31.03.2016

QUALLE AUS MARZAHN


Philosophie eines Verzweifelten

Qualle nahm zum Glück hinten Platz, sonst wäre ich vorne beim Lenken wohl in Schwierigkeiten geraten. Dass er aus Marzahn kam, wusste ich, weil er von mir hin gebracht werden wollte. Qualle war alleine, was nicht nur kein Wunder, sondern auch gut so war, denn für eine weitere Person wäre auch kein Platz mehr gewesen im Taxi.

Qualle war ein, das muss der Wahrheit halber gesagt werden, offener und auch ehrlicher Typ, der mich sogleich wissen ließ, ungefragt - versteht sich, dass er nicht etwa krankheitsbedingt fünf Zentner auf die Waage bringt, sondern ganz einfach deswegen, und darauf war er sichtlich Stolz, dass er zu viel frisst, wie er wiederholt betonte.

Auch wenn Qualle mit seinem Körper, wenn man ihn so nennen darf, nicht besonders pfleglich umging, so machte er aus seinem Herzen keine Mördergrube, wie man so schön sagt. Auf keinen Fall wolle er sich reproduzieren, was auch gar nicht ginge, denn die Gesetze der Schwerkraft lassen sich nicht überlisten, auch nicht von Qualle.

Kinder, so Qualle, lenken sowieso nur vom einzig Wichtigen im Leben ab, und das sei bekanntlich das Fressen, was auch Bertolt Brecht schon wusste, der meinte, dass zuerst das Fressen kommt, und dann erst die Moral. Allerdings, und hier wurde Qualle zum ersten Mal etwas nachdenklich, der Sex fehle ihm schon, also der zu zweit.

Auf der Marzahner Brücke rückte Qualle dann noch mit einem anderen Problem heraus, das ihn fast noch mehr belastete, als das, dass er keinen Sex mehr hat. Niemand wolle mehr mit ihm verreisen, weder im Flugzeug, noch im Taxi, was ich verstand, und weswegen ich ihn nun auch möglichst rasch loswerden wollte, denn ohne Frage wird Qualle, wenn er so weiter macht, und das wird er, eines schönen Tages platzen - nur muss das ja nicht bei mir im Taxi sein ...

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