Dieses Risiko ist nicht neu für mich und ich gehe es gerne ein, und zwar deswegen, weil auch bei mir im Taxi jeder alles sagen darf, sogar die Wahrheit.

Foto&Text TaxiBerlin

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