10.03.2017

HIER SPRICHT TAXIBERLIN #9 - EIN NACHTRAG


Vieles hat mich mein zu hause die Straße gelehrt. Das Wichtigste, das wird mir immer mehr klar, ist das Zuhören. Nach mehr als zwanzig Jahren auf der Straße beherrsche ich die Kunst des Extremen Zuhörens - manchmal mehr und manchmal weniger. Meistens mehr. Das hängt damit zusammen, dass ich mich in meinem Taxi immer mehr zum Medium entwickle, das Menschen Dinge sagen lässt, die sie sonst nie und niemandem erzählen würden. "Extremes Zuhören" und "Medium sein", das weiß ich heute, gehören zusammen. Das eine ist ohne das andere nichts wert. Was nützt es, wenn ich zwar zuhören kann, aber die Person nichts sagt. Und es bringt auch nichts, Medium zu sein, wenn ich nicht zuhören kann. Oscar Wilde sagt, dass der, der unter die Oberfläche geht, dies auf eigene Gefahr tut. Und natürlich hat Oscar Wilde Recht, wie er mit vielem Recht hatte, wenn auch nicht mit allem. Nur, wer begibt sich schon gerne in Gefahr? "Liken"? Ja! Wegen mir auch "entfreunden". Das tut keinem weh. Man kennt den anderen sowieso nicht. Die ganz Mutigen, und wer will nicht zu ihnen gehören, lassen sich vielleicht noch ein Tattoo stechen. Das tut zwar weh, ist aber ansonsten nicht gerade besonders intelligent. Der hippe Taliban-Bart auch nicht, aber das nur nebenbei. All das wäre nicht weiter schlimm, wenn es nur sinnlos wäre. Damit könnte man, so denke ich, leben. Leider ist es aber nicht nur Geist-, sondern auch Seelenlos. Das meinte zumindest "Opi" - die lebende Taxilegende aus der Schreiner in der letzten Sendung von "Hier spricht TaxiBerlin".

Text TaxiBerlin

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