01.02.2016

TATORT TAXI ODER JEDER HAT DIE FAHRGÄSTE, DIE ER VERDIENT


"Jeder hat die Fahrgäste, die er verdient" stimmt vielleicht nicht immer, aber auf jeden Fall am Sonntag, was daran liegt, dass da die meisten Fahrten, zumindest bei mir, vom oder zum Flughafen gehen, also nicht diese ewigen Party People, die einem in Berlin sonst im Taxi sitzen und dort vor allem eines tun: Rumnerven.

Nein, meine Fahrgäste sind da ganz anders: gebildet, belesen und nicht auf den Mund gefallen, wie man in Berlin sagt. Gut, manch einem muss man die Dinge auch aus der Nase ziehen, insbesondere wenn es um Themen geht, die bestenfalls wohlgelitten sind. Aber wozu fahre ich nun schon über zwanzig Jahre Taxi?!

Gestern ging es nun in meinem "Tatort Taxi" um Jakob Augstein, der nicht der Sohn vom alten Augstein ist, sondern der von Martin Walser, und dessen Kolumne, in der er schreibt, dass Flüchtlings-Gegner eine "deutsche Sondermoral" ablehnen, gegen die er, also Augstein Junior, wenn ich es richtig verstehe, nichts einzuwenden hat.

Obwohl ich den Begriff "deutsche Sondermoral" gestern zum ersten Mal hörte, erinnerte er mich sogleich an den "deutschen Sonderweg", über den ich zuletzt geschrieben hatte. Mein Fahrgast, das war überhaupt der Punkt, war sich nicht sicher, ob im Umkehrschluss zur Augsteinschen Kolumne gilt, dass jeder, der eine "deutsche Sondermoral" ablehnt, automatisch ein Flüchtlingsgegner ist.

Ich weiß es ehrlich gesagt auch nicht. Was ich weiß, ist, dass ich kein Flüchtlingsgegner bin (mein Vater ist selbst ein Migrant), aber trotzdem einer "deutsche Sondermoral" mehr als kritisch gegenüberstehe. Meiner Meinung nach ist eine solche "deutsche Sondermoral" ein Irrweg und, das macht sie außerdem bedenklich, in gewisser Weise auch ein "deutscher Sonderweg".

Schuld, das sollte spätestens seit Sabine Bodes "Kriegskinder" jedem klar sein, ist immer individuell, und kann deswegen auch immer nur individuell und nie kollektiv abgetragen werden, und die gerade gerne praktizierte "Nächstenliebe" sei oft auch keiner "deutschen Sondermoral" geschuldet, sondern einfach nur der schlechten Liebe zu sich selbst ist. Das meinte zumindest mein Fahrgast.

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