02.07.2015

IM TAXI MIT RONJA VON RÖNNE


Berlin grüßt Klagenfurt

Bevor es losgeht, etwas in eigener Sache. In Zukunft werde ich wohl weniger zum Schreiben kommen, was aber nicht an mir liegt, sondern an der Parkraumbewirtschaftung. Die gibt es seit einiger Zeit auch in meinem Kiez, und sie macht meine Wege vom und zum Taxi mit jedem Tag länger, weil Taxen, die heute hier und morgen dort parken, eigentlich einen Aufkleber für mehrere Zonen bräuchten, ihn in der Regel aber für keine Zone bekommen. Und da die Kosten für's Parken nicht mit dem Mindestlohn kompatibel sind, muss ich das Taxi jetzt immer weit weg in Lichtenberg und manchmal auch in Hohenschönhausen abstellen; und es ist auch schon vorgekommen, dass ich länger zum Taxi gelaufen bin, als dass ich im Taxi saß.

Dort, also in meinem Taxi, hat mir neulich Ronja von Rönne gesessen, was ich aber erst gestern Abend vorm Fernseher realisiert habe, mit wem ich da beinah aneinander geraten bin. Sie stieg mir in Mitte ein, was ja OK ist, bestand aber darauf, im Taxi rauchen zu dürfen. Dabei wird ihr vom Rauchen immer schlecht, denn sie ist ja erst 23. Das sah sie dann auch selber ein, auch weil sie es eilig hatte, sie wollte rasch noch Berlin Mitte verrückt machen, wie sie es nannte.

Warum jemand gerade den langweiligsten Stadtbezirk der Stadt aufmischen will, verstand ich nicht, und deswegen fragte ich nach. Eigentlich wolle sie nur das St. Oberholz am Rosenthaler verrückt machen; um ganz genau zu sein nur die Leute, die dort reingehen. Auch das verstand ich nicht. Was für ein Aufwand, die langweiligsten Leute im langweiligsten Stadtbezirk aufzumischen.

(Über das St. Oberholz habe ich bereits vor vier Jahren geschrieben. Es ist ein alter und vor allem langweiliger Hut, und wer dort reingeht, ist selbst dran Schuld. Wird schließlich keiner dazu gezwungen ...)

Jetzt, nachdem ich sie gestern im Fernsehen beim Bachmann Preis in Klagenfurt gesehen habe, verstehe ich Ronja von Rönne, angeblich heißt sie wirklich so, etwas besser, wenn auch nicht ganz. Ronja hat übrigens auch einen Blog, und dort erklärt sie auch gleichmal ihr Credo, und zwar dass sie gerne geradeaus geht, aber auch jammern darf, solange sie eigentlich keinen Grund hat, was in Berlin einfach nur infantil ist, und weswegen sie jetzt auch in Klagenfurt ist.

Das mit dem geradeaus gehen, verstehe ich. Geht mir schließlich genauso. In Berlin fährt man sowieso die meiste Zeit geradeaus. Neuerdings muss ich aber auch öfters abbiegen, ich erwähnte das eingangs, und zwar wenn ich - zu Fuß - auf dem Weg vom oder zum Taxi bin. Ich hätte also allen Grund, mich zu beklagen. Aber tue ich es? Nein, ich bleibe ganz ruhig und schreibe einfach nur etwas weniger. Zum Beklagen ohne Grund fehlt mir die Zeit.

Ronja, sie ist wie gesagt erst 23, hat auch schon mal etwas über den Feminismus geschrieben, was sie heute so nicht mehr schreiben würde, zumindest teilweise. Auch das kenne ich gut. Ich würde auch viele Sachen heute anders machen als früher, und ich mache sie auch anders. Das hat allerdings zu Folge, dass mir dann wieder Gründe zum Beklagen fehlen. Ein Teufelskreis.

Laut Ronja ist der Feminismus zu einer "Charityaktion für unterprivilegierte Frauen" geworden. Und Ronja muss es wissen, denn sie ist auch total unterprivilegiert. Ich bin keine Frau. Ich kann da nicht mitreden. Mich interessieren eher so Fragen, warum Männer im Durchschnitt deutlich früher sterben, was sowohl privilegierte als auch unterprivilegierte betrifft. Das wäre doch mal ein echter Grund zur Klage, aber Ronja beklagt sich eben lieber ohne Grund.

Deswegen hat sie gestern auch das ganze Bachmann Kasperle Theater in Klagenfurt mit stundenlangen Vorstellungen von Landeshauptmännern und Sponsoren des gleichnamigen Preises, sind übrigens nur ein paar Tausend Euro, brav und klaglos mitgespielt, obwohl es nicht zum Aushalten war. Wenn man, und auch frau, ständig ohne Grund jammert, beklagt man, und auch frau, sich eben nicht mehr, wenn es gute Gründe zur Klage gibt. So ein Jammerpotential ist eben auch begrenzt. Zum Schluss durfte Ronja dann immerhin mal aufstehen und ihr Los ziehen, in dem der Tag und die Stunde stand, zu der sie lesen muss. Sagen durfte sie nichts, und rauchen durfte sie auch nicht. Die Ärmste.

Immerhin die roten Lippen kamen an. Aber nur rote Lippen und irre Haare bringen keine Klicks und Likes, die Ronja so wichtig sind. Und trotzdem habe ich das ungute Gefühl, dass Ronja von Rönne irgendeinen Preis gewinnen wird. Auf jeden Fall den Publikumspreis, der ist ihr sicher - denke ich. Dafür reichen ein paar rote Lippe und die Haare irr im Gesicht. Den Schmollmund nicht vergessen! Und wenn die Zigarette aus ist, darf sie die sicherlich auch in Klagenfurt für ein Foto mal in der Hand haben.

Was Ronja von Rönne sonst so schreibt? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Aber wer weiß schon, was Ingeborg Bachmann geschrieben hat? Und wer hat es auch wirklich gelesen? Ingeborg Bachmann soll sich, dass ist aber nur eine unbewiesene Behauptung, übrigens Hochgeschlafen haben. Das nenne ich originell und würde es, selbst wenn es nicht stimmt, was sehr wahrscheinlich ist, beim Jammern auch ohne Grund auf jeden Fall durchgehen lassen.

PS fällt mir doch noch was ein, was Ingeborg Bachmann geschrieben hat, und zwar dass die Wahrheit dem Menschen zumutbar ist.

Foto&Text TaxiBerlin

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