29.02.2016

FLÜCHTLINGE HEUTE GESTERN UND FRÜHER


Tagebuchaufzeichnungen 1945 bis 1948

Das ist mal wieder typisch: Alle haben eine Meinung über sie, aber keiner kennt einen. Gut, der eine hat einem von ihnen auf der Straße schon mal Feuer gegeben, und der andere wurde von ihnen auch schon mal nach dem Weg gefragt. Aber das war's dann auch schon. Die Rede ist von Flüchtlingen, mit denen es sich verhält wie mit manchem Buch: Man diskutiert darüber, aber hat es nicht gelesen.

Wenn ich es richtig verstanden habe, werden gerade die Flüchtlinge von heute mit den Ostdeutschen von gestern verglichen, die damals, nach Maueröffnung, in den Westen gegangen sind, und sich dann dort nicht benehmen konnten. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich von diesem Vergleich halten soll, vielleicht so viel, dass die Angst vor dem Fremden offensichtlich nichts typisch Sächsisches ist.

Keine Ahnung, woran das liegt, wahrscheinlich am Krieg in Syrien, aber ich verbinde mit den heutigen Flüchtlingen eher die von nach dem Zweiten Weltkrieg. Deswegen möchte ich auch aus den Tagebüchern von Ruth Andreas-Friedrich zitieren, die den Krieg und auch die ersten Jahre danach in Berlin verbrachte und hier der Widerstandsgruppe "Onkel Emil" angehörte, die unter anderem jüdischen Mitbürgern half, in unserer Stadt unterzutauchen.

Ich weiß, es passt nicht ins Weltbild mancher Leute, dass es hierzulande einen Widerstand gab (dessen Mittel zugegeben äußerst bescheiden waren), denn das waren ja damals alles Nazis. Und doch gab es ihn wohl, und zu ihm gehörte besagte Ruth Andreas-Friedrich und ihr Freund Frank, der am 14. Juni 1945 erstmals auf den Flüchtlingstross auf dem Osten stieß und dazu folgendes sagte:

Machen wir uns doch nichts vor. Dass wir Mitleid empfinden und Tränen vergießen, bedeutet gar nichts. Würden wir etwa jubeln, wenn man in unsere überfüllte Trümmerwohnung eine pommersche Flüchtlingsfamilie einquartierte? Es ist verdammt leicht, von Nächstenliebe zu reden, solange man sie nicht üben muss. Doch übe sie erstmal. Mit acht Quadratmetern Wohnraum pro Person. Mit durchlöcherten Wänden und undichten Türen. Wo jeder jedem auf dem Hals sitzt und jeder jedem auf die Nerven fällt. Du brauchst dir's bloß vorzustellen, dieses Idyll in der Pökeltonne. Du willst ins Badezimmer - besetzt! Du gehst in die Küche - dort trocknet man Windeln. Du findest in dein Zimmer - da dreht der Nachbar das Radio auf. Man hasst sich schließlich, weil man sich nicht ertragen kann. Man wird böse wie ein Teufel und zänkisch wie eine Xanthippe. Du wirst es erleben. (Ruth Andreas-Friedrich, "Schauplatz Berlin")

Text TaxiBerlin

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