21.06.2015

NEULICH IN DER MÄNNERGRUPPE


Einzelbesprechung

Seit einiger Zeit gehe ich Mittwochs immer zur Männergruppe. Ich weiß, das wird jetzt einige überraschen. Aber das gibt es noch. Also ich meine etwas ohne die Quote. Wir sind wirklich nur Männer in der Männergruppe. Naja - fast. Die Lehrerin ist eine Frau.

Alles fing mit einer Routineuntersuchung Anfang des Jahres an, bei der zu viele Hormone festgestellt wurden. Irgendwie muss meine Krankenkasse Wind davon bekommen. Frag nicht wie. Auf jeden Fall schickte die mich zu dieser Männergruppe. Und weil ich mit der Krankenkasse keinen Ärger haben will, bin ich hingegangen.

Letzten Mittwoch war ich zum fünften Mal da, und ich muss sagen, es gefällt mir. Das liegt daran, dass ich das Gefühl habe, dass es dort wirklich um meine Befindlichkeit geht, und nicht darum herauszufinden, wie die Befindlichkeit der Frau ist. Ich weiß, das klingt unwahrscheinlich, aber geh du mal in eine Männergruppe.

Die meisten Männergruppen sind direkt oder indirekt von Frauen unterwandert. So gut kenne ich mich damit nicht aus, aber man nennt das glaube ich Feminismus. Nicht so in meiner Männergruppe. Da geht es wirklich um mich und mein Leben, und dass es möglichst lang ist. Koste es, was es wolle

Und dem stehen genau meine Hormone im Weg. Es ist ja bekannt, dass Männer nicht so lange leben wie Frauen. Weniger bekannt ist, woran das liegt. An den Hormonen. Vor allem an dem bösen Testosteron, wie wir von unserer Lehrerin erfahren mussten. Deswegen wird es weggeredet - in der Männergruppe. Manchmal auch in Einzelgesprächen, aber das sind Ausnahmen.

Alle anderen Männer haben übrigens dasselbe Problem. Das vergaß ich bisher zu erwähnen. Bei einigen klappt es mit dem Wegreden, bei anderen nicht. Bei mir klappt es nicht, und das verstehe ich nicht. Klar ist, dass Hormone nur ein Konstrukt sind, und zwar ein gesellschaftliches. Der Penis übrigens auch. Aber das ist bekannt.

Das ist ja Mainstream, genau genommen "Gender Mainstreaming". Aber trotzdem verstehe ich es nicht. Deswegen habe ich auch Angst. Angst auch davor, dass man mir irgendwas abschneidet. Natürlich nur zu meinem Besten. Daran habe ich keinen Zweifel. Immerhin ein Jahr mehr soll das bringen. Leben, meine ich.

Was genau abgeschnitten werden soll, weiß ich nicht. Auch eine Komplettumwandlung, was immer das sein mag, wäre möglich. Das biologische Geschlecht kann keiner ändern - nicht mal Gender. Immerhin ein Jahr mehr, aber das sagte ich bereits.

Bliebe immer noch eine Differenz von fünf Jahren, die Frauen länger leben. Die bleiben. Da kann man dem Mann sonstwas abschneiden. Das liegt an den "gesellschaftlichen Rahmenbedingungen", sagt auch unsere Lehrerin. Die zu ändern, sei aber nicht ihr Job.

Meiner auch nicht. Ich will nur Taxi fahren. Und wenn ich ein Jahr länger Taxi fahren kann, dann mach ich das. Eigentlich könnt ich auch ein Jahr länger Rentner sein. Aber daraus wird wohl nix. Und auch nichts damit, dass ich noch irgendwas zur Quote im Taxi beitragen könnte. Vielleicht aber doch. Stichwort: Komplettwandlung.

Foto&Text TaxiBerlin

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