31.03.2015

KREUZBERGER NÄCHTE


Immer noch unerreicht

Dass mir eine Werbung noch mal so aus der Seele sprechen würde, hätte ich ehrlich gesagt nicht für möglich gehalten. Aber man soll eben niemals nie sagen ...

(Mit Kreuzberger Nächten sind übrigens diese hier gemeint.)

Foto&Text TaxiBerlin

30.03.2015

VON FLASCHENSAMMLERN, BETTLERN, TAXIFAHRERN UND KÜMMERERN


Bettler bei der Arbeit

Flaschensammler, Taxifahrer und Bettler sind Brüder, deren zu hause die Straßen und Plätze sind. Wie unter Brüdern üblich, hat ein jeder seine Präferenzen, wen er lieber mag. Grundsätzlich ist es aber auch hier so, dass sich alle lieb haben.

Ich kann nur für den Taxifahrer sprechen, erstmal, weil ich selber einer bin, und außerdem, weil ich mich da halbwegs auskenne. Unter uns ist es mehr oder weniger Fifty/Fifty. Es gibt Taxifahrer, deren Sympathien eher dem Bettler gelten. Und dann gibt es Taxifahrer, die sich mehr den Flaschensammlern verbunden fühlen.

Eine mögliche Erklärung, warum Taxifahrer eher mit Bettlern sympathisieren, ist, weil diese sich selbst als Wegelagerer sehen, was bei Bettlern alleine durch deren Immobilität unvermeidbar ist. Das Spektrum der Wegelagerer reicht in beiden Fällen vom aggressiven über den notorischen bis hin zum sich weiter bildendenden (Foto), was allerdings ein Thema für sich ist.

Wahrscheinlicher für die Bettlerpräferenz, sie betrifft nicht nur Taxifahrer, ist, dass man sich um den Bettler viel besser kümmern und dadurch auch sich selbst bessern fühlen kann, man also zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt, was so weit OK ist. Nur hat das mit dem Kümmern in der Regel ein zeitliches Limit, weswegen es letztendlich keine nachhaltige Lösung ist.

Das mit dem zeitlichen Limit habe ich mir nicht ausgedacht, sondern basiert auf validen Daten, denn ich selbst halte es eher mit den Flaschensammlern. Die können keine Wegelagerer sein, genauso wie ich als Taxifahrer keiner bin, alleine weil wir viel zu aktiv sind. Weder um den Flaschensammler, noch um mich, muss man sich kümmern, was wiederum schlecht für die Kümmerer ist.

Obwohl, wenn ich's mir recht überlege, gibt es doch etwas, was wir alle tun können. Und zwar uns oder unsere leeren Flaschen so auf der Straße zu postieren, dass wir/sie einerseits nicht im Weg rumstehen, und andererseits nicht zu übersehen sind.

Foto&Text TaxiBerlin

29.03.2015

DAS BOOT IST VOLL - NUR NOCH 2 WOHNUNGEN


In Berlin

Du bist mal wieder spät dran, bist zu lange dem falschen Trend hinterhergelaufen und nun gibt es in ganz Berlin nur noch zwei (2!) Wohnungen. Aber was noch schlimmer ist: Alle Langweiler dieser Welt sind schon hier. Du hast Geld, sagst Du. OK! Nur, wie langweilig ist das denn!?! Weißt du denn nicht, dass mit Geld jeder kann?!?

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28.03.2015

"FASSBIER TO GO" - IM PLASTIKBECHER


Dudenstraße / früher Kreuzberg / heute Friedrichshain-Kreuzberg

Ich kann mich nicht oft genug wiederholen: Wer heute einen neuen Trend setzen will, der muss vor allem eines sein: Schnell! Aber nicht nur das. Was er auch haben muss, ist ein dickes Fell, denn die Welt und allen voran Berlin, wo die Welt bekanntlich zu hause ist, ist voll von Trittbrett- und Gehbockfahrern.

Erst gestern hatte ich das "Taxi to go" als meine neue Trademark angemeldet, da gibt es heute schon das "Fassbier to go", und das auch noch im Becher aus billigem Plastik. Ich meine, wer sein Bier aus Plastikbechern trinkt, dem ist doch nun wirklich nicht mehr zu helfen, da kann er zehnmal in der Dudenstraße zu hause sein.

Wie ist das ganze "to go" nun global einzuordnen? Ich denke, es gibt zwei Aspekte, die von Bedeutung sind. Der eine ist der, dass immer irgendetwas, egal ob Kaffee oder Bier, mitgenommen werden soll, wo wir gar nichts mitnehmen können, weil wir doch auf Erden nur zu Gast sind. Andererseits muss aber auch täglich eine neue Sau durchs Dorf getrieben werden, getreu dem Motto: "Berlin - täglich neu!"

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27.03.2015

"TAXI TO GO"™ - MEIN NEUES TRADEMARK


Der Gehbock

Seitdem mein Knie versteift ist und ich darüber hinaus auch noch Gelenkmüll habe, bin ich viel mit meinem Gehbock im Kiez unterwegs. Das muss ich auch, denn es ist das Beste für meine Schulter, in dem sich der erwähnte Gelenkmüll befindet.

So weit ist die Geschichte für die meisten sicherlich nachvollziehbar. Aber was hat es nun mit dem "Gehbocktaxi" alias "Taxi To Go"™ - meinem neuen Trademark - auf sich? Wie bei jeder neuen Sache, braucht es auch hier mehr als eine geniale Idee, nämlich Geld.

Alleine für den Gehbock, denn den wollte ich nicht nach sechs Wochen der Krankenkasse zurückgeben. Aktuell versuche ich herauszufinden, wie ich damit Fahrgäste befördern könnte. Einen kann ich auf den Rücken nehmen, das ginge sicherlich.

Ein zweiter Fahrgast könnte vorne auf dem Gehbock Platz nehmen, was vielleicht sogar bequemer ist, als auf dem Rücken zu sitzen. Der vorne drauf sitzt darf aber nicht so schwer sein, denn ein Gehbock muss bei jedem Schritt samt Fahrgast angehoben werden.

Noch überlege ich, ob es nicht besser ist, nach Kilogramm und nicht nach Metern zu taxieren. Andererseits ist es genau diese ewige Sorge ums Geld, von der ich mich mit meiner neuen Idee befreien wollte.

Warum sollte nicht auch ein Gehbocktaxifahrer einem Vogel gleich, der weder sät noch erntet und auch nichts in Scheunen sammelt, irgendwie ernährt werden?

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26.03.2015

DER GELENKMÜLL UND DAS GEHBOCKTAXI


Ein Rollie auf dem Weg zum Gehbock

Sowohl den Gelenkmüll, als auch den Gehbock, gibt es wirklich! Ich fange mal mit dem Gelenkmüll an, weil ich ihn habe, und zwar in meiner neuen Schulter. Also Gelenkmüll hast Du, hm, wie erkläre ich es am Besten? Vielleicht so! Wenn es im Gelenk knartscht und knirscht, dann hast Du Gelenkmüll! Da mein Knie, aus dem eine Sehne für die neue Schulter entnommen wurde, bereits versteift ist, kommt es darauf, zumindest bei mir, nun auch nicht mehr drauf an.

Ich schreibe dies, weil ich mit dem Gelenkmüll in der Schulter immer schlechter mein Taxi lenken kann, und die Prognose auch alles andere als günstig ist. Es ist im Prinzip nur eine Frage der Zeit, bis auch die Schulter versteift, weswegen ich bereits nach Alternativen Ausschau halte. Und so bin ich auf die Idee mit dem Gebocktaxi gekommen.

Viele können mit Gehbock nichts anfangen, geschweige denn mit dem Gehbocktaxi. Den Gehbock muss man sich wie einen Rollie vorstellen, nur ohne Räder, weswegen er auf der Straße nur selten anzutreffen ist, sondern vorwiegend in den langen Gängen von Altersheimen. Der Gehbock hat den Vorteil, dass die Schulter, im Gegensatz zum Rollie, den man nur schieben muss, weiterhin beansprucht wird.

Das ist wichtig, um die Versteifung möglichst lange hinauszuzögern. Unter Umständen, das sind aber wirklich nur Ausnahmen, kann eine Versteifung ganz und gar verhindert werden. Ein Gehbock könnte also meiner Schulter mit etwas Glück das Leben retten, so dass ich auch weiterhin mit dem Taxi auf den Berliner Straßen unterwegs sein kann - allerdings mit dem Gehbocktaxi.

Foto&Text TaxiBerlin

25.03.2015

"ALLES WIRD BESSER ABER NICHTS WIRD GUT"


Baustellenabsperrgitter / Rückseite / Werbung

Bei mir im Kiez wird gebaut ohne Ende, was mir bei meinem Baustellenstudium ungemein hilft. Ich sagte bereits mehrfach, wiederhole mich aber gerne für die Nachzügler, dass die Straße meine Universität ist. Und genau dort, also auf den Berliner Straßen, ist der aktuelle Stand folgender: Für hundert Meter Straße braucht man ein Jahr, für einen hundert Meter langen Neubau einen Monat.

Offensichtlich ist das nicht nur mir aufgefallen. Anders kann ich mir die neue Werbung "Alles wird gut!" an der Baustellenabsperrgittern nicht erklären. Wer genau dahinter steckt, konnte ich bisher nicht in Erfahrung bringen. Auch nicht, ob es sich möglicherweise ganz und gar um ein neue Werbekampagne im Rahmen von "be Berlin" handelt. Zu dem von mir vorgeschlagenen Motto würde es zumindest passen:


Foto&Text TaxiBerlin

24.03.2015

WARUM DAS TROTZDEM EIN TAXIBLOG IST, OBWOHL KEINE GESCHICHTE (NICHT EINE EINZIGE!) MIT "STIEG MIR NEULICH EINER EIN ..." BEGINNT UND WARUM ES EINE SERIE IST, DIE LEIDER FORTGESETZT WIRD ... (TEIL ZWEI)


Possierliches beim Posieren

Im ersten Teil meiner neuen Serie mit einem zugegeben etwas sperrigen Titel, weswegen ich ihn an dieser Stelle nicht wiederholen möchte, habe ich behauptet, dass auch Mitleid eine Rolle spielt, dass hier keine Geschichte mit "Stieg mir neulich einer ein ..." beginnt. Da aber Mitleid allein ein schlechter Motivator ist, muss es zwangsläufig noch einen anderen Grund geben. Genau den habe ich in den letzten Tagen gesucht und auch gefunden.

Ich fange am Besten mal so an. Nach mehr als zwanzig Jahren im Taxi komme ich, das schrieb ich bereits, auf etwa eine Million Euro Umsatz und, jetzt kommt das Neue!, auf einhunderttausend Fahrten. Da viele nicht alleine mit dem Taxi fahren, ist schließlich auch eine Geldfrage, komme ich unterm Strich auf irgendwas zwischen zweihundert- und dreihunderttausend Fahrgäste, die ich mit meinem Taxi befördert habe.

Mir geht es dabei nicht um Zahlen. Die überlasse ich gerne den Statisten und Statistikern, denn Zahlen alleine sagen letztendlich nichts aus. Mir geht es darum, was diese vielen Fahrgäste bei mir hinterlassen haben. Dazu muss man wissen, dass ich in meinem Taxi eine Entwicklung durchgemacht habe, und dass ich heute ein anderer bin als am Anfang meiner Taxifahrerkarriere, und dafür danke ich auch meinen vielen Fahrgästen.

Allerdings, und das stimmt eben auch, wiederholen sich nach zwanzig Jahren "on the road" irgendwann die Gespräche mit den Fahrgästen, auch weil sie oft schon nach wenigen Worten, wie man so schön sagt, ein offenes Buch für mich sind. Immer öfter ist es wie bei einem Wiedersehen mit alten Freunden, die man einmal im Jahr trifft und dann immer dasselbe fragt, dass man auch die Antworten der Fahrgäste bereits vorher weiß.

Hinzu kommt, dass manche Geschichte, die einem im Taxi erzählt wird oder erzählt werden soll, einen rein gar nicht interessiert. Das ist eine Entwicklung, die sozusagen parallel zu meiner eigenen verläuft, und schon wieder eine eigene Geschichte frei nach dem Motto "Früher war nicht alles besser aber vieles anders" ist, über die ich vielleicht im nächsten Teil schreiben werde.

Im Zusammenhang mit den Geschichten, die einen rein gar nicht interessieren, empfinde ich es als ein großes Glück, dass für solche Fälle heute immer mehr schwarze Limousinen (Foto) bereitstehen.

Wird leider fortgesetzt ...

Foto&Text TaxiBerlin

23.03.2015

IM TAXI MIT EINER LEBENDEN LEICHE


Friedhoffahradständer

Sonntag, ich erwähnte es bereits, ist normalerweise Flohmarkttag. Als Taxifahrer kann ich aber nicht immer nur zum Flohmarkt fahren, sondern muss da hin, wo die Leute hinwollen. Da sollte man meiner Meinung nach auch mal nachdenken, ob man da nicht mal was dran ändern könnte, auch in dem Sinne des von mir vorgeschlagen Mottos: Berlin - täglich neu!

Das wär' doch mal was! Der Taxifahrer fährt die Leute nicht dorthin, wo sie hin wollen, sondern da hin, wo sie hingehören, oder wo der Taxifahrer denkt, dass sie hingehören. Das wäre ein Spaß! Das Taxi sozusagen als Wundertüte, wo manch einer plötzlich im langweiligen Steglitz landet, obwohl er immer dachte, er würde in den hippen Friedrichshain gehören.

Die Idee kam mir gestern, als mir eine einstieg, die eigentlich schon tot war, obwohl sie offiziell noch lebte. Ich weiß, das hört sich komisch an, ist aber die Wahrheit. Ich hatte eine von diesen lebenden Leichen bei mir im Taxi, die zum Flohmarkt wollte. Keine Ahnung, was sie auf dem Flohmarkt wollte, und sie konnte es mir auch nicht sagen, weswegen ich sie kurzerhand zum Friedhof fuhr.

Und, was soll ich dir sagen? Die lebende Leiche war hocherfreut! Und das nicht nur wegen dem Fahrziel und dem schönen Wetter, sondern auch weil es auf dem Friedhof diesen Fahrradständer gibt, der selbst für mich neu war. Gefreut hat sich die lebende Leiche, weil sie in Zukunft mit dem Fahrrad zum Friedhof fahren kann, auch und gerade, wenn es dort mal etwas länger dauert ...

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21.03.2015

EIN NEUER TREND: DAS BAUSTELLEN CAFÉ


Neu in Berlin

Immer mehr Menschen kommen nach Berlin, und das nicht nur zur Sonnenfinsternis. Nein, auch wenn der Mond die Sonne mal nicht verdunkelt, ist das Leben manches Besuchers so langweilig, dass es ihm, kaum angekommen, nicht großstädtisch sprich laut genug sein kann, weswegen er sich am liebsten direkt neben einer der unzähligen Berliner Baustellen niederlässt. Nur, nicht jeder kann sich eine teure Eigentumswohnung im Neubaubezirk leisten, weswegen es zum Glück seit Neuestem das Baustellen-Café gibt.

Für die teure Designer-Brille wäre es besser, der Berlin-Besucher hätte sie nicht auf seiner Nase im Baustellen-Café. Eine einfache Arbeitsschutzbrille täte es nämlich auch. Wichtiger sind sowieso die Hörstöpsel, und auch hier würden die billigen vollkommen genügen. Natürlich gibt es auch da schon teure Markenprodukte mit dezentem Label, das niemand übersehen kann. Denn auch im Baustellen-Café geht es nicht etwa ums Kaffee trinken, Gott bewahre, das könnte er auch zu hause, sondern ums Sehen und Gesehen werden.

Der Ehrlichkeit halber muss ich sagen, dass nicht ich diesen neuen Trend des Baustellen-Cafés gesettet habe. Da waren andere, kreativere schneller. Andererseits, so kreativ ist die Idee nun auch wieder nicht. Auf keinen Fall kreativer als das Friedhoffrühstück und den Erlebnisfriedhof, die ich gesettet habe. Und vielleicht habe ich gar meinen Anteil am Baustellen-Café? Immerhin schlug ich neulich noch diesen Slogan vor: Berlin - täglich neu!

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20.03.2015

WARUM DAS EIN TAXIBLOG IST, OBWOHL KEINE GESCHICHTE MIT "STIEG MIR NEULICH EINER EIN ... " BEGINNT (TEIL EINS)


"Schwarzer Tee Made in Germany"

Immer wieder werde ich von Leuten, die neu in Berlin sind, und derer gibt es auch bei mir im Taxi viel zu viele, gefragt, ob das hier wirklich ein Taxiblog ist. Gut, ich warne meine Leser im Untertitel vor, denn der besagt: "Unwahre Geschichten aus dem wahren Leben eines Berliner Taxifahrers." Aber trotzdem, so bekomme ich öfters zu hören, könnte ich mehr Geschichten (auch unwahre!) erzählen, die mit "Stiegt mir neulich einer ein ..." beginnen.

In der Tat kommen solche Geschichten bei mir so gut wie nicht vor, und das hat seine Gründe. Vor allem liegt es daran, dass ich anderen, die noch nicht so lange in der Stadt sind, und sich deswegen nicht auskennen, nicht das einzige Thema nehmen will, über das sie schreiben können. Wovon sollten sie sonst erzählen, wenn nicht von ihren Fahrgästen? Vielleicht über sich selbst? Bitte nicht! Das hatten wir schon mal, und das war nicht gut.

Und weil ich so kollegial bin, anderen nicht auch noch das einzige Thema zu nehmen, bleibt mir nichts weiter übrig, als mir andere Themen zu suchen. Das ist aber, das muss einmal in aller Deutlichkeit gesagt sein dürfen, keineswegs mein Wunsch. Sicherlich ist auch etwas Mitleid im Spiel - keine Frage. Aber eben nicht nur! Ich bin da irgendwie "Alte Schule", und "gelernt ist gelernt":

Man nimmt einem Bedürftigen nicht die letzte Flasche weg, selbst und auch gerade wenn sie leer ist!

Wird leider fortgesetzt ...

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19.03.2015

DIE FÜNFZEHN MINUTEN RUHM DES JAN BÖHMERMANN UND EINE ART AUSSTELLUNG


Vernissage / Ankündigung
früher Mitte / heute Neue Mitte

Den Namen Jan Böhmermann kannte ich mangels TV bisher nur aus dem Taxi, wo er seit einiger Zeit immer Sonntagnachmittags, passend zum Sender, auf RadioEins rumnervt. Aktuell ist seine Visage wegen seiner Stinkefingersatire auch im Internet zu sehen. Was will uns Jan Böhmermann sagen? Dass die Deutschen typisch deutsch sind? Aber das wussten wir doch schon! Dass er, getreu dem Motto: "Die größten Kritiker der Elche wären am liebsten selber welche", bald auf Günther Jauchs Stuhl sitzen wird? Viel Glück! Oder wollte er nur seine Vernissage "Videoart" im schicken Berlin-Mitte ankündigen?

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18.03.2015

IM TAXI MIT JUDITH HERMANN


Nichts anzuziehen

Ich war mir sicher gewesen, dass es eines schönen Tages passieren würde. Ich war also vorbereitet, in irgendeiner Art und Weise, und hätte deswegen eigentlich "frei von der Leber" reden können, wie man so schön sagt. Sie hatte eine von diesen unmöglichen Flower Power Sonnenbrillen auf ihrer schönen Nase, als sie mir gestern Nachmittag am Alex ins Taxi sprang. Offensichtlich war sie Shoppen gewesen, denn sie hatte mehrere Einkaufstüten von Kaufhof & Co dabei, und wollte nicht erkannt werden.

Erkannt habe ich Judith übrigens nicht an ihrer langen Nase, sondern an den engen Jeans, die sie trug, und an ihren hohen Schuhen. Normalerweise erkenne ich nie jemanden, selbst wenn ich denjenigen kenne. Bei Judith Hermann war das anders, denn die kenne ich gar nicht. Ich kenne nur eine ihre Geschichten, um genau zu sein "Sommerhaus, später". Ehrlich gesagt, habe ich sie nicht verstanden, also die Geschichte. So weit ich mich erinnere, kommt ein Taxifahrer darin vor, der gleichzeitig ein Aussteiger ist, und für den die Autorin, also Judith, gewisse Sympathien hegt.

Das interessierte mich nun ganz genau, weswegen ich es genauer wissen wollte von ihr, der Autorin, die mir gerade eingestiegen war mit ihren Tüten. Judith sah mich aber nur durch ihre komische Sonnenbrille an und sagte erstmal kein Wort. Irgendwann, nach reiflicher Überlegung, meinte sie, dass das nur eine Geschichte sei, die mit ihrem wahrem Leben nichts zu tun hätte, was ich wiederum Schade fand, weil das mit dem Taxifahrer doch der beste Teil der Story war, zumindest meiner Meinung nach.

Aber wie gesagt, ich war auf diese Fahrt vorbereitet, und das schon seit langem. Was ich auf keinen Fall wollte, war, dass Judith mich als blöden Taxifahrer in Erinnerung behält, der nicht einmal ihre Geschichten versteht. Noch hatte ich etwas Zeit, denn Judith Hermann wohnt, das ist keine Überraschung, im Prenzlauer Berg. Mir fiel ein, dass ich Judith einmal bei einer Lesung erlebt habe. Am Besten hatte mir gefallen, wie professionell sie war. Ich mag professionelle Frauen, genauso wie ich professionelle Taxifahrer mag, was sie aber nicht sonderlich zu beeindrucken schien.

Jetzt musste ich mir wirklich was einfallen lassen, denn wir waren schon in ihrer Straße. Ich überlegte, ihre blöde Sonnenbrille zu loben. Frauen mögen das, hat mir mal jemand gesagt. Es war allerdings ein Mann, fiel mir gerade noch rechtzeitig ein, weswegen ich es gleich wieder verwarf. Aber was bleibt mir dann noch übrig? Ich könnte ein gemeinsames Kaffeetrinken vorschlagen. Auch das erschien mir problematisch, denn ich trinke Kaffee nur noch zu Hause und nur mit richtiger Milch. Und so weit ich weiß, ist man im Prenzlauer Berg schon lange komplett auf Soya-Milch umgestiegen.

Gerade noch rechtzeitig, wir standen bereits vor ihrem Haus, kam mir eine geniale Idee. Ich fragte Judith nach ihren Einkäufen. Sie war nicht sonderlich zufrieden, was auch daran liegt, dass sie so eine komische Kleidergröße hat. Aber nicht nur das. Sie habe auch, das muss aber unter uns bleiben, nicht wirklich Ahnung von Mode, zumindest was ihre eigenen Klamotten angeht. Diese Nachricht schickte mit Himmel, das war ganz klar ein Zeichen, denn mir geht es genauso. Das wusste schon meine Mutter, die bis heute nicht müde wurde mich zu ermahnen, ich solle mich nicht wie ein "Arme-Leute-Kind" kleiden.

Andererseits weiß auch ich ganz genau, was anderen Leuten steht. Das mag sich ungewöhnlich anhören, ist aber wirklich so. Hinzu kommt, dass ich ein leidenschaftlicher Shopper bin, und, was viele Männer gar nicht können, ich tue es gerne: Ich begleite und berate Frauen beim Einkaufen. Und das muss Judith überzeugt haben. Auch wenn es für mich wegen ihrer Brille nicht einfach war, ihre wahren Gefühle zu deuten. Hinzu kommt, dass sie, ich erwähnte es bereits, wirklich professionell ist.

Und weil auch ich ein professioneller Taxifahrer bin, schlug ich Judith vor, mich bei ihrer nächsten Shopping-Tour nicht nur als Taxifahrer sondern auch als Stylist zu buchen. Darüber hat sie sich sehr gefreut und mir versprochen, sich bei zu melden, wenn sie mal wieder nichts anzuziehen hat.

Foto&Text TaxiBerlin

"BERLIN - ALLES WAR MÖGLICH" oder "DIE GLÜCKLICHEN"


BILD-Zeitung vom Montag / Werbung / Detail

Eine Reminiszenz an früher, wo zwar nicht alles besser aber vieles anders war, ist immer eine schöne Sache. Auch deswegen, weil sich viele heute in Berlin gar nicht mehr vorstellen können, wie das einmal war, in den Neunzigern, als in Berlin alles möglich war, was auch kein Wunder ist. Beginnen denn nicht alle Märchen mit "Es war einmal ... "?

Doch zu obigem Fall, wo ein Intensivtäter es in unserer Stadt immerhin zum Schauspieler geschafft hat. Ich persönlich finde es geradezu genial, wenn ein Intensivtäter Schauspieler wird. Einmal, weil ich denke, dass er als Intensivtäter beste Voraussetzungen fürs Schauspielern hat, aber auch, weil es immer noch besser ist, als wenn er Taxifahrer geworden wäre.

Aber nicht nur für Intensivtäter, nein auch für "Berufsmusiker, freie Journalisten, wissenschaftliche Mitarbeiter mit befristeten Verträgen, Geisteswissenschaftler und selbst für Mitdreißiger in ihren Altbauwohnungen in gefragten Wohnlagen mit Staffelmiete" gibt es Hoffnung. Keiner muss zum Intensivtäter werden, Taxifahrer wohl auch nicht, und Schauspieler sind sie ja eh schon.

Das meint zumindest Kristine Bilka in ihrem Debütroman "Die Glücklichen". So weit die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass der Roman laut Spiegel ein "beruhigendes und verdientes Happy End" (ein modernes Märchen?) hat, das mit einem Flohmarkt beginnt, im Park endet und sehr süß sein soll.

Nichts gegen süße Sachen, aber meiner Erfahrung nach haben sie oft etwas extrem klebriges an sich, das man so schnell nicht wieder los wird. Das ist übrigens nicht neu - das war schon immer so ...

Foto&Text TaxiBerlin

17.03.2015

"DORT WO MAN KINDERBETTEN VERSCHENKT ..."


Kinderbett zu verschenken / Palisadenstraße
früher Friedrichshain / heute Friedrichshain-Kreuzberg

Als Taxifahrer kommt man herum in der Stadt (gut, nicht jeder) und sieht so einiges. Dass ein Kinderbett zum Verschenken einfach so auf die Straße gestellt wird, sehe aber auch ich zum ersten Mal. Keine Ahnung, warum ich ausgerechnet an Heinrich Heine denken musste. Möglicherweise weil (aus Gründen, die mir gerade nicht einfallen wollen) seine Biografie bei mir im Taxi herumliegt.

Besagter Heine, der ursprünglich Harry mit Vornamen hieß, hat das mit den Menschen gesagt, die am Ende dort verbrannt werden würden, wo man Bücher verbrennt. Über Kinderbetten, die auf die Straße gestellt werden, hat er sich, so weit ich weiß, nicht geäußert, was möglicherweise daran liegt, dass seinerzeit noch keine Kinderbetten auf die Straße gestellt wurden. Aber wer weiß.

Auf jeden Fall musste ich sofort an Heine, die Bücher und die Menschen denken, als ich das Kinderbett auf der Straße sah. Und dann war es nur noch ein kurzer Weg, bis ich mich fragte, ob es denn möglich sei, dass dort, wo heute Kinderbetten verschenkt werden, man morgen vielleicht auch Kinder verschenkt?

Geht natürlich nur, wenn genug Kinder da sind, was mich beruhigt.

Foto&Text TaxiBerlin 

16.03.2015

OFFENER BRIEF AN "BE BERLIN"


Flughafen Tegel (TXL) / Terminal A / Werbung

Sehr geehrte Damen und Herren,

als Berliner Taxifahrer, der seit mehr als zwanzig Jahren auf unseren Straßen unterwegs ist, habe ich mir erlaubt den aktuellen Slogan "Berlin wird anders!" Ihrer "be Berlin" Kampagne nicht nur zu kommentieren, sondern weiterzuentwickeln.

Sie finden meinen Beitrag zur freundlichen Kenntnisnahme unter folgendem Link.

Mit freundlichen Grüßen

TaxiBerlin

15.03.2015

FI♥♥EN WAR GESTERN


Karl-Marx-Alle / Werbung / Detail
früher Friedrichshain / jetzt Friedrichshain-Kreuzberg

FF sagte man früher in Berlin, wenn man jemandem "Fiel Fergnüjen", also "Viel Vergnügen", wünschte. Heute, wo alles größer und besser sein muss, Stichwort Flughafen, kommt man mit zwei F nicht mehr hin, weswegen es drei F sein müssen. So weit, so klar.

Das erste F steht für "Feiern" und das zweite für "Flirten". Wofür das dritte F steht, bleibt erstmal unklar. Wie man sieht, und wer lesen kann, ist auch hier klar im Vorteil, folgen dem dritten F drei Herzchen. Also fehlen drei Buchstaben, wahrscheinlich aber nur zwei, denn das dritte Herzchen ist, genauso wie bei "Feiern" und Flirten", vermutlich der Punkt nach dem dritten Wort, welches mit F beginnt.

Aber wie soll es lauten, das dritte Wort mit F, dem zwei Buchstaben fehlen? Fien und selbst Fu gehen nicht, weil zu lang. Meine Fahrgäste, die zum ehemaligen Kino "Kosmos" wollten, wo mit den drei F geworben wird, und was heute eine Art Event-Location, wussten es auch nicht.

Wenn ich meine Fahrgäste richtig verstanden habe, war es ihnen auch egal. Hauptsache Spaß! Andererseits, wenn es die schon nicht interessiert, warum sollte es mich interessieren? Zum Abschied wünschte ich ihnen FF, also "Fiel Fergnüjen", womit sie aber auch nichts anzufangen wussten.

Ich war ratlos. Sollte es wirklich möglich sein, dass die jungen Leute von heute nicht nur mit Sex nichts am Hut haben, was an sich schon schlimm genug wäre, sondern darüber hinaus auch keinen Spaß mehr verstehen?

Foto&Text TaxiBerlin

14.03.2015

WIE ICH DEN GESTRIGEN TAG ÜBERLEBT HABE


Unfallgefahr überall

Wer kennt es nicht, man sitzt irgendwo im Warteraum und da sitzt auch so eine Quasselstrippe, die nicht nur ohne Punkt und Komma und vielleicht auch noch in einer Sprache reden muss, die man nicht versteht, sondern vor allem so laut, dass alle mithören müssen, denn es ist wissenschaftlich erwiesen, dass niemand absichtlich weghören kann. Da ich mir im Taxi angewöhnt hatte, meine Fahrgäste in einem solchen Fall um etwas mehr Piano zu bitten, tat ich es auch hier.

Dass meine erste Bitte an den Herrn nichts gebracht hätte, kann man so nicht sagen. Allerdings erreichte die Geräuschkulisse nach wenigen Sekunden den selben Lärmpegel wie vorher, weswegen ich ein zweites Mal um etwas mehr Piano bat. Das war der Herr nun gar nicht gewöhnt. Er sprang auf, kam auf mich zu, nahm auf seinem Weg noch einen Stuhl in die Hand, die leider an diesem Ort nicht am Boden festgeschraubt waren, um sich mit dem Stuhl über seinen Kopf vor mir aufzubauen und mich anzubrüllen: "Du, hau ab, du!"

Ich weiß nicht, ob ich es erwähnen darf, aber der ein oder oder andere wird es sich schon denken können, da es mit des Herrn Kenntnissen unserer Sprache nicht zum Besten stand, denn das kleine Wort, dass mit "Bit" anfängt und mit "te" endet, kam in dem Satz nicht vor. Der Mann hatte einen Migrationshintergrund, aber wer hat ihn nicht? Also ich habe ihn! Und nicht nur einen, sondern einen mehrfachen, aber darum geht es hier nicht. Da ich nicht wollte, dass meine neue Schulter gleich wieder so aussieht wie meine alte, weswegen ich auch überhaupt in diesen Warteraum geraten war, entschuldigte ich mich bei dem Herrn für die Aufregung.

Bevor er meine Entschuldung annehmen konnte, wurde ich auch schon aufgerufen. Genau das tut mir jetzt leid, und deswegen überhaupt dieser Beitrag. Ich muss mich wohl vergessen haben, denn ich war ja gar nicht bei mir im Taxi sondern in einem Warteraum mit anderen Patienten. - Sorry!

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13.03.2015

SCHON WIEDER? ODER: BERLIN - TÄGLICH NEU!


Leipziger Platz / früher Mitte / heute Neue Mitte

Ich habe ja schon viele merkwürdige Sprüche im Rahmen der Senatskampagne "be Berlin" gesehen, aber dieser hat mich dann doch überrascht. Persönlich habe ich nichts dagegen, wenn Dinge sich ändern - "The Times They Are a-Changin'" - aber muss ich wirklich jeden Quatsch mitmachen? Sollte es in dieser Frage nicht auch ein Alter geben, ähnlich der Rente, wo man davon unbehelligt bleibt? Möglicherweise sind das blöde Fragen, obwohl es die gar nicht geben soll, und der Fehler liegt einfach bei mir, weil ich nicht daran glauben will, dass jede Veränderung automatisch eine zum Besseren ist.

Gut, diese Endzeitstimmung in den Achtzigern war auf die Dauer auch nicht zum Aushalten. Seitdem hat sich schon viel geändert - keine Frage. Heutzutage haben alle jede Menge Spaß und das ohne Ende. Schlechte Laune war gestern, denn heute wird Party gemacht. Und "Wir amüsieren uns zu Tode" von Neil Postman, ein Bestseller in den Achtzigern, geht gerade mal gar nicht, nicht mal für'n Euro. Das weiß ich von "Herrn Büchermann", und der muss es wissen.

Was soll ich sagen, auch ich war gerade dabei mich an die permanent gute Laune zu gewöhnen, und nun soll, zumindest laut "be Berlin" Werbung schon wieder alles anders werden. Mir ist noch nicht ganz klar, wohin die Reise diesmal gehen soll. Ich bin auf jeden Fall auf alles vorbereitet, und das ist 'ne Menge. Wer kann das schon von sich behaupten, dass er wirklich auf alles vorbereitet ist? Ich habe mir sogar schon Gedanken über mögliche Zukunfts-Szenarien gemacht. Diesen Überlegungen entspringt auch mein Vorschlag zur weiteren Spezifizierung von: "Berlin wird anders!", und zwar:

"Berlin - täglich neu!"

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12.03.2015

DIE MEMOIREN EINES BERLINER TAXIFAHRERS


Manuskriptseite / Korrekturen / Detail

Kollege Domian hört nach 20 Jahren auf. Auch er hat nur Nachts gearbeitet, allerdings war er nur eine Stunde pro Nacht "on air". Seine 20.000 Anrufer hören sich nach viel an, sind aber gerade mal 1.000 im Jahr und im Schnitt drei pro Nacht. Da komme ich nach ebenfalls zwanzig Jahren "on the road" mindestens auf das drei- wenn nicht gar fünffache. Gut, ich habe nicht wie der Kollege mit jedem Fahrgast dessen Probleme besprochen, mit einigen aber schon.

Ich weiß nicht, was Kollege Domian nach und aus seinen zwanzig Jahren machen wird. Seine Begründung aufzuhören, hat mich jedenfalls überzeugt. Er möchte mal wieder öfters die Sonne aufgehen sehen. Möglicherweise hat auch er die Zeit für seine Memoiren genutzt, oder tut es jetzt, wo er die Zeit dafür hat. Vielleicht wird er auch einfach nur Taxifahrer, wer weiß.

Immerhin, das wird den ein oder anderen überraschen, hat er dazu die besten Voraussetzungen, denn die Sendung von Domian begann immer damit, dass er in einem alten Taxi mit eingeschaltetem Taxilicht auf dem Dach zum Sender fährt. Wo sollte er sonst hinfahren? Kollege Domian ist, und das ist keine Übertreibung, sozusagen der "Archetyp" des mobilen Therapeuten.

Doch zurück zu meinen Memoiren, in denen es auch um mobile Therapien und komplette Lebensberatungen geht. Sie erscheinen im Sommer dieses Jahres, immerhin als gebundenes Buch und zwar auf Englisch. Sorry, aber der deutschsprachige Markt, das ergab eine Marktanalyse im Vorfeld, hat nicht das Profit-Potential wie der englische, schließlich muss ich noch meinen Ghostwriter bezahlen. Wieso Ghostwriter? Na weil ich doch gar kein Englisch kann, Mann!

Foto GhostWriter
Text TaxiBerlin

11.03.2015

"WIR LIEBEN LEBENSMITTEL"


Supermarkt-Tür mit Werbung / Detail

Ich ging schon vor der neuen Tür-Werbung höchst ungern in den Supermarkt mit den fünf gelben Buchstaben bei mir an der Ecke, was weniger an dem Slogan (Titel), sondern an den komischen Leuten, die dort permanent am Konsumieren sind, liegt. Nichts gegen komische Leute, die Welt und auch das Taxi ist voll von ihnen, aber wenn sie an einem vertrauten Ort plötzlich immer mehr werden, dann macht das, wie soll ich sagen, irgendwie Angst.

Über die komischen Leute hatte ich in der Vergangenheit bereits geschrieben (die müssen jetzt auch mal ohne mich klarkommen), weswegen ich direkt zur Werbung komme: "Wir lieben Lebensmittel" - wie blöd ist das denn? Das ist ungefähr so, als wenn ich sagen würde: "Ich liebe mein Taxi". Das ist doch selbstverständlich, dass ich den Scheiß, den ich anbiete, gut finde. Deswegen biete ich ihn doch an!

Wie sollte der Slogan richtig, oder zumindest besser laute? Also wenn Du mich fragst, sollte er "Wir lieben unsere Kunden" lauten, denn der Kunde ich bekanntlich König. Aber, und jetzt komme ich zum eigentlichen Punkt, möglicherweise haben die sich was dabei gedacht, dass sie nicht den Kunden sondern ihre Lebensmittel lieben.

Foto&Text TaxiBerlin

10.03.2015

SELFIE SEPERATES PEOPLE


Nicht nur in Berlin!

Als ob es nicht ausreichen würde, dass alle immer und überall auf ihr Handy glotzen und mit ihm rumspielen. Nein, jetzt müssen sie sich permanent mit ihm fotografieren, und das auch noch selbst. Früher hatte der Vorgang etwas kommunikatives, denn da hat man jemanden angesprochen, ob der mal so freundlich wäre, ein Bild zu machen, was man natürlich immer gemacht hat, ist ja klar. Danach hat man sich höflich dafür bedankt, und alle waren zufrieden.

Heute machen das die Leute alleine, wogegen prinzipiell nichts einzuwenden ist. Ich bin immer dafür, wenn Leute etwas alleine machen, und nicht Ämter, Bekannte oder gar Freunde mit Banalitäten belästigen. Aber dieses "Selbermachen" heute hat, verzeih das böse Wort, etwas "asoziales", ohne sagen zu können, worin genau das "asoziale" besteht. Möglicherweise nur im Selfie Stick, wie der Teleskoparm heißt, an dessen Ende sich das Handy befindet.

Der ein oder andere wird jetzt denken, ich wäre doch nur sauer, dass mich die beiden Mädels nicht angesprochen haben, dass ich ein Bild von ihnen mache, was natürlich vollkommener Quatsch ist, denn das Bild habe ich ja trotzdem gemacht. Es ist auch nicht so, dass ich Probleme hätte, Menschen oder Mädels anzusprechen.

Und dabei rauche ich nicht einmal!

Rauchen, das wissen viele heute nicht mehr, war einmal der natürliche Gegenspieler der Selfies, wie die ohne fremde Hilfe gemachten Bilder heute heißen, denn "Smoking connected people"! Aber damit scheint es definitiv vorbei zu sein - leider - wollte ich gerade schon sagen.

Apropos, fällt mir gerade ein: Können Raucher eigentlich auch Selfies machen, wenn sie den Teleskoparm wie das Mädel auf dem Foto mit beiden Händen festhalten müssen? Und wenn JA, wo bleibt dann die Zigarette? Müssen sie vielleicht jemanden ansprechen, der sie ihnen hält, während sie selbst ihr Selfie machen?

Foto&Text TaxiBerlin

09.03.2015

WOHNEN UND STERBEN IN BERLIN


Boxhagener Ecke Weichselstraße
früher Friedrichshain / heute Friedrichshain-Kreuzberg

Das kann dir schneller passieren, als Du denkst, dass Du eines Tages plötzlich hinter Gittern aufwachst. Das heißt nicht automatisch, dass Du im Knast bist. Das nicht. Aber zumindest irgendwie eingegrenzt. Oder ausgegrenzt, je nach Sichtweise. Was Du in der Regel auf jeden Fall definitiv hast, ist eine Baustelle vor der Tür.

Das muss nicht immer nur schlecht sein. Auch das nicht. Im Leben mancher Leute passiert nichts und auf so einem Bau ist immer etwas los. Für eine Bau-Chronik ideal. Nicht zu vergessen die vielen Bauarbeiter, die dort arbeiten. Man versteht sie zwar nicht, aber das ist auch nicht so wichtig, Schließlich sind sie zum Arbeiten da.

Und wird mal nicht gearbeitet, was auch auf einer solchen Baustelle mal vorkommt, wenngleich nicht so häufig wie auf den Straßenbaustellen, wo es Alltag ist, dann hast Du einen Riesenspielplatz direkt vor der Tür, mit aufgeschütteten Sandbergen (rechts im Bild), wo Du im Winter Schlitten fahren kannst, wenn es ihn denn noch geben würde, den Winter.

Wen es auf jeden Fall noch gibt, das ist der Mond. Und der scheint, so lange er noch scheint, bekanntlich jedem, egal ob er vor oder hinter Gittern sitzt. Nicht verschweigen sollte ich vielleicht, dass es auf der Baustelle einen Wachschutz gibt. Und wenn Du ja gerade keinen Job hast, könntest Du möglicherweise dort anfangen.

Die Aufnahme (Foto) entstand gestern Abend. Das sonnige Wochenende war vorbei und die Arbeitswoche hatte so gut wie begonnen, da fiel mir ein, dass Montag, also heute, der Tag ist, wo sich die meisten Menschen das Leben nehmen. Nicht unbedingt im Taxi, aber rein statistisch. Das soll übrigens mit der Arbeit und dem Konsum zusammenhängen.

Am Wochenende arbeiten die meisten nicht und konsumieren können sie auch nicht, sieht man mal vom Flohmarkt ab. Gut, manche arbeiten auch am Wochenende, aber sie sind in der Minderzahl. Und konsumieren lässt sich auf dem Flohmarkt auch nur bedingt. Die Auswahl ist beschränkt und in der Regel sind die Sachen gebraucht.

Bei den Leuten, die an der Baustelle wohnen, kommt Montags noch der Baubeginn dazu, denn am Wochenende ruht hier die Arbeit, auch wenn die Arbeiter gar nicht von hier sind. Bei mir im Hinterhof wurde vor nicht allzu langer Zeit auch mal, vielleicht nicht gebaut, aber immerhin renoviert, was aufs selbe hinausläuft, nämlich jede Menge Lärm und Dreck. Ich weiß also, wovon ich schreibe.

Da bei mir der Wochenrhythmus umgedreht ist, ich also am Wochenende arbeite und in der Woche ruhe, nervt so eine Baustelle, wo von Montag bis Freitag gebaut oder wegen mir auch nur renoviert wird, natürlich doppelt. Trotzdem, und das ist die gute Nachricht, bin ich durch meinen umgedrehten Rhythmus halbwegs vorm Selbstmord geschützt, vorausgesetzt, man glaubt der Statistik.

Foto&Text TaxiBerlin

08.03.2015

ACHTUNG: SONNTAG IST FLOHMARKTTAG


Flohmarkt / Boxhagener Platz / früher Friedrichshain
heute Friedrichshain-Kreuzberg

Langsam lohnt es sich wieder, die Samstagnacht bis zum Sonntagmorgen durchzuziehen, um im Anschluss an die Schicht direkt auf den Flohmarkt zu gehen. Lohnen deswegen, weil bei solchem Wetter wie heute wieder mehr Privatleute ihren persönlichen Kram anbieten und nicht nur Händler ihre Ware, denn die sind immer da. Dann kann ich auch gleich im Konsum einkaufen gehen.

Keine Ahnung, wie viele Flohmärkte es genau in Berlin gibt. Meines Wissens gibt es drei, die auch am Samstag geöffnet haben: 17. Juni, Kupfergraben und Bergmannstraße. Die ersten beiden kannst Du vergessen, das ist Touristen-Nepp. Der Flohmarkt neben der Marheineke-Halle ist OK, denn der Bergmann-Kiez in Kreuzberg 61 ist nicht so schlimm, wie man gemeinhin denkt. Also kein zweiter Kollwitz-Kiez.

Der Flohmarkt, wo man am frühesten hingehen kann, das ist kein Geheimnis, ist der Mauerpark. Das Schöne am Mauerpark-Flohmarkt ist, dass er, insbesondere im Sommer, wenn die gesamte Fläche genutzt wird, sehr verwinkelt und unübersichtlich ist, so dass Flohmarkt-Neulinge einige Ecken oft gar nicht finden.

Nicht weit vom Mauerpark gibt es noch den Flohmarkt auf dem Vinetaplatz. Da ich lange nicht da war, kann ich nichts zu ihm sagen. Er war früher, bevor den es Mauerpark-Flohmarkt gab, mal ganz gut. Von Fahrgästen weiß ich, dass er in den letzten Jahren sehr gediegen und teuer geworden sein soll, was mich nicht überraschen würde, weil der ganze Kiez teuer und gediegen geworden ist.

Was ich durchaus empfehlen kann, sind die Flohmärkte auf dem Fehrbelliner Platz und vorm Schöneberger Rathaus, weil es dort diese bunte Mischung aus professionellen Händlern und privaten Anbietern gibt, zumindest an Tagen wie heute. Mit den Privatleuten auf den Flohmärkten ist es so wie mit dem Kaiser, den wir früher hatten. Der ist auch nur bei Sonnenschein rausgegangen, weswegen man vom sogenannten Kaiserwetter spricht.

Für Bücher, und jetzt komme ich zum eigentlichen Punkt, und zwar meiner Sucht, ist der Flohmarkt auf dem Boxhagener Platz im Friedrichshain definitiv der gefährlichste in der Stadt. Hier gibt es regelmäßig sechs/sieben Stände, deren Betreiber sich mehr oder weniger (meist mehr!) professionell mit Büchern beschäftigen.

Den Flohmarkt auf dem Boxhagener Platz gibt es seit nunmehr fünfzehn Jahren. Ich erinnere mich noch genau an das erste Mal, als sich fünf Hansels sehr übersichtlich an der Grünberger Ecke Gärtnerstraße postiert hatten. Es war wohl auch etwas Mitleid im Spiel, dass ich damals eine CD kaufte, aber eben nicht nur, denn die CD habe ich heute noch. Es ist Jimi Hendrix' legendäres Konzert, das erste nach seiner Rückkehr aus Großbritannien, am 18. Juni '67 in Monterey mit dem spektakulären "Wild Thing" als letzten Song.

Foto&Text TaxiBerlin

07.03.2015

MEIN NEUES LABEL


Erster Entwurf

Dass jemand in dem, was er tut, immer besser werden will, ist heute keine Selbstverständlichkeit. Dies gilt insbesondere für Taxifahrer. Manch Taxifahrer schämt sich regelrecht, wenn er nach seinem Beruf gefragt wird. Ein anderer will gar was besseres sein, obwohl er noch nicht mal richtiger Taxifahrer ist. Und selbst ich muss mir die Frage gefallen lassen, ob ich mich ausreichend mit dem Taxifahren identifiziere, wenn ich es so oft als Hobby bezeichne.

Wenn ich mir manch Kollegen, aber vor allem "Kollegen, so ansehe, dann möchte ich schon lieber sagen: "Ich fahre Taxi", anstelle von: "Ich bin Taxifahrer". Das ist ein Unterschied, wenn auch nur ein marginaler. Aber ich will nicht zu sehr auf meinen Berufsstand herumhacken, das könne andere besser. Eine Zeit lang taten dies sogar unsere sogenannten Interessenvertreter.

Ich erlaube mir an dieser Stelle daran zu erinnern, dass genau die sich vor nicht allzu langer Zeit mit der Flughafengesellschaft zusammentaten, um ihr ureigenes Klientel, den Taxifahrer, klein zu machen. Dass unsere sogenannten Interessenvertreter bei Uber&Co, der Konkurrenz aus dem Internet, anders reagieren, war nicht unbedingt zu erwarten. Mit der Frage, warum das so ist, hat sich meines Wissens noch nie jemand ernsthaft beschäftigt.

Sicherlich, es ist immer besser, einen gemeinsamen Feind zu haben. Nach Möglichkeit einen großen, dann kann man sich selber größer fühlen. Und wenn der Feind weit weg ist, dann ist das auch gut. Ich will nicht ungerecht sein. Immerhin haben unsere sogenannten Interessenvertreter auch schon was getan, damit ihre Taxifahrer besser werden und beispielsweise auch VIPs befördern können, von denen es unter den Berlinern bekanntlich immer mehr gibt.

Aber jetzt mal im Ernst. Wenn ich nur wissen muss, wie man eine Quittung richtig ausfüllt, dass der Augenkontakt zum Kunden wichtig ist und dass ein freundliches "Hallo" oder "Guten Abend" zur Begrüßung nicht schaden kann, dann möchte ich kein VIP-Fahrer sein.

Genau deswegen musste ich mich abgrenzen, musste ich mir was Neues, Besseres, aber vor allem: Eigenes einfallen lassen. Dass ich dies in einer Zeit tue, wo sich der Rest gegen den großen Feind aus Amerika zusammentut, ist dabei nur folgerichtig. Mit dem Strom schwimmen kann jeder. Aber, liebe Berliner Taxifahrer und Interessenvertreter, passt auch auf den neuen Flughafen auf, dass ihr dort nicht zu kurz kommt, und nicht nur auf Uber&Co!

Zum Schluss ein Wort zu meinem eigenen Label "Experience the PLUS difference" (Foto). Das wichtigste dabei ist nicht das PLUS, obwohl groß geschrieben, und auch nicht "difference", der Unterschied, sondern "Experience" - die Erfahrung, die, um nur ein Beispiel zu nennen, so weit geht, dass ich dir bei nahezu bei jedem Foto oder jedem Filmausschnitt sagen kann, wo genau das in Berlin aufgenommen bzw. gedreht wurde, und vielleicht noch wann.

Foto&Text TaxiBerlin

06.03.2015

TAXIFAHREN ALS HOBBY (FORTSETZUNG)


Blick von der Oberbaumbrücke zum Alex

Taxifahren als Hobby - gut und schön! Aber was ist dann die eigentliche Profession? Hm, jetzt muss ich selbst überlegen. Vielleicht Chronist, und dieser Blog ist die Berlin-Chronik fotografiert und kommentiert von einem Berliner Taxifahrer. Das Taxi ist nur Mittel zum Zweck, mit dem ich überall hinkomme, weil ich auch überall fahre. Wenn ich die Taxe nicht hätte, müsste ich Mangels Auto zu Fuß oder mit dem Fahrrad los. Das mache ich sowieso, weil, wenn man mit dem Taxi unterwegs ist, nicht alles mitbekommt. Es ist eher eine Art "Vorchecking". Manchmal habe ich auch Fahrgäste an Bord, auf die ich mich konzentrieren muss.

Neulich machte mich einer von ihnen darauf aufmerksam, dass man von der Oberbaumbrücke gar nicht mehr den Fernsehturm, manch einem auch als Alexanderturm bekannt, sehen würde, weswegen ich heute dort war, zu Fuß, und ich muss sagen, der Mann hat Recht - leider! Schuld ist dieses neue Hochhaus (Bildmitte) gegenüber von Mercedes Benz, als wenn das nicht schon schlimm genug gewesen wäre, sieht man mal von der großen Werbetafel der Sauerstoffarena davor ab.

Der Fernsehturm alias Alexanderturm befindet sich übrigens hinter dem weissen Hochhaus, welches sich wiederum im ehemaligen Todesstreifen befindet, falls damit noch jemand was anfangen kann. Dass der Fernsehturm überhaupt noch da ist, erkennt man daran, dass seine Spitze über das neue Hochhaus hinausragt, was natürlich auch ein Fake sein kann. Es würde mich nicht wundern, wenn die Spitze einfach auf dem Dach des Hochhauses angeschraubt ist, damit die Leute denken, dass das die Spitze vom Fernsehturm ist, obwohl der vielleicht schon lange abgerissen ist wie der Palast.

Obwohl, mit dem Abreißen geht glaube ich nicht, und zwar deswegen, weil die neuen Häuser am Alex direkt neben dem Fernseh- alias Alexanderturm so hoch sein sollen, dass die Leute, die in den teuren Wohnungen wohnen wollen, den Besuchern des Restaurants im Turm aufs Essen schauen können. Das geht aber nur, wenn der Fernsehturm alias Alexanderturm dann auch noch steht. Deswegen sind die Wohnungen in den Hochhäusern am Alex auch so teuer.

Meine Vermutung ist nun, dass die Wohnungen in dem neuen weissen Hochhaus an der East-Side, das zwar nicht so hoch ist, um irgendjemand auf den Teller zu glotzen, aber immerhin hoch genug, um uns das Schauen auf den Fernseh- alias Alexanderturm zumindest von der Oberbaumbrücke zu vermiesen, genau deswegen so teuer sind. Mit teuren Immobilien ist es wie mit teuren Automobilen, die deswegen regelmäßig spazieren gefahren werden müssen. Wenn niemand mitbekommt, dass Du was besseres weil teueres hast, wer hat dann was davon? Genau - Niemand!

Foto&Text TaxiBerlin

05.03.2015

WER SUCHT DER FINDET


Alltag in Berlin: Wasserrohrbruch

Ja, ich bin ein Messi. Das stimmt wirklich. Ich bin ein Bücher-Messi, was eine milde Form des Messianismus ist. Es soll Leute geben, die kennen nur den Fußballer Messi und können ansonsten mit dem Wort Messi nichts anfangen. Wie soll ich es denen erklären? Vielleicht so: Ich bin Büchersüchtig. Auch hier gilt: Es gibt schlimmere Süchte. Und: Sucht kommt von suchen. Manche finden auch, was sie suchen.

Das mit dem Finden ist so eine Sache, zu der das Zurechtfinden zweifellos dazugehört, was man sich für jeden Berliner Taxifahrer nur wünschen kann, denn Berlin im Allgemeinen und Berlins Straßen im Besonderen sind oft einfach nur "a mess", also ein Desaster oder ein Chaos. Ein Genie würde das Chaos beherrschen, sagt man, was nicht stimmt, denn oft sind es andere, die das Chaos für das vermeintliche Genie, in der Regel ein kleines Arschloch, beherrschen. Wenn überhaupt, dann ist es ein Messi, der mit dem Chaos klarkommt.

Berlin ist nicht "arm aber sexy", Berlin "is a mess"! Angefangen bei der unendlichen Geschichte unseres neuen Flughafens, der seine Einweihung und seinen zehnten Geburtstag zusammen feiern wird, über die unmöglichen Baustellen in unserer Stadt, ich sage nur Warschauer Straße, wo im Winter beide Straßenseiten gleichzeitig gemacht werden. Was ist der Grund? Wusste man, dass der Winter dieses Jahr ausfällt? Wohl eher nicht, denn man sieht auch bei schönstem Sonnenschein niemanden dort arbeiten.

Wohl dem Fahrgast, der an einen Taxifahrer gerät, der sich "In the mess of Berlin", also in dem alltäglichen Chaos auf den Berliner Straßen und Plätzen zurechtfindet. Aber nicht nur das ist wichtig. Ein guter Taxifahrer sollte auch mit Fahrten zurechtkommen, die nicht alltäglich sind, und das möglichst ohne Navi. Das hört sich einfach an, ist aber für den, der nur den Flughafen oder den Bahnhof kennt, wo er immer wieder zurückfährt, eher nicht zu erwarten.

Jetzt mal Hand aufs Herz! Welcher Taxifahrer fährt wirklich überall in der Stadt? Damit meine ich nicht, dass er vom Flughafen oder vom Bahnhof überall hinfährt. Das muss er sogar, denn dafür gibt es die Beförderungspflicht. Aber wer stellt sich dort, wo er seinen Fahrgast hingebracht hat, auch wirklich hin, um auf den nächsten Fahrgast zu warten? Ich will es Dir sagen: Kein Taxifahrer!

Dafür hat er, zugegeben, auch gute Gründe. Er weiß nämlich nicht, ob dort, wo sein letzter Fahrgast ihn hingelotst hat, überhaupt etwas geht, will sagen, ob es dort überhaupt einen nächsten Fahrgast gibt, oder ob er auf den einen halben Tag warten muss. Er kann das auch nicht wissen, weil er sich nie dorthin gestellt halt, sondern immer gleich zum Flughafen oder zum Bahnhof zurückgefahren ist.

Das führt dazu, dass bestimmte Strecken kaum noch ein Fahrer im Kopf hat, geschweige denn, dass er sie fahren könnte, zumindest nicht ohne Navi. Ich rede von Strecken, die in dem Universum der Taxifahrer, die nur den Flughafen oder den Bahnhof kennen, nicht mehr vorkommen, aus genannten Gründen nicht vorkommen können.

Ich möchte zwei/drei Beispiele nennen, damit Du weißt, wovon ich rede. Stell Dir vor, dich hat es nach Alt-Lübars verschlagen. Das gibt es übrigens wirklich, das habe ich mir nicht ausgedacht. Du bist also in Alt-Lübars und fährst ausnahmsweise mal nicht zurück zum Flughafen oder zum Bahnhof, wie Du es sonst immer machst, sondern stellst Dich an die Taxihalte Alt-Lübars, auch die gibt es wirklich.

Plötzlich bekommst Du einen Auftrag, den Du auch annimmst, das ist ja klar. In Alt-Lübars ohne Funk zu fahren wäre ziemlich doof, aber das nur nebenbei. Jetzt musst Du in Alt-Lübars die kleine Straße finden, wo Dein Fahrgast auf dich wartet. Wie gesagt: Ohne Navi sondern mit Karte. Das ist Stress, weil Du noch nie in Alt-Lübars warst oder eben gleich wieder weggefahren bist, aus Alt-Lübars.

Zum Glück gibt es in Alt-Lübars nicht viele Straßen. Genau genommen gibt es nur eine, und die heißt Alt-Lübars. Aber das kannst Du nicht wissen, weil Du dich da ja nie hinstellst, und wenn jemand nach Alt-Lübars will, so wie dein letzter Fahrgast, dann sagt der Dir schon, wo er da genau hinwill. Darauf verlässt Du dich. Du wärst schön blöd, wenn Du es nicht tätest, denn dann wärst Du am Arsch.

OK, jetzt hast Du deinen Fahrgast gefunden. Natürlich musst Du aussteigen und bei ihm klingeln, denn der rechnet nicht damit, dass Du so schnell bei ihm bist. Ausserdem ist er alt und langsam. Das nervt doppelt, denn Du willst weg aus Alt-Lübars, und das möglichst schnell. Da kannst Du so 'ne Schleicher nicht gebrauchen.

Endlich sitzt der ältere Herr angeschnallt neben dir im Taxi. Das hättest Du also geschafft, meinst Du, und reibst Dir in Gedanken zum ersten Mal die Hände, seitdem Du in Alt-Lübars bist. Jetzt will der Mann aber weder zum Flughafen noch zum Bahnhof. Schöne Scheiße, denkst Du, auch das noch. Zum Flughafen und zum Bahnhof hättest Du sicherlich irgendwie gefunden, aber wie bitte sehr kommst Du von Alt-Lübars nach Alt-Hohenschönhausen?

Zum Schluss noch zwei Strecken, auf denen dem, der nur den Flughafen oder den Bahnhof kennt, sich aber ausnahmsweise mal woanders postiert hat, regelmäßig dieses Drama passiert. Stell Dir vor, Du stehst am Bahnhof Adlershof und Dein Fahrgast will zum Wannsee. Schöne Strecke, nur schwer zu fahren. Oder, ein letztes Beispiel: Von Heiligensee nach Nikolassee, aber nicht über Autobahn!

Foto&Text TaxiBerlin

04.03.2015

DER WINTER IST ZURÜCK IN BERLIN


Boxhagener Straße / früher Friedrichshain
jetzt Friedrichshain-Kreuzberg

Heute Abend kehrte der Winter nach Berlin zurück, und zwar genau zwischen 19:37 und 19:52 Uhr. Sicherlich ist das keine Eilmeldung wert, aber völlig unter den Tisch wollte ich es auch nicht fallen lassen, auch weil ich in letzter Zeit immer wieder behauptet habe, dass sich das mit dem Winter erledigt hätte. Früher gab es dafür sogar eine eigene Redewendung, die Älteren unter meinen Lesern werden sich erinnern, denn sie lautet "Totgesagte leben länger".

Foto&Text TaxiBerlin

AUCH ICH EIN MESSI


Gewerbehof / Putlitzbrücke
früher Moabit / heute Neue Mitte

Ich hatte schon mal erwähnt, dass die Kellerbibliothek nicht meine einzige Bücherquelle ist. Neben ihr gibt es noch jede Menge Antiquariate und natürlich die Flohmärkte bei mir im Kiez. Auf denen kenne ich alle, die mit Büchern zu tun haben, viele sogar persönlich.

Ich sollte kurz erklären, warum mir Bücher so wichtig sind. Aus vielen Gesprächen, auch im Taxi, weiß ich, dass die meisten Leute heutzutage glauben, sie würden alles im Internet finden. Ich glaube das nicht. Ganz im Gegenteil! Ich halte das für einen Irrglauben.

Einer von den Flohmarktmenschen, die sich professionell mit Büchern beschäftigen, kommt einmal im Jahr zu mir. Ich nenne ihn "Herr Büchermann", und obwohl wir uns schon ziemlich lange kennen, Siezen wir uns immer noch. Das mag den ein oder anderen jetzt irritieren, für uns ist es Ausdruck unseres gegenseitigen Respekts.

Gestern war es nun wieder so weit. In meinem Studierzimmer sah es seit Wochen aus wie auf obigem Gewerbehof. Überall standen Kisten mit aussortierten, schlechten oder einfach nur stinkenden Büchern herum, weswegen ich kaum treten konnte. Dass ich trotzdem noch schreiben konnte, grenzt geradezu an ein Wunder.

"Herr Büchermann" ist jemand, der kein Blatt vor den Mund nimmt, weswegen ich ihn schätze. Trotzdem war es eine Überraschung, als er mich ganz direkt fragte, ob ich ein Messi sei. Das Ganze wie gesagt in der Sie-Form. Ohne groß nachzudenken, bejahte ich die Frage.

Was sollte ich tun? Er hatte mich sowieso durchschaut. Keine Ahnung, ob das für alle Büchermänner, und natürlich auch -frauen, zutrifft. Mein "Herr Büchermann" kennt seine Kunden wie manch Taxifahrer seine Fahrgäste, der besser als sie weiß, wo die hingehören.

Genau wie auf obigem Foto kam "Herr Büchermann" mit seinem Transporter, dass komischerweise auch ein großes "B" allerdings für "Bücher" aufweist. Leider hatte ich nur eine Stunde Zeit für ihn, was aber vollauf genügte, um sechs Bücherkisten zu taxieren.

Natürlich habe ich nicht alle Bücher gelesen. Aber zu den meisten in den sechs Bananenkisten konnte ich "Herrn Büchermann", der auch nicht jedes Buch kennt, etwas sagen - immerhin! Ansonsten war "Herr Büchermann" froh, mal wieder draußen an der Basis, also vor Ort bei seinen Kunden zu sein. Und natürlich war auch ich froh, dass er da war, und dass ich jetzt wieder treten kann in meinem Studierzimmer.

Allzuoft findet "Herr Büchermann" seine Bücher nämlich genau dort, wo auch ich sie finde - in der Kellerbibliothek! Warum erzähle ich diese Geschichte und was hat sie mit Taxifahren in Berlin zu tun, fragst Du dich nicht ganz zu Unrecht. Ich will es Dir sagen, allerdings erst morgen, denn jetzt muss ich los und für Nachschub für den nächsten Besuch von "Herrn Büchermann" sorgen.

Foto&Text TaxiBerlin

03.03.2015

TAXIFAHREN ALS HOBBY


Graffito / Boxhagener Straße
früher Friedrichshain / jetzt Friedrichshain-Kreuzberg

Taxifahren ist ein Hobby von mir, das stimmt wirklich! Ich weiß, das hört sich komisch an, aber nur für denjenigen, der keine Hobbys hat, oder dessen Job mit seinem Hobby nichts zu tun hat. Ich meine, wer kann schon behaupten, dass er mit seinem Hobby Geld verdient? Jetzt mal ehrlich! Ich kann das nicht nur, nein, ich hab' damit sogar schon 'ne Million gemacht!

Denn das, was ich gestern geschrieben habe, stimmt wirklich! In den vergangenen zwanzig Jahren, in denen ich mit dem Taxi auf den Berliner Straßen unterwegs war, habe ich eine Million eingenommen. Vielleicht soll ich lieber "hätte" sagen. Denn dazu hätte ich all die Jahre Vollzeit arbeiten müssen, was ich niemandem empfehlen kann.

Ich meine, Vollzeit Taxifahren, wie blöd ist das denn?!? Aber gut, auch ich war so verrückt und habe das ein paar Jahre gemacht. Ich weiß also wovon ich rede. Wobei, wenn ich es mir Recht überlege, ist das wohl bei jedem Job so. Man verblödet einfach mit der Zeit.

Bei mir ist es nun so, dass ich sowieso draußen auf der Straße wäre, denn die Straße ist mein zu Hause. Klar habe ich auch 'ne Wohnung, aber dort sterben bekanntlich die meisten Leute. Also was will ich da? Obwohl, wenn ich's mir recht überlege, sterben heutzutage die meisten Leute im Krankenhaus oder im Heim.

Ein Grund mehr, die Straße mein zu Hause zu nennen, und nicht das Krankenhaus oder das Heim und auch nicht meine Wohnung. Am Liebsten bin ich zu Fuß unterwegs, weil man da am meisten sieht. Man war übrigens nur wirklich da, wo man auch zu Fuß war, aber das nur nebenbei.

Mit Fahrrad geht natürlich auch, und neuerdings auch im Winter. Mit dem Fahrrad ist man aber schon zu schnell, da entgeht einem einiges. Das kannst Du selbst leicht überprüfen. Geh' mal eine bestimmte Strecke zu Fuß, die Du vorher mit dem Fahrrad oder gar mit dem Auto abgefahren bist.

Ich hab' es gemacht und obiges Graffito fotografiert, an dem ich mit dem Fahrrad vorbeigefahren bin. Das ist aber nicht immer so. Es kommt auch vor, dass ich, um Fotos zu machen, zu Fuß oder mit dem Fahrrad an bestimmte Orte zurückkehre, an denen ich vorher mit dem Taxi vorbeigefahren bin.

Insbesondere mit dem Taxi ist man immer viel zu schnell unterwegs, selbst wenn man nur mit den erlaubten dreißig oder fünfzig Stundenkilometern fährt. Dafür hat man Fahrgäste, und die Fahrgäste haben einen. Und das ist für mich ein wichtiger Punkt, vielleicht sogar der wichtigste, der gegen Uber und seine Fahrer spricht.

Ein Taxifahrer, der lange genug unterwegs ist, kennt seine Stadt, er kann seinen Fahrgästen zu allem etwas erzählen. Wie soll das ein Uber-Fahrer können, der zwar seine Fahrgäste findet, aber dafür mit Navi fahren muss. Und die, also seine Fahrgäste, müssen sowieso auf ihn warten, weil sie die Fahrt bereits bezahlt haben.

Es kommt auch vor, das sind die ganz besonderen Höhepunkte, dass man von seinen Fahrgäste noch was lernen kann. Mir ging es einmal mit einem älteren Herrn aus New York so, der zum Schöneberger Rathaus wollte. Dort angekommen erzählte er mir, wie das damals war, als Kennedy seine bekannte Rede hielt, von der er als Journalist in die Heimat berichtete.

Natürlich gibt es, neben der hohen Geschwindigkeit, weitere Nachteile, die gegen das Auto allgemein und für das Fahrrad fahren und dem zu Fuß gehen sprechen. Beispielsweise die schmutzige Luft in der stinkenden Kiste, auch Taxi genannt. Ich sage das nicht als Gutmensch, der an seine Umwelt denkt, oder an seine Fahrgäste. Nein, ich denke dabei nur an mich.

Neben der schlechten Luft seien noch die vielen Menschen erwähnt, denen man auf der Straße begegnet. Keine Ahnung, wie viele das genau sind, man müsste sie wirklich mal zählen, aber es sind eindeutig zu viele. Hinzu kommen Nachts die ganzen Lichter, was, zusammengenommen, zu einer Reizüberflutung führen kann.

Das kann einem zu Fuß nicht, oder nur ausnahmsweise passieren. Auch deswegen, ich komme jetzt zum Schluss, fahre ich nicht mehr Vollzeit Taxi. Die restliche Zeit brauche ich einfach, um zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf der Straße, aber nicht nur da, es gibt schließlich auch noch Seen und Parks, unterwegs zu sein, oder einfach nur an Orte zurückzukehren, an denen ich mit dem Taxi vorbeigefahren bin.

Foto&Text TaxiBerlin

02.03.2015

MEINE ERSTE MILLION IM TAXI


Das Trinkgeld-Schwein

Die erste Million ist die schwerste. Das stimmt wirklich! Nach mehr als zwanzig Jahren im Taxi kann ich das bestätigen. Ich hätte sie wohl jetzt zusammen, wenn ich all die Jahre Vollzeit Taxi gefahren wäre, wovon ich aber jedem nur abraten kann. Und dann auch nur, was den Umsatz angeht und man das Trinkgeld mitrechnet.

Apropos: Trinkgeld! Das rote Sparschwein ist vom Flughafen Tegel, wo es auf dem Tresen eines kleinen Cafés sozusagen als "Tip-Box" steht. Möglicherweise wurde dort die erste Million schon erreicht, denn das Schwein wurde schonmal geklebt. Man sieht das auf dem Foto schlecht, weswegen ich es erwähne.

Kaffee kann ich mir als Taxifahrer in dem kleinen Café am Gate 10 übrigens nicht leisten. Den trinke ich auch lieber an der "Pilotenbude", wie der kleine Imbiss für Taxifahrer von Insidern liebevoll genannt wird, aber das nur nebenbei.

Trotzdem bin ich von der Idee eines "Trinkgeld-Schweins" fasziniert. Ich überlege ernsthaft, mir auch eins für das Armaturenbrett meiner Taxe zuzulegen. Es muss ja nicht rot sein. Eins in "Taxi-Gelb" mit schwarzen "Rallye-Streifen" an der Seite kommt glaube ich besser.

Was die Farbe und die Streifen angeht, da bin ich ganz optimistisch. Das lässt sich sicherlich einrichten. Ich mache mir auch keine Gedanken, ob da wirklich 'ne Million reinpasst, in so ein Schwein. Mich beschäftig ehrlich gesagt mehr die Frage, ob es nicht etwas vermessen ist, "Meine 2. Million" drauf zu schreiben.

Foto&Text TaxiBerlin