12.06.2015

IM TAXI MIT DEM JAPANISCHE FERNSEHEN


Made in Japan

Letzten Samstag war nicht nur König Fussball in der Stadt, sondern auch das Japanische Fernsehen, und zwar um einen Dokumentarfilm über "Berlin und seine Taxifahrer" zu drehen. Soviel wusste ich aus einer e-mail, die mich ein Tag zuvor von der Übersetzerin erreichte. Später am Abend rief sie, ich hatte sie bereits hier kurz erwähnt, mich auch noch an, um mir mehr darüber zu berichten.

Der Titel "Berlin und seine Taxifahrer" kann alles und nichts bedeuten, weswegen ich erstmal hören wollte, "wohin die Reise gehen soll" bei den Dreharbeiten. Ich sollte erzählen und natürlich auch zeigen, wo die Berliner am Samstagnachmittag sind und was sie da machen. Dass ich mit denen da nicht zum Brandenburger Tor und auch nicht zum Potsdamer Platz fahren würde, war klar, zumindest mir.

Mir gefiel die Idee, machen zu können, was ich wollte, weswegen ich nicht nach Bezahlung fragte. Dass es in Berlin nichts mehr umsonst gibt, dürfte sich mittlerweile auch bis nach Japan herumgesprochen haben. Ansonsten gilt beim Taxifahren: No Risk - No Fun! Die Dreharbeiten sollten ein bis zwei Stunden dauern. Die Zeit hatte ich. Die Japaner schienen offen zu sein, und ich wollte es wissen.

Ob ich schon den Tachometer angeschaltet hätte, war am Samstagnachmittag die erste Frage der Übersetzerin. Hatte ich natürlich nicht. Ob das Taxameter auch OK ist, fragte ich sicherheitshalber nach. War es, womit klar war, dass die Dreharbeiten nach Uhr bezahlt werden. Das ist in Ordnung, das kann man machen.

Wie immer hatte ich meine beiden gelben Bauhelme im Taxi. Der Redakteur aus Japan, ein junger Mann um die Dreißig, wollte mehr darüber erfahren. Ich erzählte es ihm. Seine Nachfragen verrieten mir, dass er die Sache ernst nahm, was nicht selbstverständlich ist. Darüber schmunzeln oder wegen mir auch lachen ist eine Sache. Eine andere, sich darüber lächerlich zu machen. Alles schon erlebt.

Wohin die Berliner am Samstagnachmittag gehen, konnte ich nur vermuten, da ich selbst Samstagnachmittags schlafe, weil ich die Nacht davor arbeite. Ich schlug vor, zu einer Kleingartenanlage zu fahren, um zu schauen, ob Berliner dort sind. Ich sollte Recht behalten, was keine Überraschung war, denn bei dem Wetter am Samstag war es nicht schwer, die richtige Nase zu haben.

Auf der Fahrt erzählte ich den Japanern von den wilden Neunzigern, wo Geld keine Rolle spielte und das Lebensgefühl "Alles ist möglich" war. Auch und gerade im Ostteil der Stadt, wo Polizei einige Zeit nicht zum Straßenbild gehörte. Eine gewisse Art von Anarchie lag in der Luft, bis die ersten Bullen aus dem Westen rüberkamen, um die neue Ordnung durchzusetzen. Die Räumung der besetzten Häuser in der Mainzer Straße im November 1990 ist da nur ein Beispiel.

Der Redakteur aus Japan war nun, wenn man so sagen darf, "Feuer und Flamme" und wollte mehr über diese Zeit erfahren und vor allem sehen. Vergangenes ist vergangen, und heutiges hat mit dem in der Regel wenig zu tun. Trotzdem kann es sinnvoll sein, sich vergangene Orte heute anzusehen, um zumindest eine Vorstellung zu bekommen.

Da ich damals in der Rigaer wohnte, fuhr ich mit den Japanern genau dorthin. Immerhin gibt es hier noch den "Fischladen", das "Filmrisz" und neuerdings auch wieder die "Russenbar". Die hatte einige Zeit geschlossen, wahrscheinlich weil sie nicht ganz legal war. Keine Ahnung, ob sie das heute immer noch ist. Ich weiß auch nicht, ob jetzt alle ordentliche Mietverträge haben, vermute es aber.

Es war immer noch Nachmittag und die Bars hatten natürlich alle noch geschlossen. Die Japaner konnten eine Abkühlung gut gebrauchen, weswegen ich sie zum Softeisdealer in die Frankfurter Allee brachte. Die alten Maschinen aus DDR-Zeiten machen zweifellos besseres Softeis als Burger King gegenüber. Um ganz genau zu sein, liegen Welten dazwischen, meinte zumindest der Softeisdealer.

Mittlerweile war ich fast drei Stunden mit dem Fernsehteam aus Japan unterwegs. Die Uhr lief noch und zeigte bereits ziemlich viele Euros an. Aber Geld ist nicht alles. Mindestens genauso freute ich mich über den japanischen Redakteur, denn der war wirklich offen. Der ließ mich echt machen, was ich wollte. Der wusste nicht, wo ihn "die Reise" mit mir hinführen würde. Der wusste vorher auch nicht, wo er am Ende mit mir landen sollte. Das verstehe ich unter offen!

Genau das ist heute extrem selten. Viele Leute heutzutage denken, sie wären offen, aber sie denken es eben nur. In der Regel haben sie nur eine vorgefasste Meinung oder gar Überzeugung, die sie zu bestätigen suchen. Man kann das gut bei Beiträgen über Taxifahrer sehen. In den meisten werden die Taxifahrer direkt oder indirekt als Deppen dargestellt. Das Klischee muss bedient werden, und oft bedienen es die beteiligten Taxifahrer auch aktiv.

OK, das letzte behielt ich für mich. Aber den Anfang, also dass ich den japanischen Redakteur für wirklich offen halte, was extrem schwer zu finden ist, weil heute zwar alle sagen, dass sie offen wären, es aber in Wahrheit gar nicht sind, ließ ich der Übersetzerin wissen, die es für mich für das gesamte Team ins japanische übertrug, und die das auch alle verstanden haben.

Zum Schluss ging's auch bei mir ans Bezahlen. Bezahlt wurde das, was auf der Uhr (auch Tachometer Taxameter) stand. Und da stand soviel, was da nach drei Stunden rumfahren und rumstehen so draufsteht. Obendrauf gab's noch einen Bonus und, jetzt kommt das wichtigste, ein echt japanisches Tuch (Foto) für den Fahrer, zum Schweiß abwischen, wofür der sich, wie es sich gehört, beim nächsten Treffen revanchieren wird. Vielleicht dann schon in Japan - wer weiß?!

Foto&Text TaxiBerlin

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