03.10.2016

MAN HATTE MICH GEWARNT ...


Aleko Konstantinow in Sofia

Es ist nicht so, dass man mich nicht gewarnt hätte. Das nicht. Im Gegenteil, nicht nur eine Person sondern gleich mehrere Leute haben mich gewarnt. Dieses Buch KANN man, ich sollte besser sagen DARF man nicht ins Deutsche übersetzen, geschweige denn herausgeben. Trotzdem wurde es ins Deutsche übersetzt und wird in den nächsten Tagen erscheinen, wenngleich bei einem Verlag in Klagenfurt, also in Österreich. Es geht um "Nach Chicago und zurück" von Aleko Konstantinow, der uns in seinem als "Reisenotizen" getarnten "Roadmovie" mitnimmt auf eine rasante Fahrt von Paris (eigentlich von Sofia aus, doch das ist eine "derart freudlose Geschichte ... ") über den "Großen Teich", nach New York, weiter zu den Niagarafällen und schließlich zur Weltausstellung 1893 nach Chicago. Konstantinow ist der erste Bulgare, der aus der Neuen Welt berichtet und möglicherweise ist sein Buch der Grund dafür, dass es bis heute in Chicago eine große bulgarische Community gibt. Sicher ist, dass "Nach Chicago und zurück" Dank seines unvergleichlich leichten und ironischen Stils ein zeitloses Leseerlebnis ist, das über bloße Unterhaltung weit hinaus geht.

Genau dieses Erlebnis wäre dem geneigten Leser hierzulande beinahe durch die Lappen gegangen, wenn, ja wenn ich auf die gehört hätte, die wie gesagt der Meinung waren und möglicherweise noch sind, dass "Nach Chicago und zurück" nicht ins Deutsche übertragen werden sollte. Der Grund dafür sind die bereits auf Seite Eins (und dann nie wieder) auftauchenden "absonderlichen jüdischen Gestalten", die in der englischen Übersetzung "splendidly repulsive Jewish individuals" heißen, und die, wenn man das bulgarische Original 1:1 übersetzen würde, sogar "äußerst unangenehme jüdische Gestalten" heißen müssten. Man hatte mir nahe gelegt, das darf ich der Wahrheit wegen verraten, die "jüdischen Gestalten" (besser?) mit "Krämerseelen" zu übersetzen, weil der Autor zweifellos die gemeint hat. Nur, wo kommen wir hin, wenn Bücher nachträglich verändert oder auch "nur" anders übersetzt werden? Sind wir da schon bei Orwells "Neusprech"? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Was ich weiß, ist, dass in Oscar Wildes "Bildnis des Dorian Gray" noch ganz andere jüdische Gestalten vorkommen sollen. Die kann nun jeder selbst mit denen in Aleko Konstantinows "Nach Chicago und zurück" vergleichen, das fertig gedruckt ist und, so Gott will, in den nächsten Tagen im Internet erhältlich sein wird, wie ich gerade aus Klagenfurt, wo heute kein Feiertag ist, erfahren habe.

Aleko Konstantinow wurde, das sei bei aller Eile noch erwähnt, wenn man so will im Taxi ermordet. Genau genommen traf ihn eine Kugel, als er seinerzeit als Fahrgast in einer offenen Kutsche saß. Sein durchbohrtes Herz kann (kein Scheiß!) in dem Ort Swishtow an der Donau besichtigt werden, und zwar im Geburtshaus des Autors, das heute ein Museum ist.

Foto&Text TaxiBerlin

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