05.03.2015

WER SUCHT DER FINDET


Alltag in Berlin: Wasserrohrbruch

Ja, ich bin ein Messi. Das stimmt wirklich. Ich bin ein Bücher-Messi, was eine milde Form des Messianismus ist. Es soll Leute geben, die kennen nur den Fußballer Messi und können ansonsten mit dem Wort Messi nichts anfangen. Wie soll ich es denen erklären? Vielleicht so: Ich bin Büchersüchtig. Auch hier gilt: Es gibt schlimmere Süchte. Und: Sucht kommt von suchen. Manche finden auch, was sie suchen.

Das mit dem Finden ist so eine Sache, zu der das Zurechtfinden zweifellos dazugehört, was man sich für jeden Berliner Taxifahrer nur wünschen kann, denn Berlin im Allgemeinen und Berlins Straßen im Besonderen sind oft einfach nur "a mess", also ein Desaster oder ein Chaos. Ein Genie würde das Chaos beherrschen, sagt man, was nicht stimmt, denn oft sind es andere, die das Chaos für das vermeintliche Genie, in der Regel ein kleines Arschloch, beherrschen. Wenn überhaupt, dann ist es ein Messi, der mit dem Chaos klarkommt.

Berlin ist nicht "arm aber sexy", Berlin "is a mess"! Angefangen bei der unendlichen Geschichte unseres neuen Flughafens, der seine Einweihung und seinen zehnten Geburtstag zusammen feiern wird, über die unmöglichen Baustellen in unserer Stadt, ich sage nur Warschauer Straße, wo im Winter beide Straßenseiten gleichzeitig gemacht werden. Was ist der Grund? Wusste man, dass der Winter dieses Jahr ausfällt? Wohl eher nicht, denn man sieht auch bei schönstem Sonnenschein niemanden dort arbeiten.

Wohl dem Fahrgast, der an einen Taxifahrer gerät, der sich "In the mess of Berlin", also in dem alltäglichen Chaos auf den Berliner Straßen und Plätzen zurechtfindet. Aber nicht nur das ist wichtig. Ein guter Taxifahrer sollte auch mit Fahrten zurechtkommen, die nicht alltäglich sind, und das möglichst ohne Navi. Das hört sich einfach an, ist aber für den, der nur den Flughafen oder den Bahnhof kennt, wo er immer wieder zurückfährt, eher nicht zu erwarten.

Jetzt mal Hand aufs Herz! Welcher Taxifahrer fährt wirklich überall in der Stadt? Damit meine ich nicht, dass er vom Flughafen oder vom Bahnhof überall hinfährt. Das muss er sogar, denn dafür gibt es die Beförderungspflicht. Aber wer stellt sich dort, wo er seinen Fahrgast hingebracht hat, auch wirklich hin, um auf den nächsten Fahrgast zu warten? Ich will es Dir sagen: Kein Taxifahrer!

Dafür hat er, zugegeben, auch gute Gründe. Er weiß nämlich nicht, ob dort, wo sein letzter Fahrgast ihn hingelotst hat, überhaupt etwas geht, will sagen, ob es dort überhaupt einen nächsten Fahrgast gibt, oder ob er auf den einen halben Tag warten muss. Er kann das auch nicht wissen, weil er sich nie dorthin gestellt halt, sondern immer gleich zum Flughafen oder zum Bahnhof zurückgefahren ist.

Das führt dazu, dass bestimmte Strecken kaum noch ein Fahrer im Kopf hat, geschweige denn, dass er sie fahren könnte, zumindest nicht ohne Navi. Ich rede von Strecken, die in dem Universum der Taxifahrer, die nur den Flughafen oder den Bahnhof kennen, nicht mehr vorkommen, aus genannten Gründen nicht vorkommen können.

Ich möchte zwei/drei Beispiele nennen, damit Du weißt, wovon ich rede. Stell Dir vor, dich hat es nach Alt-Lübars verschlagen. Das gibt es übrigens wirklich, das habe ich mir nicht ausgedacht. Du bist also in Alt-Lübars und fährst ausnahmsweise mal nicht zurück zum Flughafen oder zum Bahnhof, wie Du es sonst immer machst, sondern stellst Dich an die Taxihalte Alt-Lübars, auch die gibt es wirklich.

Plötzlich bekommst Du einen Auftrag, den Du auch annimmst, das ist ja klar. In Alt-Lübars ohne Funk zu fahren wäre ziemlich doof, aber das nur nebenbei. Jetzt musst Du in Alt-Lübars die kleine Straße finden, wo Dein Fahrgast auf dich wartet. Wie gesagt: Ohne Navi sondern mit Karte. Das ist Stress, weil Du noch nie in Alt-Lübars warst oder eben gleich wieder weggefahren bist, aus Alt-Lübars.

Zum Glück gibt es in Alt-Lübars nicht viele Straßen. Genau genommen gibt es nur eine, und die heißt Alt-Lübars. Aber das kannst Du nicht wissen, weil Du dich da ja nie hinstellst, und wenn jemand nach Alt-Lübars will, so wie dein letzter Fahrgast, dann sagt der Dir schon, wo er da genau hinwill. Darauf verlässt Du dich. Du wärst schön blöd, wenn Du es nicht tätest, denn dann wärst Du am Arsch.

OK, jetzt hast Du deinen Fahrgast gefunden. Natürlich musst Du aussteigen und bei ihm klingeln, denn der rechnet nicht damit, dass Du so schnell bei ihm bist. Ausserdem ist er alt und langsam. Das nervt doppelt, denn Du willst weg aus Alt-Lübars, und das möglichst schnell. Da kannst Du so 'ne Schleicher nicht gebrauchen.

Endlich sitzt der ältere Herr angeschnallt neben dir im Taxi. Das hättest Du also geschafft, meinst Du, und reibst Dir in Gedanken zum ersten Mal die Hände, seitdem Du in Alt-Lübars bist. Jetzt will der Mann aber weder zum Flughafen noch zum Bahnhof. Schöne Scheiße, denkst Du, auch das noch. Zum Flughafen und zum Bahnhof hättest Du sicherlich irgendwie gefunden, aber wie bitte sehr kommst Du von Alt-Lübars nach Alt-Hohenschönhausen?

Zum Schluss noch zwei Strecken, auf denen dem, der nur den Flughafen oder den Bahnhof kennt, sich aber ausnahmsweise mal woanders postiert hat, regelmäßig dieses Drama passiert. Stell Dir vor, Du stehst am Bahnhof Adlershof und Dein Fahrgast will zum Wannsee. Schöne Strecke, nur schwer zu fahren. Oder, ein letztes Beispiel: Von Heiligensee nach Nikolassee, aber nicht über Autobahn!

Foto&Text TaxiBerlin

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