28.07.2015

BLOGGEN MACHT DOOF


Mollstraße / früher Mitte / heute neue Mitte

Schwer zu sagen, was jetzt Ursache und was Wirkung war. Auch dass alles mit den Ferien in Berlin begann, ist keinesfalls bewiesen. Letztendlich ist es auch nicht wichtig, das Ganze "Wieso, Weshalb, Warum", weil es nur vom Eigentlichen ablenkt.

Fakt ist, dass ich seit Ferienbeginn vor zehn Tagen nur einen Fahrgast hatte. Das ist jetzt kein Scheiß. Einen Fahrgast. In meinem Taxi. Seit zehn Tagen. Nun bin ich daran nicht ganz unschuldig. Das muss ich der Ehrlichkeit halber zugeben. Doch dazu später mehr.

Wenden wir uns erst dem Wesentlichen zu. Die Zahl meiner Fahrgäste korreliert mit der meiner Leser. Jetzt zum Beispiel ... Sekunde ... ich muss mal nachschauen ... bleib mal kurz dran ... Du willst es doch auch wissen ... aha, hier ist es ... also jetzt ... genau in dem Moment ... habe ich exakt einen Besucher ... auf meiner Seite.

Das musst wohl Du sein!

ABER, und ich schreibe dieses ABER nicht umsonst in Großbuchstaben: Quantität ist nicht alles! Ich weiß, viele wollen davon nichts wissen, dass es da auch noch sowas wie Qualität gibt. Deswegen kaufen auch alle Chinakacke, die zwar nichts taugt, aber billig ist.

Auf genau diesen, ich sag mal "großen" Zusammenhang, hat mich dieser eine Fahrgast hingewiesen, den ich in den letzten zehn Tagen hatte. Gut, der Typ, der ungefähr in meinem Alter gewesen sein mochte, hat jetzt nichts gesagt, worauf ich nicht auch selbst gekommen wäre. Immerhin hatte ich dadurch, dass ich keine Fahrgäste hatte, genug Zeit zum nachdenken.

Ich möchte aber auch hier bei der Wahrheit bleiben. Nicht nur, um dem Urheberrecht Rechnung zu tragen, sondern auch, weil ich weiß, dass die Ideen meines Fahrgasts auf Widerstand stoßen werden. Es sind nicht meine Ideen. Ich bin nur der Überbringer. Auch das eine genuine Aufgabe des Taxifahrers.

Bevor ich zur Idee, oder sollte ich besser Meinung sagen?, meines Fahrgastes komme, nochmal etwas zu Quantität und Qualität. Natürlich hätte auch ich lieber mehr Fahrgäste. Von irgendwas muss auch ich am Ende des Monats meine Rechnungen bezahlen. Trotzdem bin ich nicht böse, weder dass ich nur einen Fahrgast habe, noch dass Du mein einziger Leser bist. Denn ihr beide, also Du und der Fahrgast, ihr seid unbezahlbar.

Jetzt zu meinem Fahrgast. Natürlich erzählte ich ihm von meinem Blog. Also dem hier, wo Du, mein einziger Besucher, bis jetzt tapfer durchgehalten hast. Ich erzähle übrigens nicht allen meinen Fahrgästen von meinem Blog. Bei dem einen Fahrgast in zehn Tagen konnte ich mich aber nicht zurückhalten. Wenn ich ganz ehrlich sein soll, bin ich einer von diesen Wichtigtuern im Taxi.

Ich habe schon viel darüber nachgedacht. Zeit genug habe ich ja. Ich weiß auch, warum ich mich immer in den Mittelpunkt stellen muss. Trotzdem kann ich es nicht abstellen. Ich brauche einfach Aufmerksamkeit. Das ist auch menschlich. Insbesondere nach zehn Tagen ohne einen einzigen Fahrgast. Das ist letztendlich schlimmer als Einzelhaft, und zwar, weil man nicht wirklich eingesperrt ist. Ich habe es mir ja selbst ausgesucht.

Genauso das mit dem Bloggen. Das habe ich mir auch selbst ausgesucht. Gerade ist noch einer zweiter Besucher meiner Seite aus Amerika dazugekommen. Dort ist mein Stern, frag mich nicht warum, seit einiger Zeit im Steigen begriffen. Das war auch der Moment, wo mein Fahrgast, also mein Einziger in zehn Tagen, ansetzte.

Das Bloggen, so mein Fahrgast, käme nicht umsonst aus Amiland. Und weiter: Bloggen ist so oberflächlich wie die Amis. Stichwort: "How are you" bedeutet eben nicht, dass dort irgendjemand an deiner wirklichen Verfassung interessiert wäre. "How are you" heißt einfach nur "Hallo" und ist mit "I'm fine" zu beantworten, dem das eigene "Hallo" also "How are you" folgt.

Das war aber nur der Prolog zu einem Monolog meines Fahrgasts, den ich seiner Länge wegen hier nur stark gekürzt wiedergeben kann. Bloggen in seinem eigentlichen Sinne von täglichem Tagebuch schreiben, davon war mein Fahrgast überzeugt, sei wie "Fast Food". Nichts gegen "Fast Food", böse Zungen nennen es "fast Essen", auch das muss es geben. Aber wer will schon jeden Tag "Fast Food"?

Jetzt begann mein Fahrgast sich über die Oberflächlichkeit des Bloggens auszulassen. Hier sah er, wie gesagt, eine Verbindung zu den Amerikanern, die aber nicht der Grund seien, warum Bloggen oberflächlich und damit doof sei. Seine These: Wer täglich etwas sagen muss, sagt am Ende gar nichts.

Das klingt erstmal hart, und vor allem nicht schön. Das sah auch mein Fahrgast ein. Aber es gehe eben nicht um einen Schönheitspreis. Es ginge darum, ob ich wirklich etwas zu sagen habe, oder ob ich plappere oder sabbele, wie der Berliner sagt, um zu plappern oder zu sabbeln. Dass es niemandem auffällt, dass so viel geplappert und gesabbelt wird, läge daran, so mein Fahrgast, dass alle es tun.

Das Plappern und auch das Sabbeln sei zu einem flächendeckenden Phänomen geworden, wo Ausnahmen nur die Regel bestätigen. Meist sind die Ausnahmen auch keine wirklichen Ausnahmen, sondern haben einfach nur weniger Leser, weswegen sie sich bereits als qualitativ wertvoller betrachten.

Schau ins Internet, schlag irgendeine Zeitung auf oder geh in den nächsten Buchladen. So viel Flachheit war nie. Wobei "nie" relativ sei. Natürlich bekommt man auch gute Bücher, nur muss man die bestellen und auf sie warten. Aber wer kann heute noch warten. Man findet auch anspruchsvolle Zeitungen und manchmal sogar interessante Seiten im Internet. Nur wer sucht wirklich noch.

Die Leute sind satt, so mein Fahrgast, und da stören neue Ideen nur. (Von revolutionären wollte er gar nicht anfangen.) Außerdem wissen sie schon alles. Und vor allem ginge es darum, Besitzstände, wenn auch nur vermeintliche, zu wahren.

Ich könnte noch mehr schreiben über meinen einen Fahrgast. Ich will meine Leser aber nicht, gerade ist noch ein zweiter in Amerika hinzugekommen, überfüttern oder überfordern. Zum Schluss noch die Antwort auf die Frage, warum ich nur einen Fahrgast in zehn Tagen hatte. Ich hätte vielleicht einfach mal arbeiten sollen ...

Foto&Text TaxiBerlin

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