19.05.2016

LITERATUR AM ARBEITSPLATZ


Stillleben mit Toilettenpapier

Die Toilette, genauer: der Ganz zur Toilette, ist ein großes Thema für jeden Taxifahrer, letztendlich aber für jeden, der irgendwie kreucht und fleucht oder eben fährt, auch wenn es nicht unbedingt von jedem gerne angefasst wird, ich meine das Thema. Für einen Taxifahrer als jemand, der mobil ist, ist der Arbeitsplatz das Taxi und nicht das Büro, weswegen manche Taxifirmen gar keine Toilette haben, weil sie oft auch gar kein Büro haben, alles natürlich aus Kostengründen und nicht etwa aus Böswilligkeit. Ich habe das große Glück, für eine Firma zu arbeiten, die noch eine Toilette hat, was heute, wie gesagt, nicht mehr selbstverständlich ist. Das ist aber noch nicht alles! Die Toilette meiner Firma hat sogar ein Fenster mit einem dazugehörigen Fensterbrett, auf dem immer ein Buch liegt. Meine Firma, das kann ich ohne Übertreibung sagen, ist eine für Leute, die schreiben und vor allem auch lesen können. Im Moment liegen auf dem Fensterbrett Schillers Briefe in der "Nationalausgabe", das erwähne ich nur für die Spezialisten unter meinen Lesern.

Übermorgen, also am 21. Mai, wenn das Autorennen auf der Karl-Marx-Allee stattfinden wird, ich berichtete an dieser Stelle darüber, schrieb Schiller unter anderem folgendes an Freund Goethe:

Der Ueberbringer dieses, H. Michaelis aus Strelitz ist der Verleger meines MusenAlmanachs. Wenn Sie ihm einige Augenblicke widmen wollten, so würde ich Sie bitten, mit ihm und unseren Freund Meyer zu deliberieren, ob aus den Beyträgen, die Sie zu dem Almanach bestimmt haben (die Epigramme mit eingeschlossen) nicht einige Stoff zu Vignetten geben, die vielleicht Meyer skitzieren würde. Die Gewohnheit fodert dergleichen Verzierungen, und hier weiß ich keinen Stoff dazu.

Auch wenn wir den Kollegen Schiller am Ende etwas ratlos sehen, so müssen wir - durchaus mit ganz viel Wehmut - zu Kenntnis nehmen, dass damals, also vor ziemlich genau 220 Jahren, noch richtig was los war, da wurde noch deliberiert und man sprach über Epigramme und Vignetten ... nein, nicht die fürs Auto - mein Gott!

Foto&Text TaxiBerlin

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen