28.06.2015

IM TAXI MIT DOKTOR MOTTE


Doktor Motte im Taxi

Heute morgen schloss sich ein Kreis, und es begann mit einem Döner, aber eigentlich mit einer Taxifahrt. Vor etwa zehn Jahren. "Am Anfang war der Döner" - ein schöner Anfang für ein Buch. Leider schreibe ich hier nur einen Beitrag, und zwar folgenden:

Ich stand am Hackeschen Markt und aß einen Döner vom an der Taxihaltestelle befindlichen Türken meines Vertrauens, dem "All in one Döner". Da die Speisung des Taxifahrers noch nicht abgeschlossen war, ließ ich bereits Fahrgäste in die Taxi hinter mir einsteigen, was aber OK war, denn der Kollege wollte sowieso schon vordrängeln.

Was ich nicht wusste, was ich aber in dem Moment begriff, war, dass alles, was  am gestrigen Abend geschah, einem größeren Plan folgte. Ich hatte gerade den letzten Dönerbissen im Mund, da bog kein geringerer als DJ Doktor Motte, der Erfinder der Love Parade, mit seinem kleinen aber schweren Wagen voller Platten um die Ecke.

Ich erkannte ihn sofort, was daran lag, dass er mir vor zehn Jahren schon einmal im Taxi saß. Dazu später mehr. Doktor Motte grüßte für die späte Stunde, es war ziemlich genau zwei Uhr morgens, ordnungsgemäß mit "Guten Appetit", was leider unerwidert bleiben musste, da ich noch am letzten Bissen von meinem Döner kaute.

Kaum im Taxi, beklagte sich Doktor Motte, dass es hier nach Döner riechen würde, wofür ich mich natürlich sogleich, jetzt konnte ich wieder sprechen, entschuldigte. Zeitgleich rissen wir beide unsere Fenster auf, und die Angelegenheit war damit gegessen. Doktor Motte wollte wissen, ob ich wegen dem CSD gut zu tun gehabt hätte.

Dazu konnte ich nichts sagen, weil ich mich von dem, ich schrieb gestern darüber, fern gehalten hatte. Das sei nicht meine Zielgruppe. Außerdem fahre ich nur noch Einzelpersonen, nach Möglichkeit Akademiker, und nur mit Doktor-Titel. Ob ich ihn mal meine Lieblingsmusik vorspielen darf, fragte ich ihn, was ein Fehler war.

Berliner fragen nicht, Berliner machen einfach, womit er Recht hatte. Das war un-professionel oder besser un-berlinerisch von mir. Ich musste nicht überlegen, was zu dieser Fahrt passt. Es war das zweite Lied auf der einliegenden CD. Das Stück heißt "Molto vivace", ist knapp elf Minuten lang, und würde also bis zum Wedding reichen.

DJ Doktor Motte erkannte natürlich sofort Beethovens Neunte, das war keine Überraschung, schließlich ist er Doktor. Seine Mutter höre gerne die späten Streicher von Beethoven, was ich mir sofort zwecks Nachhören notierte. DJ Doktor Motte erkannte aber nicht nur die Neunte, sondern bald auch die Aufnahme.

Es war die vom 25. Dezember 1989 im Schauspielhaus, heute Konzerthaus, am Gendarmenmarkt, die, wie auch die Zeit damals, eine unglaubliche Energie hat, was man auch hört. Es war die Zeit, als in Berlin alles möglich war. DJ Doktor Motte dirigierte hinter mir in der zweiten Reihe mit. "Luft dirigieren" - wenn es sowas gibt.

Das Orchester ist ein Mix von Mitgliedern der Staatskapelle Dresden, dem Orchester des Kirow-Theaters Leningrad, dem London Symphony Orchestra, den New York Philharmonics und dem Orchestre de Paris. Der Chor ist der des Bayrischen Rundfunks, des Rundfunkchors Berlin (DDR) und dem Kinderchor der Dresdner Philharmonie.

Dirigiert wird das ganze von Leonard Bernstein, und das auch gut, aber Karajan hätte es natürlich besser gemacht, da waren DJ Doktor Motte und ich uns einig. Als er Karajan ins Spiel bringt, musste ich ihm sogleich den Witz erzählen, wo Karajan in ein Taxi steigt, aber das Fahrziel vergessen hat. Wo sollte der Taxifahrer ihn aber hinfahren? Egal, er - Karajan - würde überall gebraucht!

Bei Doktor Motte war das Fahrziel klar, irgendeine kleine Seitenstraße am S- und U-Bahnhof Wedding. Er hat 'ne Zeit lang in der Kastanienallee im Prenzlauer Berg, auch bekannt als Castingallee, gewohnt, sei aber nie dort angekommen, was ich sehr gut verstand, obwohl ich da gelegentlich ankomme, also mit dem Taxi jetzt.

Nun sei Doktor Motte, der schon immer und ewig mit dem Taxi nach Hause oder zum nächsten Auftritt fährt, wieder zurück in den Westen, genauer Wedding, gezogen, denn dort komme er her. Dort kennt er sich aus. Dort kennt man ihn. Das kann ich bestätigen.

Vor etwa zehn Jahren saß mir Doktor Motte nämlich schon mal im Taxi, und dort wußte er, wie der Mehringplatz am Halleschen Tor früher hieß, was nicht viele wissen, und zwar Belle Allianz Platz. Damals wollte ich ihn deswegen loben, aber gleichzeitig auch etwas necken, als ich ihn fragte, ob er denn ein Kollege von mir sei.

Damals konnte Doktor Motte, der am Mehring- alias Belle Allianz Platz groß geworden ist, nicht darüber lachen. Gestern schon. Dort wo er jetzt wohnt, also die kleine Seitenstraße im Wedding, wohnen übrigens neben Doktor Motte auch noch andere ganz normale Leute, und ich habe sie, glaube ich, heute morgen um zehn nach zwei alle noch kennengelernt, denn sie waren alle noch auf der Straße.

Sie waren aber nicht alle nur einfach so auf der Straße, sondern ich hatte fast den Eindruck, dass sie alle auf DJ Doktor Motte warten würden, damit ihre Party, eine türkische Hochzeit, endlich losgehen könne. Auf jeden Fall wurde er von allen per Handschlag begrüßt, weswegen ich mich in eine lange Schlange einreihen musste, um mich von ihm angemessen auf dieselbe Art verabschieden zu können.

Leb wohl, Doktor Motte! Lass es Dir gut gehen und bis bald mal wieder bei Beethoven & Co im Taxi!

Foto&Text TaxiBerlin

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