24.08.2015

ICH FAHRE ALLES oder AUCH ICH EIN PROFITEUR




Die Heinersdorfer Straße - welcher Taxifahrer kennt sie nicht?! Und natürlich auch das Restaurant "Weißes Rössl", das älteste bayrische Wirtshaus in Berlin, genauer gesagt in Lichterfelde. Dass ich die Lokalität kenne, hängt, um ganz ehrlich zu sein, mit diesen blöden Party People zusammen, die gerade mal wieder, wie eigentlich immer, Berlin heimsuchen. Das ganze kam so:

Seit einiger Zeit komme ich mir vor wie ein elender Profiteur, um nicht den Ausdruck Kriegsgewinnler zu bemühen, und zwar deswegen, weil ich vorzugsweise eben erwähnte blöde Party People durch Friedrichshain/Kreuzberg und Mitte kutschiere, und somit von ihnen profitiere, obwohl ich sie gar nicht leiden kann. Um auch hier bei der Wahrheit zu bleiben, mit der kommt man bekanntlich am weitesten, hasse ich Party People, aber das ist schon wieder ein anderes Thema.

Dass es im Moment gut läuft im Taxi, trotz Krise und Völkerwanderung, hat mit der Tariferhöhung vor einigen Wochen zu tun, aber vor allem eben mit besagten Party People, die sich das Taxifahren noch leisten können, Hauptsache es geht zur nächsten Party. Ich würde auch lieber Flüchtlinge durch die Gegend fahren, das kannst du mir glauben, aber die zahlen halt schlechter.

Aktuell frage ich mich, was ich den Flüchtlingen anbieten kann außer mein Taxi. Ich habe keine Äpfel, keine Schrippen und auch keine Eier - zumindest nicht zum Verschenken. Mir fällt nur Deutschunterricht ein, aber auch Ortskunde wäre eine Option. Ich überlege ernsthaft nach Moabit zu fahren, um dort sozusagen fliegenden Unterricht für Flüchtlinge anzubieten.

Dabei denke ich nicht, dass Flüchtlinge die besseren Menschen sind. Das nicht. Mit Sicherheit haben sie die interessanteren Geschichten anzubieten. Aber vor allem leiden sie nicht, worunter so viele Menschen hierzulande leiden, und zwar an Langeweile. Komischerweise ist Langeweile bisher noch nicht als selbständige Krankheit anerkannt, wo es doch so viele eingebildete gibt.

Denn warum müssen Menschen ständig feiern, wenn nicht aus Langeweile? Warum müssen sie trinken, rauchen und wegen mir auch ficken, wenn sie es denn noch können, wenn nicht aus Langweile? Warum müssen sie ständig um die halbe Welt jetten, wo sie auch zu Fuß gehen und Landesgrenzen auf althergebrachte Weise überschreiten könnten, wenn nicht aus Langeweile?

Klar, ich könnte jetzt auch was spenden für die Flüchtlinge. Beispielsweise ein paar Einnahmen, die mir Party People beschert haben. Aber sollte ich darüber schreiben? Ich könnte auch einen Flüchtling bei mir zu hause aufnehmen. Auch das ginge. Nur, wo soll ich dann wohnen? Ich könnte auch 40 anstelle von 30 Stunden die Woche arbeiten, aber will ich das?

Am praktikabelsten und auch am zweckmäßigsten erscheint mir, mich an erster Stelle fern zu halten von den Party People, oder genauer gesagt, sie fern zu halten von meinem Taxi, weswegen ich neuerdings meine Dienste vorzugsweise in den Außenbezirken von Berlin anbiete.

Auch, damit ich voran komme, denn darauf kommt es im Leben an. Und wenn ich mich gut fühle, fällt mir bestimmt auch was ein, was ich tun kann, damit sich auch Flüchtlinge bei uns gut fühlen.

Foto&Text TaxiBerlin

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