05.02.2017

"SOFIA-BERLIN-CHICAGO: BULGARIEN BEGUCKT SICH DEN WESTEN"


Thomas Frahm und TaxiBerlin in Sofia

Das Berliner Taxi-Geschäft ist wie erwartet im Keller, jetzt muss jeder Taxifahrer sehen, wo er bleibt. Da ist mir eingefallen, dass ich ja auch noch Herausgeber bin, und dass ich nur mein Buch verkaufen muss, um irgendwie über die Runden zu kommen. Keine Sorge, das Buch ist nicht von mir, sondern von Aleko Konstantinow, einem klassischen bulgarischen Autoren des 19. Jahrhunderts. Ich bin "nur" der Herausgeber. Aber auch "nur" Herausgeber sein, ist gar nicht so einfach. Dreißig Verlage haben "mein" Buch abgelehnt. Die Absage eines großen Münchner Verlages, der namentlich ungenannt bleiben soll, umreißt das Problem: "Wir haben in den vergangenen Jahren viele Leser von Werken aus kleinen, unbekannteren Literaturregionen dieser Welt verloren, sodass uns auch im Fall von Konstantinow der Mut fehlt." Auch wenn ihm der Mut fehlt, so ist er doch ehrlich, oder versucht es zumindest zu sein. Der Wahrheit näher als der Verlag aus München kommt Kurt Wolff, der u.a. Franz Kafka verlegt hat: "Man verlegt entweder Bücher, von denen man meint, die Leute sollen sie lesen, oder Bücher, von denen man meint, die Leute wollen sie lesen. Verleger der zweiten Kategorie zählen für uns nicht - nicht wahr?"

Ein Verleger der ersten Kategorie nach Kurt Wolff ist Thomas Frahm, darüber hinaus Autor, Übersetzer, Bulgarienkenner und mittlerweile auch Freund von TaxiBerlin. Dass ich Thomas Frahm für meine drei Lesungen mit dem Titel "Sofia - Berlin - Chicago" in der kommenden Woche gewinnen konnte, ist ein wahrer Glücksfall, immerhin geht es für mich ums blanke Überleben. Eigentlich geht es aber um Aleko Konstantinow und seine Reise zur Weltausstellung nach Chicago im Jahre 1893, wovon "Nach Chicago und zurück" handelt, das nun erstmals auf Deutsch vorliegt. Konstantinows "Reisenotizen" sind ein früher "Roadmovie" und der erste Reisebericht eines Bulgaren aus der Neuen Welt überhaupt, die vom Autor aufmerksam beobachtet, kritisch hinterfragt und erfrischend aktuell beschrieben wird. Sollte es wirklich möglich sein, dass es bereits damals in den Vereinigten Staaten genauso lief wie in Bulgarien? Auch ob es heute in den USA vielleicht sogar schlimmer ist als auf dem Balkan versuchen Thomas und ich auf unseren drei Lesungen mit dem schönen Untertitel "Bulgarien beguckt sich den Westen" herauszufinden. Das solltest du dir auf keinen Fall entgehen lassen, schließlich geht es dabei um nichts Geringeres als ums blanke Überleben - und nicht nur meins.

Das erste Mal kannst du uns bereits am Donnerstag, den 9.Februar, um 20Uhr in der "Kurt-Tucholsky-Bibliothek" in der Esmarchstraße 18 im Prenzlauer Berg lauschen. Am nächsten Tag, den 10.Februar, sind wir ab 19Uhr im Landgasthof "Moritz" in Rädigke zu hören, um Tags drauf schon wieder in Berlin zu sein, und zwar um 18Uhr in der Textil-Kunst-Galerie "Cankova" in der Windscheidstr.12 in Charlottenburg. Alle Termine findest du auch auf dieser Seite vom Wieser Verlag aus Klagenfurt. Neben Aleko Konstantinows "Nach Chicago und zurück" wird es, so viel kann ich verraten, auch um die Bücher von Thomas Frahm gehen, einem Verleger der ersten Kategorie nach Kurt Wolff. Zu den von Thomas Frahm herausgegeben Büchern, die man lesen sollte, gehören "Ein Deutscher in Bulgarien", "Oh, Bulgarien" und "Heiliger Buchstabe, heillose Zeiten". Letzterem sind folgende Zeilen eines Textes von dem Theaterautor Stanislav Statiev (1941-2000) entnommen, wo sich Bulgaren auch einmal selbst begucken: "In der Schule haben wir gelernt, dass ein Staat existiert, wenn eine Nation existiert, die sich aus irgendeiner nationalen Idee heraus vereinigt hat. Was ist unsere nationale Idee? Nach Amerika auszuwandern?"

Foto&Text TaxiBerlin

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