30.06.2015

SO TRINKT BERLIN


Samariterstraße / früher Friedrichshain
heute Friedrichshain-Kreuzberg

Es ist Monatsende, und eigentlich wollte ich darüber schreiben, dass es sich lohnt, da mal die eigenen vier Wände zu verlassen und etwas durch die Straßen zu ziehen, denn am Monatsende wird traditionell umgezogen, und da lassen die Leute gerne mal ein paar Sachen vor ihrer alten Wohnung stehen und auch lieben.

Ich habe gestern zum Beispiel eine Schallplatte mit Musik von Händel gefunden und eine Packung Buntstifte. Außerdem waren da noch viele Bücher und Hefte, mit denen man Deutsch lernen konnte, die ich aber liegen gelassen habe. Da gibt es Bedürftigere als mich.

Die Schallplatte habe ich an der nächsten Ecke spontan weiter verschenkt, und zwar an ein Paar, dass am dortigen Café rumsaß und seinen Latte trank. Ich sagte zu dem Typen, dass ich die Platte endlich gefunden hätte, die er schon lange von mir haben wollte.

Er, also der Typ, nicht dumm und spielt das Spiel mit. Das wäre aber vor zehn Jahren gewesen, was stimmt, und jetzt hätte er gar keinen Plattenspieler mehr. Dafür könne ich ja nichts, dass er keinen Plattenspieler mehr hat. Dann schenke ich sie eben deiner Freundin.

Das tat ich dann auch, und sie freute sich auch artig, aber nicht etwa über die Platte, sondern mehr über meinen Spruch, dass der auf dem Cover viel besser zu ihr passen würde. Dazu muss man wissen, dass auf dem Cover nicht etwa der olle Händel, sondern ein rassiger Italiener - der Dirigent - abgebildet war.

Ich dann schnell weiter zum Späti, und da es von denen zumindest bei mir im Kiez jeden Menge gibt, müssen die sich natürlich alle irgendwie voneinander unterscheiden, und was eignet sich da besser als irgendwelche Sprüche, wie zum Beispiel der da oben mit den kalten Getränken und dem Herz der Ex.

Das mit den Getränken stimmt, die sind wirklich sehr kalt. Ob allerdings so kalt wie das Herz der Ex, kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall habe ich den Leuten in dem Laden die Buntstifte gelassen, die ich am Anfang der Geschichte gefunden habe, und man hat mir versprochen, damit die nächsten Sprüche aufzuschreiben.

Ich bin gespannt!

Foto&Text TaxiBerlin

29.06.2015

"DU LUGST!"


"Lügen" haben kurze Beine und "Lugen" einen offenen Hosenstall

Ich hatte ihm mindestens zehnmal gesagt, dass es "Du lügst!" heißen muss, weil "lügen" nunmal von "Lüge" kommt, aber es war vergeblich. Er wollte einfach nicht glauben, dass man ohne Geld kein Taxi fahren kann. Das hat er doch schon immer so gemacht. Das alte Lied ...

Deswegen musste ich auch die Polizei rufen. Darauf bestand er. Vorher wollte er nicht aussteigen. Denn er war sich sicher, dass die Polizei den dummen Taxifahrer, damit war ich gemeint, und Nazi, nochmal ich, so richtig zusammenscheißen wird.

Zum Schluss würde er, also der Taxifahrer, ihn, immer noch ohne Geld, nach Hause fahren müssen. Das ist so, das wusste er ganz genau. Aber es kam anders. Denn die Polizei kam erstmal gar nicht. Damit hatte selbst er, der sonst alles wusste, nicht gerechnet.

Zumindest stieg er mir aus - aus dem Taxi. Weglaufen konnte er nicht, weil mittlerweile gleich zwei Polizeiautos da waren, die aber nichts machen konnten, weil Objektschutz. Dafür konnte ich in Ruhe diese Zeilen schreiben, und er mit seinem Handy rumspielen.

Und da muss er wohl auch "Lüge" gegoogelt haben. Auf jeden Fall kam alles anders, als von ihm vorhergesagt. Eine gute Stunde später hatte er zwei Anzeigen am Hals und durfte nach Hause laufen.

Vielleicht hätte er besser gleich am Anfang sein Handy gefragt ...

Foto&Text TaxiBerlin

ERSTES FANTREFFEN DER SELBSTZAHLER


Auf dem Weg zum Golfplatz

Gestern traf ich nicht nur Doktor Motte, sondern auch meinen ersten und einzigen Fan. Er heißt Dirk*. So viel kann ich glaube ich verraten. Bisher trafen wir uns immer an der Tankstelle. Sein, also Dirks, Trick ist übrigens, zu sagen: "Dein Gesicht kommt mir bekannt vor!" Damit hat er schon die unmöglichsten Leute kennengelernt. Zum Beispiel auch mich. Wie gesagt - an der Tankstelle.

Dort, also an der Tankstelle, haben wir uns nun schon eine kleine Ewigkeit nicht mehr getroffen. Das hängt mit dem Alter zusammen, also mit meinem. Ab einem bestimmten Alter muss man nicht mehr so oft zur Tankstelle. Das "Dein Gesicht kommt mir bekannt vor!" merke ich mir trotzdem. Man weiß ja nie.

Der letzte Trick, den ich im Taxi kennengelernt habe, war der mit dem Buch. Kennt den jemand? Es war ein junger Mann, und er stieg mir früh um drei mit einem Buch ein. Was das mit dem Buch soll, wollte ich wissen. Damit lerne man besser und vor allem viel einfacher Frauen kennen, meinte er. Warum er mir alleine einstieg, dafür hatte er auch eine Erklärung, aber die habe ich schon wieder vergessen. Dafür ist das mit dem Buch hängen geblieben.

Doch zurück zu Dirk, der übrigens auch Taxi fährt, also als Fahrer, meinem ersten und einzigen Fan, den ich gestern mal wieder traf, und zwar auf dem Golfplatz. Komischerweise sind wir beide im selben Golf-Club der Selbstzahler. Mit Selbstzahler sind die gemeint, die ihre Beerdigung noch selber bezahlen. Ich weiß, das klingt irre, aber das klingen so viele normale Sache heutzutage.

Ich kann es kurz machen. Weder Dirk noch ich habe den Golf Pokal gewonnen, den wir, wenn wir ihn gewonnen hätten, auf dem Armaturenbrett unserer Taxe installieren wollten. Dazu wird es nun nicht kommen, außer wir kaufen uns einen Pokal. Das sollte kein Problem sein. Den gibt es irgendwo in der Silbersteinstraße. Dann müssten wir ihn allerdings selber bezahlen. Das ist klar.

Was den Club der Selbstzahler angeht, den gibt es wirklich, und er geht auf Nietzsche zurück, der gesagt hat "Stirb zur rechten Zeit." Übers Bezahlen hat Nietzsche nichts geschrieben, was daran liegt, dass das damals noch kein Thema war, oder "off topic", wie man heute sagen würde.

Auch wenn weder Dirk noch ich den Pokal gewonnen haben, hat sich der Besuch des Golf Turniers gelohnt. Ganz nebenbei habe ich nämlich erfahren, dass der Berliner Fritz "Jott" Raddatz auch Mitglied im Club der Selbstzahler war und seine Beerdigung demzufolge auch selbst bezahlt hat. Aber nicht nur das.

Er hat auch seinen Tot selbst bezahlt. Er ist dafür extra in die Schweiz gefahren. Vermutlich, das ist aber nur eine Vermutung, hat er "Karte und Gebiet" gelesen. Dort ist das mehr oder weniger beschrieben, wie das geht, in der Schweiz.

Leb Wohl Fritz "Jott" Raddatz! Mach' gut Dirk! Wir sehen uns bei den Dreharbeiten!**

* Dirk hat schon mal überlegt hier einen Kommentar zu hinterlassen, es aber letztendlich nie getan, weil er die Ruhe und Gelassenheit, die von meinem Blog ausgehen, nicht stören wollte. Dafür danke ich Dirk. Ein schönes Kompliment, das schwer zu toppen ist.

** Dirk plant Nachtaufnahmen mit dem Taxi. Dazu muss es aber richtig Nacht sein. Deswegen wartet er auf den Winter. Und ich warte mit.

Foto&Text TaxiBerlin

28.06.2015

IM TAXI MIT DOKTOR MOTTE


Doktor Motte im Taxi

Heute morgen schloss sich ein Kreis, und es begann mit einem Döner, aber eigentlich mit einer Taxifahrt. Vor etwa zehn Jahren. "Am Anfang war der Döner" - ein schöner Anfang für ein Buch. Leider schreibe ich hier nur einen Beitrag, und zwar folgenden:

Ich stand am Hackeschen Markt und aß einen Döner vom an der Taxihaltestelle befindlichen Türken meines Vertrauens, dem "All in one Döner". Da die Speisung des Taxifahrers noch nicht abgeschlossen war, ließ ich bereits Fahrgäste in die Taxi hinter mir einsteigen, was aber OK war, denn der Kollege wollte sowieso schon vordrängeln.

Was ich nicht wusste, was ich aber in dem Moment begriff, war, dass alles, was  am gestrigen Abend geschah, einem größeren Plan folgte. Ich hatte gerade den letzten Dönerbissen im Mund, da bog kein geringerer als DJ Doktor Motte, der Erfinder der Love Parade, mit seinem kleinen aber schweren Wagen voller Platten um die Ecke.

Ich erkannte ihn sofort, was daran lag, dass er mir vor zehn Jahren schon einmal im Taxi saß. Dazu später mehr. Doktor Motte grüßte für die späte Stunde, es war ziemlich genau zwei Uhr morgens, ordnungsgemäß mit "Guten Appetit", was leider unerwidert bleiben musste, da ich noch am letzten Bissen von meinem Döner kaute.

Kaum im Taxi, beklagte sich Doktor Motte, dass es hier nach Döner riechen würde, wofür ich mich natürlich sogleich, jetzt konnte ich wieder sprechen, entschuldigte. Zeitgleich rissen wir beide unsere Fenster auf, und die Angelegenheit war damit gegessen. Doktor Motte wollte wissen, ob ich wegen dem CSD gut zu tun gehabt hätte.

Dazu konnte ich nichts sagen, weil ich mich von dem, ich schrieb gestern darüber, fern gehalten hatte. Das sei nicht meine Zielgruppe. Außerdem fahre ich nur noch Einzelpersonen, nach Möglichkeit Akademiker, und nur mit Doktor-Titel. Ob ich ihn mal meine Lieblingsmusik vorspielen darf, fragte ich ihn, was ein Fehler war.

Berliner fragen nicht, Berliner machen einfach, womit er Recht hatte. Das war un-professionel oder besser un-berlinerisch von mir. Ich musste nicht überlegen, was zu dieser Fahrt passt. Es war das zweite Lied auf der einliegenden CD. Das Stück heißt "Molto vivace", ist knapp elf Minuten lang, und würde also bis zum Wedding reichen.

DJ Doktor Motte erkannte natürlich sofort Beethovens Neunte, das war keine Überraschung, schließlich ist er Doktor. Seine Mutter höre gerne die späten Streicher von Beethoven, was ich mir sofort zwecks Nachhören notierte. DJ Doktor Motte erkannte aber nicht nur die Neunte, sondern bald auch die Aufnahme.

Es war die vom 25. Dezember 1989 im Schauspielhaus, heute Konzerthaus, am Gendarmenmarkt, die, wie auch die Zeit damals, eine unglaubliche Energie hat, was man auch hört. Es war die Zeit, als in Berlin alles möglich war. DJ Doktor Motte dirigierte hinter mir in der zweiten Reihe mit. "Luft dirigieren" - wenn es sowas gibt.

Das Orchester ist ein Mix von Mitgliedern der Staatskapelle Dresden, dem Orchester des Kirow-Theaters Leningrad, dem London Symphony Orchestra, den New York Philharmonics und dem Orchestre de Paris. Der Chor ist der des Bayrischen Rundfunks, des Rundfunkchors Berlin (DDR) und dem Kinderchor der Dresdner Philharmonie.

Dirigiert wird das ganze von Leonard Bernstein, und das auch gut, aber Karajan hätte es natürlich besser gemacht, da waren DJ Doktor Motte und ich uns einig. Als er Karajan ins Spiel bringt, musste ich ihm sogleich den Witz erzählen, wo Karajan in ein Taxi steigt, aber das Fahrziel vergessen hat. Wo sollte der Taxifahrer ihn aber hinfahren? Egal, er - Karajan - würde überall gebraucht!

Bei Doktor Motte war das Fahrziel klar, irgendeine kleine Seitenstraße am S- und U-Bahnhof Wedding. Er hat 'ne Zeit lang in der Kastanienallee im Prenzlauer Berg, auch bekannt als Castingallee, gewohnt, sei aber nie dort angekommen, was ich sehr gut verstand, obwohl ich da gelegentlich ankomme, also mit dem Taxi jetzt.

Nun sei Doktor Motte, der schon immer und ewig mit dem Taxi nach Hause oder zum nächsten Auftritt fährt, wieder zurück in den Westen, genauer Wedding, gezogen, denn dort komme er her. Dort kennt er sich aus. Dort kennt man ihn. Das kann ich bestätigen.

Vor etwa zehn Jahren saß mir Doktor Motte nämlich schon mal im Taxi, und dort wußte er, wie der Mehringplatz am Halleschen Tor früher hieß, was nicht viele wissen, und zwar Belle Allianz Platz. Damals wollte ich ihn deswegen loben, aber gleichzeitig auch etwas necken, als ich ihn fragte, ob er denn ein Kollege von mir sei.

Damals konnte Doktor Motte, der am Mehring- alias Belle Allianz Platz groß geworden ist, nicht darüber lachen. Gestern schon. Dort wo er jetzt wohnt, also die kleine Seitenstraße im Wedding, wohnen übrigens neben Doktor Motte auch noch andere ganz normale Leute, und ich habe sie, glaube ich, heute morgen um zehn nach zwei alle noch kennengelernt, denn sie waren alle noch auf der Straße.

Sie waren aber nicht alle nur einfach so auf der Straße, sondern ich hatte fast den Eindruck, dass sie alle auf DJ Doktor Motte warten würden, damit ihre Party, eine türkische Hochzeit, endlich losgehen könne. Auf jeden Fall wurde er von allen per Handschlag begrüßt, weswegen ich mich in eine lange Schlange einreihen musste, um mich von ihm angemessen auf dieselbe Art verabschieden zu können.

Leb wohl, Doktor Motte! Lass es Dir gut gehen und bis bald mal wieder bei Beethoven & Co im Taxi!

Foto&Text TaxiBerlin

27.06.2015

WAS DER CSD MIT BERLIN MITTE ZU TUN HAT


Bitte abschneiden!

Die Berliner Mitte zu erklären, ist gar nicht so einfach, denn das, was früher Mitte war, ist heute nur noch ein kleiner Teil von Mitte. Neben der Mitte von früher gehören noch Gesundbrunnen, Wedding, Moabit, das Hansaviertel und Tiergarten Süd zur Mitte von heute. Das freut die, die im Gesundbrunnen, Wedding, Moabit, Hansaviertel und Tiergarten Süd wohnen; ärgert aber die, die in Mitte wohnen, was früher schon Mitte war, wenn du verstehst, was ich meine.

Mit dem CSD ist es so ziemlich dasselbe. Der CSD von früher hat mit dem CSD von heute ungefähr so viel zu tun, wie die alte Mitte mit der neuen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich jetzt zu viel verrate, aber die Straße, nach dem der CSD benannt ist, ist auch nicht in Mitte. Die ist nicht mal in Berlin. Vielleicht sollte ich aber früher ansetzen und erstmal fragen: Weiß überhaupt jemand, wofür CSD steht?

Ich weiß es ehrlich gesagt auch nicht. Was ich weiß, ist, dass ich wegen dem CSD noch ganz in Ruhe diesen Beitrag schreiben kann. Denn ich fahre immer erst los, wenn der CSD vorbei ist. Das hat aber nichts mit dem CSD zu tun. Es könnte auch CDU, CSU oder SED heißen. Das ist völlig egal. Ich will immer nur durch, oder besser: weiter!, kommen. Persönlich meine ich. Und auch mit dem Taxi.

Und genau dabei steht mir der CSD, wie gesagt, es könnte auch CDU, CSU oder SED heißen, immer irgendwie im Weg, zumindest in Mitte, die Rede ist von der neuen, wobei "stehen" nicht unbedingt das richtige Wort ist, was aber jetzt zu weit führt, weil ich auch los muss. Man sieht sich im Taxi ...

Foto&Text TaxiBerlin

26.06.2015

NOCHMAL HANDWASCHBECKEN


Mit BlackBox und WegWischGerät

Wie es der Zufall wollte, war ich heute wieder am Flughafen in Tegel. Die Wahrheit ist, dass mir die Geschichte mit dem Handwaschbecken keine Ruhe ließ. Zeit hatte ich auch genug, denn die Sache mit dem "Gesponserten Artikel" für den Escort Service hatte sich erledigt. Sonst hätte der natürlich Priorität gehabt. Das ist klar.

Ich hatte mir auch schon ein paar Reime überlegt. Und das war wirklich schwer. Was reimt sich schon auf Escort? Vielleicht noch Komm fort. Aber das war's dann auch schon. Bei Service fällt einem nur Wüste ein, aber das reimt sich nicht. Frau oder gar Frauen ist dann schon wieder einfacher. Aber die kenne ich nicht.

Dafür weiß ich jetzt mehr über das Handwaschbecken in der Taxifahrer-Toilette am Flughafen Tegel. Toilettenmann Ali hat mich sofort wiedererkannt und meinte, dass ich heute dran wäre mit Füße waschen. Keine Ahnung, wie er darauf kam. Mich interessierte erstmal nur, ob das Handwaschbecken jetzt größer ist als vor einem halben Jahr, als er sich bei mir beklagt hatte, was er bejahte.

Jetzt musste ich selbstverständlich seiner Aufforderung folge leisten, und mir am nunmehr größeren Handwaschbecken die Füße waschen. Natürlich war es auch mein eigener Wunsch. Zum Glück hatte ich den richtigen Zeitpunkt erwischt, so dass der übliche Stau hinter mir diesmal ausblieb - am Handwaschbecken meine ich.

Staus gab es dafür in der Stadt, und zwar zur genüge, was aber an der Queen lag. Was das Füße waschen angeht, so ist das große Handwaschbecken dafür definitiv besser geeignet als das kleine. Ein bisschen gewöhnungsbedürftig ist es aber schon, sich die Füße mit Einmalhandtüchern aus Papier abzutrocken. Dafür sind sie leicht zu entsorgen, und zwar in der Black Box unter dem Handwaschbecken.

Die sich üblicherweise beim Füße waschen im Handwaschbecken, da kann das Waschbecken noch so groß sein, bildende Wasserpfütze auf dem Toilettenboden, kann sofort mit bereitstehendem Gerät selbstständig weggewischt werden. Um alles kann sich Toilettenmann Ali schließlich nicht kümmern. Immerhin sorgt er durch das Schließen der Toilettentür für eine gewisse Privatsphäre, was mir gefallen hat.

Foto&Text TaxiBerlin

24.06.2015

"GESPONSERTER BEITRAG"


Geschlossen

Gestern erreichte mich die e-mail eines Escort Service. Das Schreiben war zugegeben etwas kryptisch, weswegen ich nachfragen musste, um was es genau gehen würde. Der Escort Service, den ich bisher nicht kannte, obwohl ich ja sonst so einiges kenne, wollte wissen, ob ein "gesponserter Artikel" auf meinem Blog möglich wäre.

Der "gesponserte Artikel", für diejenigen, denen es wie mir geht, ist erst einmal orthografisch richtig. Es heißt zwar "Sponsor", später dann aber "gesponsert" - weiß der Teufel warum. Dem Escort Service schwebte ein Artikel vor, der sich mit dem Thema Escort befasst und natürlich zu meinem Blog passt. Das ist ja wohl das mindeste.

Beispielsweise so: Ein Fahrgast ist auf dem Weg in sein Hotel und erkundigt sich beim Ortskundigen Taxifahrer nach einem Escort Service. Das soll schon vorgekommen sein, da war sich der anfragende Escort Service sicher. Darüber hinaus ließe sich die Suche nach dem, was einem den Abend versüßt, beliebig ausschmücken.

Da die genaue Gestaltung des Artikels großzügigerweise mir überlassen bleiben sollte, schlug ich vor, doch einfach bei der Wahrheit zu bleiben, weil man mit der bekanntlich am weitesten kommt. Um genau zu sein, bot ich an, folgendes zu schreiben:

Ein mir unbekannter Escort Service kontaktiert mich mit der Anfrage nach einem "gesponserten Artikel". Anbei schickten sie mir, das vergaß ich zu erwähnen, zwei Links ihrer "jüngsten Kooperationen" mit irgendwelchen Blogs. Die armen Blogger. Manch einer ist sich wirklich für Nichts zu schade. Darüber hinaus könne ich nichts schreiben, da mir weder der Escort noch der angebotene Service bekannt wären, antwortete ich wahrheitsgemäß dem Escort Service.

Gutmenschen- und Gender-Konform sollte ich wohl Die armen Frauen anstelle von Die armen Blogger schreiben. Wobei das genau der Knackpunkt war, an dem vermutlich alles gescheitert ist. Der Service der Escort Frauen kostet nämlich pro Stunde 250 Euro aufwärts, weswegen ich vorschlug, die mir angebotenen 100 Euro Aufwandsentschädigung (netto - versteht sich!), über die natürlich auch zu schreiben gewesen wäre, um einiges aufzustocken.

Jetzt nicht, weil ich Geldgeil bin. Das nicht! Sondern ausschließlich meiner eigenen Glaubwürdigkeit wegen. Wer würde mir den Tip mit dem Escort Service abnehmen, wenn er liest, dass ich mich weit unter Wert verkauft habe. So einen Artikel zu schreiben braucht Zeit. Dazu kommt das Bild. Das macht sich auch nicht von alleine. Der Fahrgast-Freier ist sicherlich geil, vielleicht sogar Notgeil, aber eben nicht automatisch dumm. Wahrscheinlich, das ist aber nur eine Vermutung, fährt er auch deswegen mit mir lieber direkt zu den Frauen, als sich von mir in Sachen Escort Service beraten zu lassen.

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23.06.2015

STAU AM HANDWASCHBECKEN


Taxifahrer-Toilette am Taxiparkplatz / Flughafen Tegel (TXL)

Lange habe ich einen Bogen gemacht um die neue/alte Toilette für Taxifahrer direkt neben der "Pilotenbude", wie der kleine Imbiss (ebenfalls nur für Taxifahrer) liebevoll genannt wird, ohne recht zu wissen warum. Geiz war jedenfalls nicht im Spiel. Das kannst du mir glauben. Dafür lege ich meine Hand ins Handwaschbecken Feuer.

(Dazu muss man wissen, dass das neue Taxifahrer-Klo am Flughafen, genauso wie das alte, seit einiger Zeit gebührenpflichtig ist. Zwischenzeitlich war die Benutzung eine Zeitlang kostenneutral gewesen, wahrscheinlich um die Taxifahrer anzufüttern.)

Es war vor allem ein Gefühl, das mich einen Bogen um die Taxifahrer-Toilette machen ließ, das ich nicht näher benennen konnte - bis gestern. Da musste ich rein in den neuen/alten Toiletten-Container, denn die Zeit war knapp und die dreißig Cent gut angelegt, hoffte ich. Die beiden Boxen waren wie immer besetzt, dafür hatte ich das zwei Meter lange Pullerbecken aus Edelstahl ganz für mich alleine.

Das Problem kam dann am Handwaschbecken, denn dort gab es einen Stau, und der hatte seinen Grund. Und weil ich der Erste in der Reihe war, konnte ich genau sehen, warum es sich am Handwaschbecken staute. Vom Toilettenmann Ali, dem Einzigen, der den Stau hätte auflösen können, in dem Moment natürlich keine Spur.

(Vor gut einem halben Jahr hatte sich Toilettenmann Ali bei mir beklagt, dass das Handwaschbecken zu klein wäre. Ich hatte an dieser Stelle darüber berichtet. Ob er mittlerweile größere bekommen hat, konnte ich nicht fragen. Er war ja nicht da.)

Genau genommen gab es nicht einen sondern zwei Gründe für den Stau am Handwaschbecken, und das waren die beiden Füße des Kollegen, wohl besser "Kollegen", vor mir. Wie er die beide nacheinander in das Becken kriegte, ist mir immer noch ein Rätsel. Irgendwie hat er es geschafft, und ich bin dabei gewesen, genauer: Ich stand direkt davor. Kein schöner Anblick, aber was sollte ich tun. Ich hatte nun einmal bezahlt, und so nahm ich auch das mit.

Mangels Toilettenmann diskutierte ich das Thema mit meinem nächsten Fahrgast, einem fitten älteren Herrn von Mitte Achtzig, der zum Sprachkurs in Frankreich war. Der meinte, dass das doch noch gar nichts wäre. "Ekel Alfred" hätte beim Abendbrot seine Füße in der Schüssel gewaschen, in der eben noch der Kartoffelsalat gewesen wäre. Das ganze an Silvester! Und niemand konnte das verhindern.

Zurück am Flughafen konnte Toilettenmann Ali, der wieder an seinem Arbeitsplatz war, das, mehr oder weniger, bestätigen. Auch er könne nicht Nein sagen, wenn Taxifahrer ihre Füße bei ihm waschen wollen. Schließlich sei auch gerade Ramadan. Und wenn es nach ihm ginge, er hätte keinen neuen Flughafen sondern große Moschee gebaut.

Sicherlich, im Nachhinein lässt sich das immer leicht sagen. Aber möglicherweise wäre das die Lösung gewesen: Eine Moschee mit Flughafen. Beide hätten längst ihren Betrieb aufgenommen!

Foto&Text TaxiBerlin

AUSBLICKE (1)


Taxihalte Potsdamer Straße (Potse)
früher Tiergarten / heute Neue Mitte

Immer wenn das Mädel, das an der Taxihalte an der Potse arbeitet, sich einen Kaffee holt, wechselt sie die Schuhe, denn der Spätkauf, der den Kaffee verkauft, ist weit. Auf jeden Fall zu weit für die Schuhe, die sie im Dienst trägt. Zum Kaffee holen zieht sie sich flache Turnschuhe an. (Zumindest hießen die früher so ...)

Foto&Text TaxiBerlin

22.06.2015

AUSBLICKE


Taxihalte Potsdamer Straße (Potse)
früher Tiergarten / heute Neue Mitte

Neulich wurde ich gefragt, was man denn so sehen würde. Als Taxifahrer. Nachts. Auf den Berliner Straßen. Antwort: So einiges! Aber stimmt das auch? AUSBLICKE soll helfen, es herauszufinden.

Foto&Text TaxiBerlin

21.06.2015

NEULICH IN DER MÄNNERGRUPPE


Einzelbesprechung

Seit einiger Zeit gehe ich Mittwochs immer zur Männergruppe. Ich weiß, das wird jetzt einige überraschen. Aber das gibt es noch. Also ich meine etwas ohne die Quote. Wir sind wirklich nur Männer in der Männergruppe. Naja - fast. Die Lehrerin ist eine Frau.

Alles fing mit einer Routineuntersuchung Anfang des Jahres an, bei der zu viele Hormone festgestellt wurden. Irgendwie muss meine Krankenkasse Wind davon bekommen. Frag nicht wie. Auf jeden Fall schickte die mich zu dieser Männergruppe. Und weil ich mit der Krankenkasse keinen Ärger haben will, bin ich hingegangen.

Letzten Mittwoch war ich zum fünften Mal da, und ich muss sagen, es gefällt mir. Das liegt daran, dass ich das Gefühl habe, dass es dort wirklich um meine Befindlichkeit geht, und nicht darum herauszufinden, wie die Befindlichkeit der Frau ist. Ich weiß, das klingt unwahrscheinlich, aber geh du mal in eine Männergruppe.

Die meisten Männergruppen sind direkt oder indirekt von Frauen unterwandert. So gut kenne ich mich damit nicht aus, aber man nennt das glaube ich Feminismus. Nicht so in meiner Männergruppe. Da geht es wirklich um mich und mein Leben, und dass es möglichst lang ist. Koste es, was es wolle

Und dem stehen genau meine Hormone im Weg. Es ist ja bekannt, dass Männer nicht so lange leben wie Frauen. Weniger bekannt ist, woran das liegt. An den Hormonen. Vor allem an dem bösen Testosteron, wie wir von unserer Lehrerin erfahren mussten. Deswegen wird es weggeredet - in der Männergruppe. Manchmal auch in Einzelgesprächen, aber das sind Ausnahmen.

Alle anderen Männer haben übrigens dasselbe Problem. Das vergaß ich bisher zu erwähnen. Bei einigen klappt es mit dem Wegreden, bei anderen nicht. Bei mir klappt es nicht, und das verstehe ich nicht. Klar ist, dass Hormone nur ein Konstrukt sind, und zwar ein gesellschaftliches. Der Penis übrigens auch. Aber das ist bekannt.

Das ist ja Mainstream, genau genommen "Gender Mainstreaming". Aber trotzdem verstehe ich es nicht. Deswegen habe ich auch Angst. Angst auch davor, dass man mir irgendwas abschneidet. Natürlich nur zu meinem Besten. Daran habe ich keinen Zweifel. Immerhin ein Jahr mehr soll das bringen. Leben, meine ich.

Was genau abgeschnitten werden soll, weiß ich nicht. Auch eine Komplettumwandlung, was immer das sein mag, wäre möglich. Das biologische Geschlecht kann keiner ändern - nicht mal Gender. Immerhin ein Jahr mehr, aber das sagte ich bereits.

Bliebe immer noch eine Differenz von fünf Jahren, die Frauen länger leben. Die bleiben. Da kann man dem Mann sonstwas abschneiden. Das liegt an den "gesellschaftlichen Rahmenbedingungen", sagt auch unsere Lehrerin. Die zu ändern, sei aber nicht ihr Job.

Meiner auch nicht. Ich will nur Taxi fahren. Und wenn ich ein Jahr länger Taxi fahren kann, dann mach ich das. Eigentlich könnt ich auch ein Jahr länger Rentner sein. Aber daraus wird wohl nix. Und auch nichts damit, dass ich noch irgendwas zur Quote im Taxi beitragen könnte. Vielleicht aber doch. Stichwort: Komplettwandlung.

Foto&Text TaxiBerlin

20.06.2015

ROTE LIPPEN SOLL MANN KÜSSEN


Frankfurter Allee Ecke Gürtelstraße / Lichtenberg

Rote Lippen soll man küssen. Ich tue es. Manchmal. Einmal ist es auch schon daneben gegangen. Das kommt vor. So ist das Leben. Es kann nicht immer nur die Sonne scheinen. Von Zeit zu Zeit muss es auch mal Regen. Wegen dem Obst, und auch wegen dem Gemüse.

Die Spargelzeit muss ich dieses Jahr mal wieder verpasst haben. Oder ist sie noch gar nicht vorbei? Egal - ist bestimmt auch wieder nur neunzig Prozent Wasser - der Spargel. Wie bei der Gurke. Kann ich gleich Wasser trinken. Spargelwasser. Oder Gurkenwasser.

Die Kirschenzeit hat gerade begonnen. Erst sind die sauren dran, dann kommen die süßen. Rot sind sie beide, weswegen ich sie, nein, nicht küsse, sondern mir in den Mund stecke. Erstmal muss ich hochkommen auf den Baum. Unten rum sind schon alle abgegessen.

Ich brauch 'ne Leiter. Kann auch 'ne Räuberleiter sein. Kannst du die? Dann bist du mein Mann. Kriegst auch 'ne Kirsche ab. Nee, küssen tue ich nur Lippen. Rote. Auch im Taxi. Man muss aber vorsichtig sein. Das stimmt wirklich. Ich weiß, wovon ich schreibe.

Auch beim Kirschenpflücken musst du vorsichtig sein. Dass du nicht vom Baum fällst. Damit kenn ich mich aus. Mit Aua Aua meine ich. Dann besser Kirschen kaufen. Beim Türken. Oder direkt vom Erzeuger. Und wenn der noch Spargel hat, dann bring gleich noch Spargel mit.

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19.06.2015

SOMMER AUF DEM SOFA


Irgendwo im Friedrichshain / jetzt Friedrichshain-Kreuzberg

Immer, wenn ich nicht Taxi fahre, und das ist oft, sitze ich auf dem gelben Sofa bei mir im Park und lese, denke nach, und manchmal fotografiere ich auch. Gelegentlich kommen auch Leute vorbei und wir quatschen ein wenig. Wenn es eins gibt, was ich im Taxi gelernt habe, dann ist das quatschen. Gut, zuhören natürlich auch. Aber quatschen können ist existenzieller. Das ist wie Selbstverteidigung!

Manchmal - nicht immer! Ich meine, die meisten sind ja harmlos. Die wollen gar nicht angequatscht werden, sondern einfach nur ihre Ruhe haben. Dann sage ich natürlich auch nichts - ist ja klar. Eigentlich will ich auch nur meine Ruhe haben bei mir im Taxi. Sonst hätte ich gleich sonstwo arbeiten können, beispielsweise wo immer irgendwas los ist.

Im Taxi ist die meiste Zeit nichts los. Auch bei mir im Taxi. Im Prinzip ist das wie Einzelhaft. Oder wegen mir Einsamer Wolf. Was dir lieber ist. Klar, ich kann lesen oder Musik hören. Das kann ich, und nicht zu knapp. Ich will mich auch gar nicht beklagen. Aber manchmal geht einem diese Isolation schon schwer auf die Nerven. Gerade Nachts. Da denke ich manchmal, ich wäre ganz allein auf der Welt.

Ich bin mir nicht sicher, ob du verstehst, was ich meine. Ich weiß auch selbst keine Lösung. Eigentlich wäre es ganz schön, wenn ständig jemand an meiner Seite wäre, mit dem ich quatschen könnte, wenn mir danach ist. Andererseits schweige ich auch gerne mal. Schweigen zu zweit geht auch, alleine ist aber einfacher.

Wenn ich mir gar nicht mehr zu helfen weiß, unterhalte ich mich auch über das Wetter. Dann weiß ich aber selbst, hoppla, jetzt musst du aufpassen, damit du nicht der Affe wirst, der in seinem Käfig vor sich hin wippt, wenn du verstehst, was ich meine. Nichts gegen das Wippen im Taxi. Ich habe das auch schon mal ausprobiert. Aber schöner ist es schon auf dem Sofa, und die Sonne scheint ...

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18.06.2015

FRAU RAL 1015


Hackescher Markt / früher Mitte / heute Neue Mitte

Neulich stieg mir Frau RAL 1015 höchstpersönlich ins Taxi. Frau RAL 1015, wer sie nicht kennt, ist Hellelfenbein, die Farbe der Taxen. Die kann man gut finden oder auch nicht, streiten sollten man weder mit noch wegen ihr, denn mit der Farbe ist es wie mit dem Geschmack.

Frau RAL 1015 fand sich selbst selbstverständlich toll und wunderschön. Um genau zu sein, fand sie, dass sie die Schönste unter den Farben ist. Das war keine Überraschung. Wieso sollte es der Farbe anders gehen als dem Menschen.

Deswegen war es nur verständlich, dass Frau RAL 1015 eine Sache besonders stank, und zwar die, dass es hierzulande andersfarbige Taxen gibt. Ausgerechnet in Stuttgart, das müsse man sich mal vorstellen! Da, wo der Daimler herkommt, der Prototyp des Taxis.

Aber nicht etwa nur in Hellelfenbein, wie es sich gehört, sondern auch Schwarz- oder gar Silberfarbig. Zum Glück hatte Frau RAL 1015 Fotos dabei, sonst hätte ich es vielleicht nicht geglaubt. Es stimmt wirklich. In Stuttgart gibt es andersfarbige Taxis.

Aber was ist der Grund? Den kannte Frau RAL 1015 auch nicht. So konnten wir nur vermuten. Die Folie, mit Farbe wird heute nicht mehr gearbeitet, und auch das Bekleben sind nicht ganz billig. Und Stuttgart weit weg von Polen, jedenfalls weiter als von Berlin aus ... Aber letztendlich sind das nur Vermutungen.

PS: Meine nachträgliche Recherche ergab, dass, obwohl die Farbfreigabe in Stuttgart bereits vor vier oder fünf Jahren erfolgte, es dort bis heute nur ein (1) Pinkfarbenes Taxi gibt!

Foto&Text TaxiBerlin

16.06.2015

HÖREN UND ERHÖRT WERDEN


Hackescher Markt / früher Mitte / heute Neue Mitte

Das erste Mal sah ich sie Rosenthaler Ecke Weinmeister. Einer japste sehr gefährlich nach Luft, vermutlich nach zu viel Alkohol. Da bin ich weiter gefahren. Das konnte ich ehrlich gesagt gerade gar nicht gebrauchen, was wahrscheinlich auch an der Musik lag.

Bei mir lief nämlich Klassik. Um genau zu sein Beethovens Neunte. Ihr wisst schon: "Freude schöner Götterfunke" und so. Mittlerweile, nach zwanzig Jahren im Taxi, kann ich die Aufnahmen auseinanderhalten. Die beste ist die vom 25. Dezember '89 im Schauspielhaus, jetzt Konzerthaus, am Gendarmenmarkt mit Bernstein & Co.

Aufnahme ist nicht gleich Aufnahme. Bei der passiert richtig was. Am Hackeschen, wo ich jetzt stand, auch. Da bogen plötzlich die beiden Typen um die Ecke. Der eine japste immer noch nach Luft. Und bei mir lief immer noch Beethoven. Das geht ja wohl gar nicht! Das sahen die beiden genauso. Die sind einfach weiter gelaufen ...

Foto&Text TaxiBerlin

15.06.2015

WIE ICH BEIM ARABER DIE WELT VERSTAND oder KURZE WOCHENEND-NACHLESE


Nachtschicht Normal

Ich los - und nichts los! Das gibt's ja gar nicht. Wenn ich losfahre, ist immer was los, schließlich bin ich lange genug im Geschäft. Nach einer Stunde die ersten Fahrgäste. Sie wollen auch nicht dahin, wo was los ist. Sie wollen in ihr Hotel, wo sie wohnen. Ich wohne zu Hause. Irgendwas läuft verkehrt - aber was?

In der Nähe vom Hotel mein Lieblingsaraber. Da ist auch nichts los. Ich nehme einen Falafel. Der Fernseher läuft. Deutschland gegen GIB, wer immer das sein mag. Ich kenne nur BiH. Das ist "Bosnien und Hast du nicht gesehen". Immerhin weiß ich jetzt, warum nichts los ist. Scheiss Soccer!

Stundenlang könnt' ich so sitzen. Anderen beim Essen zusehen. Der Tee ist gratis. Aber was gibt's da schon zu sehen, außer Fussball? Sicherlich gibt's beim Araber auch Frauen. Aber das Leben ist anderswo. Nur wo? Leute, es ist Wochenende! Wo seid ihr? Kommt raus aus euren Löchern! Ich will nur euer Bestes ...


Stunden später:

Erster Versuch Feierabend zu machen. Ein Pfiff vom Bordell in meiner Straße. Junggesellenabschied - Was für'n Wort! Er muss nach Hause. Im Puff ist nicht Fremdgehen. Seine Zukünftige sieht es genauso. Nur ein Bedürfnis und eine Dienstleistung. Außerdem teuer. War schön - zweimal "auf Zimmer" gewesen. Auch der Mond ist schön!

Danach zwei Polinnen. Oder waren es Russinnen? Egal - die Fahrt nicht weit. Eigentlich Kurzstrecke. Aber die Russinnen, oder war'n es doch Polinnen, blicken's gerade nicht. Die vorne will mangels Cash ihre Titten zeigen. Ich insistiere - auf die Kohle! Die hinten zeigt ihre Beine - umsonst.

Zweiter Feierabendversuch. Wieder der Pfiff vom Bordell. Es heißt nicht umsonst "Déjà-vu"! Diesmal kein Junggesellenabschied. Diesmal sind die  Frauen zu alt. Dann eben Kurfüstenstraße. Der Mond ist immer noch schön. Halt zwanzig Meter vorm Döner.

Von der anderen Straßenseite kommt die Bulgarin rüber. Sieht gar nicht mal schlecht aus - für Kurfürstenstraße meine ich. Sie spricht ihn an. Sie kennen sich. Arm im Arm gehen sie zum Döner. Nichts wie nach Hause! In mein Hotel.

Foto&Text TaxiBerlin

13.06.2015

"BERLIN DISNEYLAND"


Friedrichstraße / früher Mitte / heute Neue Mitte

Eigentlich wollte ich einen von diesen Sportwagen fotografieren, nur fahren die immer zu schnell, aber vor allem sind sie viel zu laut. Das kann einem mit der Pferdekutsche Marke "Eisener Gustav XXL" nicht passieren, oder zumindest fast nicht. Der erste offene Sportwagen tauchte im Prenzlauer Berg irgendwann im August '94 auf. So weit ich mich erinnere, hatte er ein Hamburger Kennzeichen, also HH. Sicher ist, dass wir mit billigen Bier auf der Bordsteinkante vor der "Kommandantur" gegenüber vom Wasserturm saßen, genauso wie auf dem Foto von diesem Artikel.

Der offene Sportwagen kam von der Prenzlauer Allee, aber eigentlich von HH für Hamburg, fuhr die Knaackstraße nicht einfach nur so entlang, sondern, wie es sich für einen offenen Sportwagen aus Hamburg, es hätte auch jede andere Stadt in West-Deutschland sein können, gehört, er hielt direkt vor unserer Nase an, ließ dabei seinen Motor aufheulen, brauste danach Richtung Kollwitzplatz ab, um dann dort - nach Bruchteilen von Sekunden - voll in die Eisen zu gehen.

"Der Eiserne Gustav XXL" (Foto) an sich ist leiser, seine Bier saufenden Fahrgäste erreichen aber problemlos die Phonzahl vom offenen Sportwagen, der seinerzeit wie gesagt aus HH Hamburg kam, aber eigentlich überall hätte herkommen können. Damals, vor der "Kommandantur" gegenüber vom Wasserturm auf dem Bordstein sitzend, lachten wir noch über die Irren aus Ha Ha Hamburg. Als gestern im Disneyland für Erwachsene und die es nicht werden wollen mal wieder der "Eiserne Gustav XXL" mit seinen grölenden Säufern oder saufenden Grölern auftauchte, lachte keiner mehr.

Wahrscheinlich war's zu traurig ...

PS: Wer wissen will, wie's damals war im Prenzlauer Berg und in Berlin Mitte, dem sei "Berlin Wonderland" wärmstens empfohlen.

Foto&Text TaxiBerlin

12.06.2015

IM TAXI MIT DEM JAPANISCHE FERNSEHEN


Made in Japan

Letzten Samstag war nicht nur König Fussball in der Stadt, sondern auch das Japanische Fernsehen, und zwar um einen Dokumentarfilm über "Berlin und seine Taxifahrer" zu drehen. Soviel wusste ich aus einer e-mail, die mich ein Tag zuvor von der Übersetzerin erreichte. Später am Abend rief sie, ich hatte sie bereits hier kurz erwähnt, mich auch noch an, um mir mehr darüber zu berichten.

Der Titel "Berlin und seine Taxifahrer" kann alles und nichts bedeuten, weswegen ich erstmal hören wollte, "wohin die Reise gehen soll" bei den Dreharbeiten. Ich sollte erzählen und natürlich auch zeigen, wo die Berliner am Samstagnachmittag sind und was sie da machen. Dass ich mit denen da nicht zum Brandenburger Tor und auch nicht zum Potsdamer Platz fahren würde, war klar, zumindest mir.

Mir gefiel die Idee, machen zu können, was ich wollte, weswegen ich nicht nach Bezahlung fragte. Dass es in Berlin nichts mehr umsonst gibt, dürfte sich mittlerweile auch bis nach Japan herumgesprochen haben. Ansonsten gilt beim Taxifahren: No Risk - No Fun! Die Dreharbeiten sollten ein bis zwei Stunden dauern. Die Zeit hatte ich. Die Japaner schienen offen zu sein, und ich wollte es wissen.

Ob ich schon den Tachometer angeschaltet hätte, war am Samstagnachmittag die erste Frage der Übersetzerin. Hatte ich natürlich nicht. Ob das Taxameter auch OK ist, fragte ich sicherheitshalber nach. War es, womit klar war, dass die Dreharbeiten nach Uhr bezahlt werden. Das ist in Ordnung, das kann man machen.

Wie immer hatte ich meine beiden gelben Bauhelme im Taxi. Der Redakteur aus Japan, ein junger Mann um die Dreißig, wollte mehr darüber erfahren. Ich erzählte es ihm. Seine Nachfragen verrieten mir, dass er die Sache ernst nahm, was nicht selbstverständlich ist. Darüber schmunzeln oder wegen mir auch lachen ist eine Sache. Eine andere, sich darüber lächerlich zu machen. Alles schon erlebt.

Wohin die Berliner am Samstagnachmittag gehen, konnte ich nur vermuten, da ich selbst Samstagnachmittags schlafe, weil ich die Nacht davor arbeite. Ich schlug vor, zu einer Kleingartenanlage zu fahren, um zu schauen, ob Berliner dort sind. Ich sollte Recht behalten, was keine Überraschung war, denn bei dem Wetter am Samstag war es nicht schwer, die richtige Nase zu haben.

Auf der Fahrt erzählte ich den Japanern von den wilden Neunzigern, wo Geld keine Rolle spielte und das Lebensgefühl "Alles ist möglich" war. Auch und gerade im Ostteil der Stadt, wo Polizei einige Zeit nicht zum Straßenbild gehörte. Eine gewisse Art von Anarchie lag in der Luft, bis die ersten Bullen aus dem Westen rüberkamen, um die neue Ordnung durchzusetzen. Die Räumung der besetzten Häuser in der Mainzer Straße im November 1990 ist da nur ein Beispiel.

Der Redakteur aus Japan war nun, wenn man so sagen darf, "Feuer und Flamme" und wollte mehr über diese Zeit erfahren und vor allem sehen. Vergangenes ist vergangen, und heutiges hat mit dem in der Regel wenig zu tun. Trotzdem kann es sinnvoll sein, sich vergangene Orte heute anzusehen, um zumindest eine Vorstellung zu bekommen.

Da ich damals in der Rigaer wohnte, fuhr ich mit den Japanern genau dorthin. Immerhin gibt es hier noch den "Fischladen", das "Filmrisz" und neuerdings auch wieder die "Russenbar". Die hatte einige Zeit geschlossen, wahrscheinlich weil sie nicht ganz legal war. Keine Ahnung, ob sie das heute immer noch ist. Ich weiß auch nicht, ob jetzt alle ordentliche Mietverträge haben, vermute es aber.

Es war immer noch Nachmittag und die Bars hatten natürlich alle noch geschlossen. Die Japaner konnten eine Abkühlung gut gebrauchen, weswegen ich sie zum Softeisdealer in die Frankfurter Allee brachte. Die alten Maschinen aus DDR-Zeiten machen zweifellos besseres Softeis als Burger King gegenüber. Um ganz genau zu sein, liegen Welten dazwischen, meinte zumindest der Softeisdealer.

Mittlerweile war ich fast drei Stunden mit dem Fernsehteam aus Japan unterwegs. Die Uhr lief noch und zeigte bereits ziemlich viele Euros an. Aber Geld ist nicht alles. Mindestens genauso freute ich mich über den japanischen Redakteur, denn der war wirklich offen. Der ließ mich echt machen, was ich wollte. Der wusste nicht, wo ihn "die Reise" mit mir hinführen würde. Der wusste vorher auch nicht, wo er am Ende mit mir landen sollte. Das verstehe ich unter offen!

Genau das ist heute extrem selten. Viele Leute heutzutage denken, sie wären offen, aber sie denken es eben nur. In der Regel haben sie nur eine vorgefasste Meinung oder gar Überzeugung, die sie zu bestätigen suchen. Man kann das gut bei Beiträgen über Taxifahrer sehen. In den meisten werden die Taxifahrer direkt oder indirekt als Deppen dargestellt. Das Klischee muss bedient werden, und oft bedienen es die beteiligten Taxifahrer auch aktiv.

OK, das letzte behielt ich für mich. Aber den Anfang, also dass ich den japanischen Redakteur für wirklich offen halte, was extrem schwer zu finden ist, weil heute zwar alle sagen, dass sie offen wären, es aber in Wahrheit gar nicht sind, ließ ich der Übersetzerin wissen, die es für mich für das gesamte Team ins japanische übertrug, und die das auch alle verstanden haben.

Zum Schluss ging's auch bei mir ans Bezahlen. Bezahlt wurde das, was auf der Uhr (auch Tachometer Taxameter) stand. Und da stand soviel, was da nach drei Stunden rumfahren und rumstehen so draufsteht. Obendrauf gab's noch einen Bonus und, jetzt kommt das wichtigste, ein echt japanisches Tuch (Foto) für den Fahrer, zum Schweiß abwischen, wofür der sich, wie es sich gehört, beim nächsten Treffen revanchieren wird. Vielleicht dann schon in Japan - wer weiß?!

Foto&Text TaxiBerlin

11.06.2015

DER SPRECHFUNK IST AN ALLEM SCHULD


Rosa Luxemburg Platz
früher Mitte / heute Neue Mitte

Das letzte Mal war ich vor gut einem Jahr in der "Volksbühne", jetzt nicht mit dem Taxi, sondern da habe ich richtig Kultur gemacht, und zwar bei dem Kollegen Kuttner. Gut, der war auch mal bei der Stasi, aber reden kann der, und was der alles weiß, wahrscheinlich mehr als die Stasi jemals wusste. Außerdem hat er hierzulande das "Talk Radio" erfunden, und ihm einen eigenen Namen gegeben - "Sprechfunk".

Mit dem "Sprechfunk" war das damals so, dass die Berliner ihn für ihre Gäste aus der Provinz auf Kassette aufnehmen mussten. Das ist übrigens auch der Grund, warum plötzlich alle nach Berlin wollten, was heute viele gar nicht mehr wissen. Das war nicht wegen Love Parade, Reichstagsverhüllung und schon gar nicht wegen Hauptstadt. Das war alles nur wegen den Mitschnitten von Kuttners Sprechfunk!

Und deswegen, also wegen diesen Mitschnitten, sind die Berliner selbst dran Schuld, dass jetzt alles verkauft wird. Beispielsweise auch die "Volksbühne" - immerhin "Theater des Jahres" 1993, was genau das Jahr ist, wo Kuttner mit seinem "Sprechfunk" auf Sendung ging (aber das nur nebenbei). Nur, und das ist der Punkt, wegen der "Volksbühne" ist damals niemand nach Berlin gekommen (alle nur wegen dem "Sprechfunk"!), und trotzdem wird sie verkauft ...

Foto&Text TaxiBerlin

10.06.2015

"STÖRT IHN NICHT BEIM FAHREN WENN ER SCHREIBT!"


Wilhelmstraße
früher Kreuzberg / heute Friedrichshain-Kreuzberg

Es ist schon einige Zeit her, dass mir die drei Typen im Wagen saßen, weswegen ich es besser beurteilen kann, ob der Spruch (Titel), mit dem der eine die beiden anderen zum Schweigen brachte, das Zeug zum Klassiker hat oder nicht.

Das ganze kam so: Es war ein Funkauftrag. Zu einer Kneipe. Besser: Zu einer Absturzbar. Ich bekam ihn, und nahm ihn an. Ich hätte ihn auch ablehnen können. Manche machen das. Andere fahren gar keine Kneipen. Und wieder andere überhaupt keine Funkaufträge.

Die drei kamen von ganz alleine aus ihrer Kneipe. Ich musste also nicht reingehen und sie rausprügeln, was schon mal ein gutes Zeichen war. Alle drei waren ansprechbar, der deutschen Sprache mächtig und - das wichtigste - transportfähig.

Die Fahrt ging nicht weit. Genau genommen war die Anfahrt weiter als die eigentliche Fahrt. Sie wollten nur zur nächsten Absturzbar, deren Namen ihnen aber nicht einfiel, weswegen wir raten mussten, wie sie denn heißen könnte.

Irgendwann holte ich mein Notizbuch raus, um mir die besten der möglichen Barnamen aufzuschreiben. Beim Fahren. Danach kam der Spruch (Titel). Und dann waren wir auch schon da. Aber wo?

Abschlepp-Bar
Abschließ-Bar
Abschreib-Bar
Abwasch-Bar
Abwähl-Bar
Ausweich-Bar
Begeh-Bar
Einweich-Bar
Fahr-Bar
F***-Bar
Greif-Bar
Kontrollier-Bar
Mach-Bar
Nackt-Bar
Newton-Bar
Nutten-Bar
Nutz-Bar
Schwer Vermittel-Bar
Teil-Bar
Trink-Bar
Überwach-Bar
Unmittel-Bar
Unvermeid-Bar
Verhandel-Bar
Vermeid-Bar
Verschließ-Bar
Wähl-Bar
Wasch-Bar
Wiederverwert-Bar

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09.06.2015

DIE SACHE MIT DEM TRINKGELD


Wie viel ist angemessen?

Beim Trinkgeld geht es, auch wenn das Wort Geld drin steckt, nicht in erster Linie ums Geld. Ich weiß, das wird einige jetzt überraschen. Aber keine Sorge, das wissen auch viele nicht, die in klassischen Trinkgeldberufen arbeiten. Dazu gehören in unseren Breiten die Gastronomie, das Friseurgewerbe und eben auch das Taxifahren.

Das Trinkgeld ist eine Spende, die es in Deutschland seit dem Mittelalter gibt, die, wie der Name vermuten lässt, zum Vertrinken gedacht ist. Dass der Spender den Empfänger fragt, ob er lieber einen oder zwei Taler Trinkgeld möchte, ist ungewöhnlich, macht den Spender aber nicht automatisch zu einem gemeinen Menschen.

Wer in dieser Situation antwortet, ich hätte lieber zwei statt einen Taler Trinkgeld, weil er möglicherweise "Geldgeil" ist (auch ein schönes Wort!), sollte dafür die Schuld nicht beim Spender suchen, schließlich hätte er die Frage auch mit der Gegenfrage beantworten können, und zwar was ihm, also dem potentiellen Trinkgeldgeber, sein Service an Trinkgeld Wert ist. Doch genug der Vorrede!

Beim Trinkgeld geht es, ich erwähnte eingangs, nicht nur ums Geld, auch wenn das Wort es vermuten lässt. Das Trinkgeld hat auch einen kulturellen Aspekt. Es ist nicht nur Bestandteil unserer Kultur, sondern auch der in England, den USA, Russland und vielen anderen Ländern. Es gehört zu uns (oder eben nicht, wenn der Service schlecht war) wie die Gabe von Almosen in islamischen Staaten.

Gibt ein Gast kein Trinkgeld, und das ist meiner Meinung nach der eigentliche Punkt, so hat das nicht unbedingt etwas mit Geiz zu tun, zumindest nicht an erster Stelle, vorausgesetzt der Service war in Ordnung. In den meisten Fälle drückt der Gast damit nur sein Desinteresse an dem Land und seiner Kultur aus, was man, ohne gemein zu sein, auch als geistige Armut bezeichnen kann.

Geistige Armut korreliert, das ist zumindest meine Erfahrung, nur zum Teil mit materieller Armut. Es gibt auch viel geistige Armut unter vermeintlich reichen Menschen, genauso wie geistiger Reichtum bei armen Menschen anzutreffen ist. Der Geiz hat direkt mit der Armut nichts zu tun, sondern mit dem Nicht Loslassen können.

Mit dem Loslassen hat gemeinhin der anale Charakter die meisten Schwierigkeiten. Das beste Beispiel für den analen Charakter ist der Deutsche: penibel, sparsam, ordnungsliebend, zwanghaft, starrsinnig usw. Trotzdem, und das ist der Beweis meiner Theorie, liegt uns das Spenden in den Genen, und meistens klappt es auch mit dem Trinkgeld - egal ob ein oder zwei Taler. Darauf kommt es nicht an!

Foto&Text TaxiBerlin

08.06.2015

"BIG IN JAPAN"


Soooooooon!

Merkwürdige Dinge passieren mir in letzter Zeit. Erst träume ich zweimal von Kurt Wolff, dann höre ich von Tom Waits "Big in Japan", was nicht nur viel jünger, sondern auch viel besser ist, als der gleichnamige Song von Alphaville, und bald darauf sitzt mir ein Fernsehteam aus Japan im Taxi, das mich in ihrer Heimat "groß rausbringen" will, was immer das heißen mag.

Meine Erfahrungen mit Presse, Funk und Fernsehen sagen mir, dass das Niveau abnehmend und beim Fernsehen am geringsten ist. Das ist zum Teil dem Medium geschuldet, aber nicht nur. Darüber hinaus gibt es eine allgemeine Verflachung unserer Medien, wie auch unseres Lebens, so dass dies wiederum "in Ordnung" geht. Ausnahmen wie am Samstag bestätigen - leider - auch hier nur die Regel:

Das japanische Fernsehteam erwartete mich am Senefelder Platz zusammen mit ihrer Übersetzerin, einem absoluten Profi und jungen Frau mit italienisch/japanischen Wurzel und deutscher, aktuell: Berliner, Sozialisation. Während die Kameras und das Mikrofon ins Taxi eingebaut werden, erzähle ich von meiner Protestaktion gegen die vielen Berliner Baustellen mittels gelbem Bauhelm.

Was der Grund sei für die vielen Dauerbaustellen, wollen die Japaner wissen. Interessante Frage! Schlechte Politiker?! Mangelnde Kohle?! Wie überall letztendlich: Die gefährliche Kombination von Dummheit und Faulheit. Hinzu kommt diese spezielle Form von Berliner Arroganz, der man auch gerne auf Ämtern und Behörden begegnet, und die auf berlinerisch "Leck mich!" heißt.

Wer schon mal mit Japanern zu tun hatte, der weiß, wie die machen, wenn sie etwas neues, aufregendes zu hören bekommen. Ich kann das schlecht nachmachen, noch weniger kann ich es beschreiben, es hört sich an wie "Oooooooooh!" Man sieht und hört es auch in deutschen Filmen, wo es gerne als japanisches Markenzeichen hingestellt wird, und was ich nach meiner Erfahrung vom Samstag bestätigen kann. Ich habe sehr oft "Oooooooooh!" bei mir im Taxi gehört.

Angefangen als wir vor der ehemaligen "Kommandantur" hielten, wo heute ein japanisches Restaurant drin ist, und wo vorher auch schon mal ein Italiener drin war. Das "Oooooooooh!" galt weder dem einen noch dem anderen, und auch nicht der Tatsache, dass es dort wirklich mal eine sowjetische "Kommandantur" gab, nach dem Krieg. Das "Oooooooooh!" der Japaner bei mir im Taxi galt meinen Erlebnissen in dieser "halblegale Sauf-, Szene,- und Absturzbar, wie sie typisch war" im Berlin der wilden Neunziger.

Jetzt hatten die Japaner Blut geleckt. Ich merkte das daran, dass ein "Oooooooooh!" rasch dem nächsten folgte. Natürlich wollten sie mehr über das Berlin der Neunziger erfahren, wer will das nicht. Und so fuhr ich sie zum "Fischladen" im Friedrichshain, ich hatte neulich über ihn geschrieben, und erzählte von besetzten Häusern, illegalen Kneipen und natürlich von der erwähnten Volxküche in der Rigaer.

Leider waren wir zu früh, der "Fischladen" noch geschlossen. Aber wo trifft man dann Samstagnachmittag richtige Berliner? Nein, nicht am Brandenburger Tor! Und auch nicht am Potsdamer Platz! Du triffst sie in ihren Schrebergärten, wo wir als nächstes hinfuhren. Was folgte, war eine richtiggehende Orgie von besagten "Ooooooooohs!", und dabei saß da nur eine ganz normale Familie, bestehend aus Kindern, Eltern und Großeltern, bei Kaffee und Kuchen im Garten.

Zum Schluss zeigte ich den Japanern, die ich nach nur zwei Stunden richtig lieb gewonnen hatte, meinen ganz persönlichen Geheimtip, den ich auch dir verraten möchte, der du bis hier durchgehalten hast. Es ist meine bereits beschriebene "Kellerbibliothek", wo man nicht nur Bücher kaufen, sondern auch Kaffee trinken und Bio essen kann. Es ist das Café "Tasso" am Frankfurter Tor.

Und wenn du es gefunden hast, musst du unbedingt in den Keller gehen, denn dort stehen die wahren Schätze. Jetzt, wo es bald ganz Japan weiß, kann ich es auch dir erzählen: Ich habe Jahre gebraucht, bevor ich ihn gefunden habe, und zwar weil sich die Treppe runter zum Keller versteckt neben der Küche befindet. Dort angekommen werden auch deine "Ooooooooohs!" nicht enden wollen.

Zum Schluss noch zwei Sachen: "Der Keller" heißt auch ein Buch von Thomas Bernhard. Ich fand es am Samstag. Wo? Natürlich im Keller! Um es kurz zu machen: Es ist genial! "Big in Japan" von Tom Waits gibt es wirklich, und es beginnt mit: "I got the style but not the grace, I got the clothes but not the face, I got the bread but not the butter ... but hey, I'm big in Japan!"

Foto&Text TaxiBerlin

06.06.2015

VOLXKÜCHE FRIEDRICHSHAIN


So sieht sie aus!

Mir passiert es regelmäßig, dass ich beim Arbeiten das Essen vergesse. Klar, ich komme viel rum und auch überall hin, aber irgendwo auszusteigen, um einen Imbiss zu nehmen, ist eine andere Geschichte. Manch ein Taxifahrer hat Angst, deswegen eine Fuhre zu verpassen. Mir ist das egal. Ich sorge mich mehr um den Imbiss, denn die sind in Berlin oft schlecht. Dann lieber nichts essen, als mit schlechten Essen im Magen durch die Gegend fahren.

Gestern war es nun so, dass ich so lange herumgefahren bin, dass es fast schon egal war, was ich zu mir nehme, denn das Essen würde sowieso sofort verdaut werden und nicht lange irgendwo rumliegen. Ehrlich gesagt stand mir der Sinn nach einem von diesen fettigen Dönern mit durchgedrehtem Fleisch, oder was immer es sein mag. Blöderweise war ich gerade in der Simon-Dach-Straße unterwegs, die zwar sehr voll war, wo es aber keinen fettigen Döner gibt.

Das scheint eine echte Marktlücke zu sein. Wer nicht weiß, was er machen soll, macht Döner in der Simon-Dach, aber dieser fettige mit dem durchgedrehten Fleisch muss es sein. Da es ihn, wie gesagt, dort nicht gibt, musste ich ausweichen, und weil ich sehr hungrig war, durfte es nicht weit sein. Zum Glück fiel mir ein, dass es in der Rigaer irgendwann mal Volxküche gab, was aber lange her ist.

Den Laden gibt es immer noch, und komischerweise war gestern besagte Volxküche. Wer nicht weiß, was Volxküche ist: Da kochen normale Leute für normale Leute für wenig Geld. Das ganze mit Selbstbedienung, ist schließlich nicht "Wünsch dir was!" Früher kochte in dem Laden auch mal ein kleiner Inder, und was der kochte, war besser als das, was es bei den meisten Berliner Indern gibt.

Den kleinen Inder gibt es nicht mehr, weswegen ich auch verraten kann, wo es noch Volxküche gibt. Es ist der "Fischladen" in der Rigaer. Behalt es aber bitte für dich, denn ich will da auch morgen noch in Ruhe essen. Sonst kann ich ja gleich in die Simon-Dach-Straße gehen. Bevor ich's vergesse, gestern gab es panierte Aubergine mit Kartoffeln, Salat und Tzatziki mit wahnsinnig viel Knoblauch.

Alles zusammen übrigens für 2,50€, falls mal jemand Volxküche ausprobieren will. Mir ist sie auf jeden Fall sehr gut bekommen, aber ich war auch richtiggehend ausgehungert. Insbesondere der viele Knoblauch hat mir gut getan. Auf jeden Fall besser als das viele Fett vom fettigen Döner! Das bestätigten mir später auch Fahrgäste von der Simon-Dach, aber was wissen die schon von fettigen Dönern ...

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05.06.2015

WAS LEUTE LESEN WOLLEN . . .


wird jetzt auch verramscht ...

Man erkennt die Bücher, von denen Kurt Wolff, der mir neulich gleich zweimal im Traum im Taxi saß, meinte, dass Leute sie lesen wollen, und für die man seit einiger Zeit auch Geld mitbringen muss, um sie herauszubringen, was Kurt Wolff zwar nicht unbedingt als Fortschritt, aber immerhin für eine Form von "Demokratisierung" hält, nicht immer, aber immer öfter an ihrem Titel ...

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04.06.2015

IM TAXI MIT KURT WOLFF NOCHMAL


Auf Daunenpapier!

Dass man am nächsten Tag dasselbe träumt, kommt so selten vor, dass es alleine deswegen schon erwähnenswert ist. Genau genommen war es nicht derselbe Traum, sondern seine Fortsetzung. Wir, also Kurt Wolff und ich, hatten mittlerweile den Nollendorfplatz erreicht, wo wir kurz anhielten, weil noch jemand zusteigen sollte, und weswegen ich mir notieren konnte, was Kurt Wolff sagte:

"Man verlegt entweder Bücher, von denen man meint, die Leute sollen sie lesen, oder Bücher, von denen man meint, die Leute wollen sie lesen. Verleger der zweiten Kategorie, das heißt Verleger, die dem Publikumsgeschmack dienerisch nachlaufen, zählen für uns nicht - nicht wahr? ... Für solche Verlagstätigkeit braucht man auch weder Enthusiasmus noch Geschmack. Man liefert die Ware, die gefragt wird. Man muss also wissen, was auf Tränen- oder Geschlechts- oder andere Drüsen wirkt ... usw."

Plötzlich passierte merkwürdiges, und zwar klingelte ein Handy. Da es nicht meins war, konnte es nur das von Kurt Wolff sein, der offensichtlich in der neuen Zeit angekommen war. Am anderen Ende war die Person, auf die wir warteten, die aber nicht kommen konnte, weswegen für Kurt Wolff auch hier am Nollendorfplatz die Fahrt zu Ende war, was ich sehr traurig fand, denn ich hätte mich noch stundenlang mit ihm unterhalten können. Kurt Wolff muss es ähnlich gegangen sein. Jedenfalls gab er mir, während er bezahlte, noch etwas mit auf den Weg, was sinngemäß lautete, dass der, der auch nur auf die Quote schielt, die Schere schon im Kopf hätte.

Worte Kurt Wolff
Foto&Text TaxiBerlin

03.06.2015

IM TAXI MIT KURT WOLFF


Schwarzes Heft auf Schwarzem Grund

Neulich hab ich geträumt, dass mir Kurt Wolff einsteigt, irgendwo am Kurfürstendamm, und wir uns über Bücher unterhalten. Kurt Wolff war ein bekannter Verleger, der unter anderem die Bücher von Harry Potter Franz Kafka herausbrachte, falls den noch jemand kennt.

Ich hatte gehört, dass Kurt Wolff als Verleger ein "Kleines Vermögen" gemacht hätte, was er bestätigte. Natürlich wollte ich wissen, wie er das gemacht hat. Das wäre ganz einfach gewesen. Man braucht dazu nur ein großes Vermögen, dann bringt man die Bücher heraus, von denen man denkt, dass Leute sie lesen sollen, und dann hätte man aus dem ehemals großen schon ein "Kleines Vermögen" gemacht.

Das sei zum Glück heute anders. Heutzutage muss man bereits Geld mitbringen, um die Bücher herauszubringen, von denen die anderen Verleger meinen, dass Leute sie lesen wollen, und womit die neunzig Prozent der Bücher gemeint sind, die in den meisten Buchläden so angeboten werden. Das sei zwar genau genommen kein wirklicher Fortschritt, aber immerhin zumindest eine Art "Demokratisierung".

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02.06.2015

DIE AUSLAGERUNG DER REPRODUKTION


"Nur für Mutter mit Kind" !?!
Karlshorster Ecke Hauptstraße / Lichtenberg

Kind gleich Problem - diese einfache Rechnung gilt auch im Taxi. Du glaubst mir nicht? Dann mal Hände hoch, wer dort einen Kindersitz mit sich führt! Und weiter: Für welches Alter brauche ich den, und wann nehme ich besser eine Babyschale? Muss ich überhaupt Kindersitze im Taxi haben, und wenn ja, wie viele? Wann kann ein Fahrgast das Kind einfach im Arm halten? Und welche Versicherung zahlt, wenn wirklich (Gott bewahre!) was passiert?

Das sind alles Fragen, auf die nicht nur für ein Taxifahrer die Antworten wissen sollte. Auch junge Eltern, die mit ihrem eigenen Fahrzeug unterwegs sind, fragen sich immer öfter, wann sie besser welchen Airbag abschalten, damit der Nachwuchs nicht erstickt, nachdem er einen möglichen Unfall überlebt hat.

Das Leben alleine ist kompliziert - das Leben mit Kindern ist am kompliziertesten!

Aber ist das der alleinige Grund, dass viele Leute in unserem schönen Land in einen Reproduktionsstreik getreten sind? Oder wie sind 8,28 Geburten auf 1000 Einwohner zischen 2009 und 2013 zu deuten? (Die wenigsten weltweit übrigens, gefolgt von Japan mit 8,36.) Geht's uns zu gut, wobei Kinder nur stören? Sind wir wirklich so egoistisch?

Je länger ich darüber nachdenke, Zeit dazu habe ich in meinem Taxi, und je öfter ich mich auch mit Fahrgästen darüber unterhalte, desto mehr komme ich zu der Überzeugung, dass es sich um einen ganz normalen Vorgang im Rahmen der Globalisierung handelt, dass nach der Produktion nun auch die Reproduktion ausgelagert wird.

Nur, und das ist der Haken an der Geschichte, weswegen ich sie auch nicht kaufe, sind "Überzeugungen ... gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen" - fand zumindest Kollege Nietzsche.

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01.06.2015

"BÜRGERLICHE WELT IN KLEIN"


Das Geld und der Tod

Angekündigt war mir eine ganz normale "Catering-Fahrt", bei der Essen zu einer sonntäglichen Nachmittags-Party nach Zehlendorf gebracht werden sollte. Zu der Fahrt gekommen bin ich, das nur nebenbei, durch meine Funkzentrale, weswegen ich mich auch nicht beklage, denn ich wusste, worauf ich mich einlasse. Ich erwähne das nur, weil es heute nicht mehr selbstverständlich ist, dass Taxis Leute, oder in dem Fall eben Leute mit Essen, irgendwo abholen.

Ich fahre alles, naja - so gut wie, und natürlich nur des Geldes wegen, was zur Folge hat, dass ich bei der Arbeit keinen Spaß mehr habe, was sich gestern ändern sollte, und das kam so: Der jungen Dame, die mir mit ihren tausend Taschen voll Essen einstieg, hatte kurzfristig die Praktikantin abgesagt, weswegen sie auch alleine war. Alleine war sie aber mit dem Buffet für die Party überfordert, denn einige Sachen mussten vor Ort noch zubereitet werden, aber die Zeit war knapp und sie war immer noch alleine, ich erwähnte es bereits.

Kurz darauf stand ich mit umgebundener Schürze in einer großen Zehlendorfer Küche unweit der Ecke Goethe/Schiller, belegte Brote und backte Kuchen. Zwischendurch war ich am ständigen Händewaschen, was mir aus einem früheren Leben noch vertraut war, und am Aufräumen, was gar nicht mein Ding ist. Meine Instruktionen erhielt ich übrigens von der talentierten Roxana vom gleichnamigen Catering, die ihr Glück nicht fassen konnte, kurzfristig einen so kompetenten Ersatz gefunden zu haben, und das auch noch im Taxi!

Zum Schluss fand ich mich auf der Terrasse hinter der Villa und vor einem großen Garten sitzend wieder, vor mir eine Tasse Kaffee und ein Stück Möhrenkuchen. Zu meiner rechten saß ein Anwalt, dann kam ein Journalist und dann ein Arzt usw., links von mir eine Dame aus der Nachbarschaft, die mir von ihrer Puppen und Puppenstuben Ausstellung erzählte, die den Namen dieses Beitrag trägt, noch bis Ende August in Britz läuft, und wo ich unbedingt hingehen müsste.

Ob ich das schaffe, konnte ich nicht versprechen. In dem Moment war ich damit beschäftigt, der Konversation am Tisch zu folgen, bei der es um ewige Baustellen und betrügerische Schlüsseldienste ging. Und obwohl es in Zehlendorf war, erinnerte es mich an Partys im Berlin der Neunziger, wo es ganz normal war, dass die Putzfrau neben dem Juristen saß. Dass einzige, was sich seither geändert hat, ist nicht etwa, dass es solche Partys nicht mehr gibt, sondern nur, dass ich als Taxifahrer sozusagen die Rolle der Putzfrau übernommen habe, womit ich gut leben kann, auch mit wenig Geld und im Friedrichshain.

Geld ist bekanntlich nicht alles! Das wichtigste im Leben ist, Dinge zu tun, die einem Spaß machen, was mir der gestrige Nachmittag einmal mehr bewies. Offen und spontan zu sein, kann dabei helfen, muss aber nicht. Es gibt im Leben keine Garantie. Manchmal bringen einen auch so unangenehme Sachen wie Funkaufträge und Küchenhilfe weiter. Was sich daraus ergibt, weißt du erst, wenn du es machst.

Foto&Text TaxiBerlin