09.06.2015

DIE SACHE MIT DEM TRINKGELD


Wie viel ist angemessen?

Beim Trinkgeld geht es, auch wenn das Wort Geld drin steckt, nicht in erster Linie ums Geld. Ich weiß, das wird einige jetzt überraschen. Aber keine Sorge, das wissen auch viele nicht, die in klassischen Trinkgeldberufen arbeiten. Dazu gehören in unseren Breiten die Gastronomie, das Friseurgewerbe und eben auch das Taxifahren.

Das Trinkgeld ist eine Spende, die es in Deutschland seit dem Mittelalter gibt, die, wie der Name vermuten lässt, zum Vertrinken gedacht ist. Dass der Spender den Empfänger fragt, ob er lieber einen oder zwei Taler Trinkgeld möchte, ist ungewöhnlich, macht den Spender aber nicht automatisch zu einem gemeinen Menschen.

Wer in dieser Situation antwortet, ich hätte lieber zwei statt einen Taler Trinkgeld, weil er möglicherweise "Geldgeil" ist (auch ein schönes Wort!), sollte dafür die Schuld nicht beim Spender suchen, schließlich hätte er die Frage auch mit der Gegenfrage beantworten können, und zwar was ihm, also dem potentiellen Trinkgeldgeber, sein Service an Trinkgeld Wert ist. Doch genug der Vorrede!

Beim Trinkgeld geht es, ich erwähnte eingangs, nicht nur ums Geld, auch wenn das Wort es vermuten lässt. Das Trinkgeld hat auch einen kulturellen Aspekt. Es ist nicht nur Bestandteil unserer Kultur, sondern auch der in England, den USA, Russland und vielen anderen Ländern. Es gehört zu uns (oder eben nicht, wenn der Service schlecht war) wie die Gabe von Almosen in islamischen Staaten.

Gibt ein Gast kein Trinkgeld, und das ist meiner Meinung nach der eigentliche Punkt, so hat das nicht unbedingt etwas mit Geiz zu tun, zumindest nicht an erster Stelle, vorausgesetzt der Service war in Ordnung. In den meisten Fälle drückt der Gast damit nur sein Desinteresse an dem Land und seiner Kultur aus, was man, ohne gemein zu sein, auch als geistige Armut bezeichnen kann.

Geistige Armut korreliert, das ist zumindest meine Erfahrung, nur zum Teil mit materieller Armut. Es gibt auch viel geistige Armut unter vermeintlich reichen Menschen, genauso wie geistiger Reichtum bei armen Menschen anzutreffen ist. Der Geiz hat direkt mit der Armut nichts zu tun, sondern mit dem Nicht Loslassen können.

Mit dem Loslassen hat gemeinhin der anale Charakter die meisten Schwierigkeiten. Das beste Beispiel für den analen Charakter ist der Deutsche: penibel, sparsam, ordnungsliebend, zwanghaft, starrsinnig usw. Trotzdem, und das ist der Beweis meiner Theorie, liegt uns das Spenden in den Genen, und meistens klappt es auch mit dem Trinkgeld - egal ob ein oder zwei Taler. Darauf kommt es nicht an!

Foto&Text TaxiBerlin

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