09.10.2016

"ES FÄLLT MIR VON TAG ZU TAG SCHWERER ... "


"Es fällt mir von Tag zu Tag schwerer, auf dem Niveau meines blauen Porzellans zu leben" - so weit Oscar Wildes (nennen wir es einmal) "Luxusproblem". Meine Probleme sind dagegen ganz reell, um nicht zu sagen existenziell. Es geht ums Taxifahren, was ich auch (nicht nur!) mache, um damit meine Rechnungen zu bezahlen - zumindest bis dato. Genau das fällt mir neuerdings von Schicht zu Schicht schwerer, wobei mir lange Zeit nicht klar war, woran das genau liegt.

Es liegt nicht, wie ich Anfangs dachte, an den vielen Berliner Baustellen, die sich traditionell zum Ende des Jahres vermehren wie der süße Brei. Es liegt auch nicht an den neuen, unübersichtlichen gelben Fahrbahnmarkierungen am Flughafen Tegel, auch nicht an der kompletten Straßensperrung vom Ostbahnhof und schon gar nicht daran, dass der neue Flughaben nicht fertig werden will.

Damit könnte ich als jemand, der die Improvisation mit der Muttermilch aufgesogen hat, leben, und zwar sehr gut. Der Grund, warum ich mich mit jeder Schicht schwerer tue, ist auch nicht der oft zitierte "innere Schweinehund", den es zu überwinden gilt - ganz im Gegenteil! Es ist nämlich genau dieser "innere Schweinehund", der mich zwingt, mich zu quälen, oder genauer: mich quälen zu lassen. So einen "inneren Schweinehund" gibt es auch!

Du willst wissen, was oder besser: wer mich da quält? Ich will es dir sagen: Quälen tuen mich vor allem meine Fahrgäste. Sie quälen mich an erster Stelle mit ihren geistigen, aber auch mit ihren körperlichen Ausdünstungen. (Das herauszufinden war nicht einfach. Es in Worte zu fassen, bereits eine Quälerei.) Wobei Qualen die körperlichen Schmerzen, die mir meine Fahrgäste bei jeder Schicht bescheren, nur völlig unzureichend beschreibt. Aber wie sollte ich es sonst nennen?

Das weißt du natürlich auch nicht. Die Frage ist auch eher rhetorisch gemeint. Aber wie solltest du, rhetorisch hin oder her, auch wissen, wie ich meine Qualen beschreiben soll, wenn du nicht mal weißt, wer diese Qualen verursacht? Das leuchtet selbst dir ein, oder? Oder bist du vielleicht einer von diesen Fahrgästen, die unter permanenter Logorrhoe leidend den lieben langen Tag nur Dünnsinn absondern?

PS: Ich hoffe ("Ey Bruder, auf jeden!"), dass ich meinerseits gleiche oder auch ähnliche Absonderungen vermeiden konnte. Das Verfassen dieser Zeilen, auf die ich größte Mühe verwandt habe ("Kennste Café Moskau?"), ist mir zugegebenermaßen nicht leicht gefallen ("Kannste glooben!"), genauer gesagt: ich habe mich gequält ("Geht Kurzstrecke vom Alex zum Zoo?"), wobei die erwähnten körperlichen Ausdünstungen ("muss totzen!") leider unberücksichtigt bleiben mussten, was aber dem Medium ("Scheiß Taxi!") geschuldet ist.

Text TaxiBerlin

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen