07.12.2016

NEUE BERLINER BETROFFENHEITSPROSA (TEIL II)


"Beschreibungsimpotenz" - gestickt von Peter Handke

Nun ist es schon über ein Jahr her, dass ich betroffen war. Will sagen: Es wird höchste Zeit, dass ich mal wieder betroffen bin. Betroffen sein heißt nicht automatisch, dass man auch Betroffener ist. Eher im Gegenteil. Der Betroffene ist aktiv betroffen, betroffen sein ist dagegen passiv. Das verrät das kleine Wort "sein". Wobei, wenn ich sage "Ich bin ein Betroffener" es oft auch bereits passiv ist, und zwar wegen dem kleinen Wort "bin". So schnell kann es gehen ...

Ich bin mir nicht sicher, aber möglicherweise komme ich deswegen auf die Betroffenheitsprosa zurück, weil ich gestern im Kino war. Der Film, den ich mir angesehen habe, hieß "Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte ...", was erst einmal ziemlich immobil und wenig betroffen daherkommt. Das liegt auch daran, aber nicht nur, dass im Film kein Taxi vorkommt, dafür immerhin ein Flugzeug oder besser: Das Fliegen. Ich habe erfahren, dass nicht nur mich das Fliegen anödet, sondern auch den Autor Peter Handke, um den es in dem Film geht, was mich ungemein beruhigt, also das mit dem Anöden.

Beruhigend fand ich auch, dass der Autor stickt. Ich glaube, es war ein Hemd, an dem er gestickt hat. Auf jeden Fall hat er immer viel Zeit zum Faden einfädeln gebraucht, es letztendlich aber immer geschafft, was auch sehr beruhigend zu sehen war. Ich überlege nun ernsthaft, auch mit dem Sticken anzufangen, und zwar im Taxi. Zeit genug habe ich. Neulich habe ich eine Kollegin gesehen, die strickte in ihrer Taxe. Das kommt extrem gut an, jetzt zur Weihnachtszeit, wenn man in seinem Taxi strickt - glaube ich. Gibt bestimmt jede Menge Trinkgeld. Vermutlich aus Mitleid. Oder aus Betroffenheit - wer kann das schon so genau sagen heutzutage. Leider kann ich nicht stricken, will es auch nicht lernen. Sticken kann ich mir vorstellen.

Peter Handke, der Autor, um den es in dem Film geht, den ich gestern im Kino gesehen habe, war nicht gut auf Betroffene zu sprechen. Da war er aber noch ein bisschen jünger, das muss ich dazu sagen. Obwohl, wenn ich's mir recht überlege, war er wohl in dem Moment ziemlich genauso alt wie ich heute. Auf jeden Fall meinte er, so viel kann ich verraten, dass derjenige, der da so betroffen war, sich seine Betroffenheit sonstwohin stecken kann. Oder war es doch schieben? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr genau. Ich sollte wirklich mit Sticken anfangen, dann fällt es mir bestimmt wieder ein ...

PS: Es muss "Ich Betroffener" oder wegen mir noch "Ich - ein Betroffener" heißen, damit es aktiv ist, meint ein Betroffener.

Trailer YouTube
Text TaxiBerlin

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