22.05.2015

DIE LETZTEN IHRER ART


Ein Fahrradkurier bei der Arbeit

Nur selten gehe ich mit Fahrgästen mit. Gut, kommt natürlich auch auf den Fahrgast (respektive Fahrgästin) drauf an. Einmal war ich mit Fahrgästen essen - im Hühnerhaus am Görlitzer Park. Das war ganz OK, auch weil die Fahrt danach nach Potsdam ging.

Gestern bin ich nun, nein nicht im Hühnerhaus, sondern in einer, wie soll ich mich ausdrücken, ich sage mal Räucherhöhle gelandet. Zu der, also zu der Räucherhöhle, später mehr. Irgendwie hing alles mit dem Slogan "Dichter in die Produktion" zusammen, aber wie genau, das würde hier zu weit führen.

Der Begriff Räucherhöhle lässt vermuten, dass dort geraucht wurde. Und so war es auch, was ich wiederum gar nicht mehr gewohnt bin. In dem Punkt bin auch ich schon im Neuen Berlin angekommen. Die Räucherhöhle hatte immerhin eine Lüftung, die aber nur mäßig funktionierte, und war durch eine Tür vom Schankraum getrennt, wo aber auch geraucht wurde.

Mit denen, die vorlasen, ging es mir ungefähr so wie mit meinen Fahrgästen. Die meisten da sind ja irgendwie Durchläufer. (Nicht verwechseln mit Mitläufer! Das sind wieder andere!) Und so war es gestern Abend auch. Entweder war's zu lang, nicht witzig oder einfach nur langweilig. Der Fahrradkurier stach zumindest dadurch heraus, weil er seine Texte abgeschrieben hatte, und zwar bei keinem geringeren als Robert Weber.

Wenn ich es richtig verstanden habe, geht es um diese zehn Texte, die der Fahrradkurier abgeschrieben haben soll, und die der eigentliche Urheber, Robert Weber, gestern auch selbst zum Vortrag brachte, was zweifellos ein Höhepunkt des Abends war. Eine Ähnlichkeit mit den Texten vom Fahrradkurier konnte ich zwar nicht feststellen, aber vielleicht ist das gerade die Kunst beim Abschreiben.

Zum Schluss trat dann noch ein Dichter-Fossil ans Mikro, genau genommen nahm er es in die Hand, was bis dahin arglos auf dem Tisch gelegen hatte, und weswegen die, die vorlasen, immer so komisch noch vorne gebeugt am Tisch sitzen mussten, aber das nur nebenbei. Das Fossil hört auf den Namen Papenfuß und ist gemeinhin dafür bekannt, dass nur er selbst seine Texte versteht. Das war gestern anders, soviel kann ich auf jeden Fall sagen.

Papenfuß, der letzte seiner Art, leitete nach seinem Vortrag das Finale des Abends ein, und zwar den Verkauf eines selbstgedruckten Heftes des Fahrradkuriers für genau zwölf Eurocent, zu bezahlen in Kupfermünzen. Der Verkauf erfolgte nur während eines Musiktitels, der wiederum genau 3:12 Minuten lang war.

Was in diesen gut drei Minuten los war, das kann sich niemand vorstellen, der nicht dabei gewesen ist. Früher hätte man wohl gesagt, die Schlacht ums kalte Buffett hat begonnen. In dem Fall gab es aber nichts zu essen, und auch nichts zu rauchen, sondern was schön zurecht Gemachtes zum Lesen. Es kam jedenfalls, und deswegen überhaupt dieser Beitrag, richtig Bewegung in die Räucherhöhle, und mit Sicherheit mehr, als die Lüftung sonst macht.

Zum Schluss wie versprochen noch etwas zur Räucherhöhle selbst. Der ein oder andere wird sie kennen, es ist die alte/neue Baiz in der Schönhauser Allee, die gestern noch in der Torstraße war. Ob es sie morgen noch gibt, ist ungewiss. Falls ja, dann wohl eher als Museum, wo die Allerletzten ihrer Art zu bestaunen sind.

Foto&Text TaxiBerlin

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