18.03.2015

IM TAXI MIT JUDITH HERMANN


Nichts anzuziehen

Ich war mir sicher gewesen, dass es eines schönen Tages passieren würde. Ich war also vorbereitet, in irgendeiner Art und Weise, und hätte deswegen eigentlich "frei von der Leber" reden können, wie man so schön sagt. Sie hatte eine von diesen unmöglichen Flower Power Sonnenbrillen auf ihrer schönen Nase, als sie mir gestern Nachmittag am Alex ins Taxi sprang. Offensichtlich war sie Shoppen gewesen, denn sie hatte mehrere Einkaufstüten von Kaufhof & Co dabei, und wollte nicht erkannt werden.

Erkannt habe ich Judith übrigens nicht an ihrer langen Nase, sondern an den engen Jeans, die sie trug, und an ihren hohen Schuhen. Normalerweise erkenne ich nie jemanden, selbst wenn ich denjenigen kenne. Bei Judith Hermann war das anders, denn die kenne ich gar nicht. Ich kenne nur eine ihre Geschichten, um genau zu sein "Sommerhaus, später". Ehrlich gesagt, habe ich sie nicht verstanden, also die Geschichte. So weit ich mich erinnere, kommt ein Taxifahrer darin vor, der gleichzeitig ein Aussteiger ist, und für den die Autorin, also Judith, gewisse Sympathien hegt.

Das interessierte mich nun ganz genau, weswegen ich es genauer wissen wollte von ihr, der Autorin, die mir gerade eingestiegen war mit ihren Tüten. Judith sah mich aber nur durch ihre komische Sonnenbrille an und sagte erstmal kein Wort. Irgendwann, nach reiflicher Überlegung, meinte sie, dass das nur eine Geschichte sei, die mit ihrem wahrem Leben nichts zu tun hätte, was ich wiederum Schade fand, weil das mit dem Taxifahrer doch der beste Teil der Story war, zumindest meiner Meinung nach.

Aber wie gesagt, ich war auf diese Fahrt vorbereitet, und das schon seit langem. Was ich auf keinen Fall wollte, war, dass Judith mich als blöden Taxifahrer in Erinnerung behält, der nicht einmal ihre Geschichten versteht. Noch hatte ich etwas Zeit, denn Judith Hermann wohnt, das ist keine Überraschung, im Prenzlauer Berg. Mir fiel ein, dass ich Judith einmal bei einer Lesung erlebt habe. Am Besten hatte mir gefallen, wie professionell sie war. Ich mag professionelle Frauen, genauso wie ich professionelle Taxifahrer mag, was sie aber nicht sonderlich zu beeindrucken schien.

Jetzt musste ich mir wirklich was einfallen lassen, denn wir waren schon in ihrer Straße. Ich überlegte, ihre blöde Sonnenbrille zu loben. Frauen mögen das, hat mir mal jemand gesagt. Es war allerdings ein Mann, fiel mir gerade noch rechtzeitig ein, weswegen ich es gleich wieder verwarf. Aber was bleibt mir dann noch übrig? Ich könnte ein gemeinsames Kaffeetrinken vorschlagen. Auch das erschien mir problematisch, denn ich trinke Kaffee nur noch zu Hause und nur mit richtiger Milch. Und so weit ich weiß, ist man im Prenzlauer Berg schon lange komplett auf Soya-Milch umgestiegen.

Gerade noch rechtzeitig, wir standen bereits vor ihrem Haus, kam mir eine geniale Idee. Ich fragte Judith nach ihren Einkäufen. Sie war nicht sonderlich zufrieden, was auch daran liegt, dass sie so eine komische Kleidergröße hat. Aber nicht nur das. Sie habe auch, das muss aber unter uns bleiben, nicht wirklich Ahnung von Mode, zumindest was ihre eigenen Klamotten angeht. Diese Nachricht schickte mit Himmel, das war ganz klar ein Zeichen, denn mir geht es genauso. Das wusste schon meine Mutter, die bis heute nicht müde wurde mich zu ermahnen, ich solle mich nicht wie ein "Arme-Leute-Kind" kleiden.

Andererseits weiß auch ich ganz genau, was anderen Leuten steht. Das mag sich ungewöhnlich anhören, ist aber wirklich so. Hinzu kommt, dass ich ein leidenschaftlicher Shopper bin, und, was viele Männer gar nicht können, ich tue es gerne: Ich begleite und berate Frauen beim Einkaufen. Und das muss Judith überzeugt haben. Auch wenn es für mich wegen ihrer Brille nicht einfach war, ihre wahren Gefühle zu deuten. Hinzu kommt, dass sie, ich erwähnte es bereits, wirklich professionell ist.

Und weil auch ich ein professioneller Taxifahrer bin, schlug ich Judith vor, mich bei ihrer nächsten Shopping-Tour nicht nur als Taxifahrer sondern auch als Stylist zu buchen. Darüber hat sie sich sehr gefreut und mir versprochen, sich bei zu melden, wenn sie mal wieder nichts anzuziehen hat.

Foto&Text TaxiBerlin

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