16.01.2016

IM TAXI MIT ADOLF HITLER


Das Deutsche Urheberrecht besagt, dass nach einer Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Autor die Rechte an seinem Werk frei sind. Im Falle von Hitlers "Mein Kampf" wäre das ziemlich genau jetzt, wenn das Gesetz Anwendung finden würde, was es aber nicht tut, weil das bayrische Finanzministerium etwas dagegen hat. Dieses vertritt die Auffassung, dass ein Nachdruck auch nach Erlöschen des Urheberrechts als Verbreitung verfassungsfeindlicher Propaganda sowie als Volksverhetzung strafbar sei, was zumindest verwunderlich ist, denn der Besitz, Kauf und Verkauf antiquarischer Exemplare des Buches sind nicht strafbar, mit der Begründung, dass das Buch älter als die Bundesrepublik Deutschland ist, und sich somit nicht gegen ihre Verfassungs- und Rechtsordnung richten kann.

Ich bin kein Jurist sondern Taxifahrer, und als solcher finde ich es merkwürdig, dass mir die Lektüre eines Buches, sagen wir mal, zumindest erschwert wird, denn verboten, wie viele denken, ist Hitlers "Mein Kampf" ja nicht, aber die Rechtslage dazu, wie oben beschrieben, zumindest unübersichtlich. Was mich daran an erster Stelle stört, ist die Bevormundung durch den Deutschen Staat, der offensichtlich der Meinung ist, entscheiden zu müssen, welche Bücher seine Bürger besser nicht lesen, was wiederum gut in unsere Zeit passt, wo oft und gerne über Bücher diskutiert wird, die kaum jemand gelesen hat. Doch zurück zur Bevormundung, die, schaut man sie sich etwas genauer an, auch Ausdruck eines Misstrauens des Staates gegenüber seinen Bürgern ist, möglicherweise, und das wäre nun wirklich fatal, vor allen Dingen deren Denkvermögen gegenüber.

Grundsätzlich empfiehlt es sich, sich einer Quelle so weit es geht zu nähern, was bei Hitlers "Mein Kampf" wie beschrieben etwas schwierig aber nicht unmöglich ist. Was die Person Adolf Hitler angeht, die mit seinem Buch verbunden ist, sieht es etwas besser aus, aber auch nicht wirklich, sieht man sich "Er ist wieder da" an. Wer sich wirklich mit der Person Hitler beschäftigen möchte, dem empfehle ich "Anmerkungen zu Hitler" von Sebastian Haffner. Aber wem sage ich das, heute wissen ja alle über Hitler bescheid, beispielsweise auch der Polizist, der sich genau dieses Buch von Haffner, das bei mir im Taxi hinter der Windschutzscheibe lag, mindestens zehn Minuten ansehen musste, um ganz sicher zu sein, dass es auch wirklich kein verbotenes Buch ist, bevor er seinen eigentlichen Job fortsetzen konnte, nämlich Knöllchen schreiben.

Haffners Buch "Anmerkungen zu Hitler erschien erstmals 1978, wurde danach viele Male neu herausgegeben und hat folgende sieben Kapitel die Person Adolf Hitler betreffend: Leben, Leistungen, Erfolge, Irrtümer, Fehler, Verbrechen und Verrat. Beginnen wir, wie so oft im Leben, auch hier von hinten, und zwar mit dem Verrat, weil es, das ist meine Erfahrung, der Teil der Geschichte ist, der am wenigsten bekannt ist. Haffner sagt, und da hat ihm bisher niemand widersprochen, dass es Hitler spätestens ab Herbst 1944 nicht, wie viele denken, um einen "heroischen Endkampf" ging. Nein, Hitler ging es damals um etwas ganz anderes, und das formulierte er so:

"Ich bin auch hier eiskalt. Wenn das deutsche Volk einmal nicht mehr stark und opferbereit genug ist, sein Blut für seine Existenz einzusetzen, so soll es vergehen und von einer anderen, stärkeren Macht vernichtet werden. Ich werde dem deutschen Volk keine Träne nachweinen."

Das mit dem "keine Träne nachweinen" wiederholte sich 1989 noch einmal, und der, der das damals gesagt hat, ist heute auch nicht mehr, aber das ist eine andere Geschichte. Zurück zu Hitler, dessen letztes Ziel, so Haffner, die Vernichtung Deutschlands war, das er aber nicht ganz erreichen konnte. Erreicht hat er damit, so Haffner weiter, dass Deutschland sich am Ende von ihm lossagte. Nur, und das ist nach Haffner nicht gut, wissen das viele heute nicht mehr. Es gibt sogar einige, auch heute noch, die das, was Hitler am Ende seines Lebens plante, gut finden. Bewusst oder unbewusst, Geheim oder Insgeheim, spielt dabei keine Rolle. Nur, so Haffners Resümee, erfüllen sie damit Hitlers letzten Willen, und das ist ... Schade.

PS: Fällt mir gerade noch ein. Der mehrbändige Romanzyklus des norwegischen Bestsellerautors Karl Ove Knausgard heißt im Original "Min Kamp", was auf Deutsch ebenfalls "Mein Kampf" heißt.

Text TaxiBerlin

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