08.06.2015

"BIG IN JAPAN"


Soooooooon!

Merkwürdige Dinge passieren mir in letzter Zeit. Erst träume ich zweimal von Kurt Wolff, dann höre ich von Tom Waits "Big in Japan", was nicht nur viel jünger, sondern auch viel besser ist, als der gleichnamige Song von Alphaville, und bald darauf sitzt mir ein Fernsehteam aus Japan im Taxi, das mich in ihrer Heimat "groß rausbringen" will, was immer das heißen mag.

Meine Erfahrungen mit Presse, Funk und Fernsehen sagen mir, dass das Niveau abnehmend und beim Fernsehen am geringsten ist. Das ist zum Teil dem Medium geschuldet, aber nicht nur. Darüber hinaus gibt es eine allgemeine Verflachung unserer Medien, wie auch unseres Lebens, so dass dies wiederum "in Ordnung" geht. Ausnahmen wie am Samstag bestätigen - leider - auch hier nur die Regel:

Das japanische Fernsehteam erwartete mich am Senefelder Platz zusammen mit ihrer Übersetzerin, einem absoluten Profi und jungen Frau mit italienisch/japanischen Wurzel und deutscher, aktuell: Berliner, Sozialisation. Während die Kameras und das Mikrofon ins Taxi eingebaut werden, erzähle ich von meiner Protestaktion gegen die vielen Berliner Baustellen mittels gelbem Bauhelm.

Was der Grund sei für die vielen Dauerbaustellen, wollen die Japaner wissen. Interessante Frage! Schlechte Politiker?! Mangelnde Kohle?! Wie überall letztendlich: Die gefährliche Kombination von Dummheit und Faulheit. Hinzu kommt diese spezielle Form von Berliner Arroganz, der man auch gerne auf Ämtern und Behörden begegnet, und die auf berlinerisch "Leck mich!" heißt.

Wer schon mal mit Japanern zu tun hatte, der weiß, wie die machen, wenn sie etwas neues, aufregendes zu hören bekommen. Ich kann das schlecht nachmachen, noch weniger kann ich es beschreiben, es hört sich an wie "Oooooooooh!" Man sieht und hört es auch in deutschen Filmen, wo es gerne als japanisches Markenzeichen hingestellt wird, und was ich nach meiner Erfahrung vom Samstag bestätigen kann. Ich habe sehr oft "Oooooooooh!" bei mir im Taxi gehört.

Angefangen als wir vor der ehemaligen "Kommandantur" hielten, wo heute ein japanisches Restaurant drin ist, und wo vorher auch schon mal ein Italiener drin war. Das "Oooooooooh!" galt weder dem einen noch dem anderen, und auch nicht der Tatsache, dass es dort wirklich mal eine sowjetische "Kommandantur" gab, nach dem Krieg. Das "Oooooooooh!" der Japaner bei mir im Taxi galt meinen Erlebnissen in dieser "halblegale Sauf-, Szene,- und Absturzbar, wie sie typisch war" im Berlin der wilden Neunziger.

Jetzt hatten die Japaner Blut geleckt. Ich merkte das daran, dass ein "Oooooooooh!" rasch dem nächsten folgte. Natürlich wollten sie mehr über das Berlin der Neunziger erfahren, wer will das nicht. Und so fuhr ich sie zum "Fischladen" im Friedrichshain, ich hatte neulich über ihn geschrieben, und erzählte von besetzten Häusern, illegalen Kneipen und natürlich von der erwähnten Volxküche in der Rigaer.

Leider waren wir zu früh, der "Fischladen" noch geschlossen. Aber wo trifft man dann Samstagnachmittag richtige Berliner? Nein, nicht am Brandenburger Tor! Und auch nicht am Potsdamer Platz! Du triffst sie in ihren Schrebergärten, wo wir als nächstes hinfuhren. Was folgte, war eine richtiggehende Orgie von besagten "Ooooooooohs!", und dabei saß da nur eine ganz normale Familie, bestehend aus Kindern, Eltern und Großeltern, bei Kaffee und Kuchen im Garten.

Zum Schluss zeigte ich den Japanern, die ich nach nur zwei Stunden richtig lieb gewonnen hatte, meinen ganz persönlichen Geheimtip, den ich auch dir verraten möchte, der du bis hier durchgehalten hast. Es ist meine bereits beschriebene "Kellerbibliothek", wo man nicht nur Bücher kaufen, sondern auch Kaffee trinken und Bio essen kann. Es ist das Café "Tasso" am Frankfurter Tor.

Und wenn du es gefunden hast, musst du unbedingt in den Keller gehen, denn dort stehen die wahren Schätze. Jetzt, wo es bald ganz Japan weiß, kann ich es auch dir erzählen: Ich habe Jahre gebraucht, bevor ich ihn gefunden habe, und zwar weil sich die Treppe runter zum Keller versteckt neben der Küche befindet. Dort angekommen werden auch deine "Ooooooooohs!" nicht enden wollen.

Zum Schluss noch zwei Sachen: "Der Keller" heißt auch ein Buch von Thomas Bernhard. Ich fand es am Samstag. Wo? Natürlich im Keller! Um es kurz zu machen: Es ist genial! "Big in Japan" von Tom Waits gibt es wirklich, und es beginnt mit: "I got the style but not the grace, I got the clothes but not the face, I got the bread but not the butter ... but hey, I'm big in Japan!"

Foto&Text TaxiBerlin

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen