16.02.2015

DAS VOLK IST TOT - ES LEBE DAS VOLK


Beim selbsternannten Autonomen
(Was weiß der schon vom Volk!?!)

Um dem Volk auf's Maul zu schauen, muss man nicht immer gleich Taxifahren, nein, ein einfacher Gang raus auf die Straße reicht vollkommen aus. Beispielsweise zum türkischen Bäcker an der Ecke, der seine tiefgefrorenen Schrippen immer so schön aufbäckt.

Ich entschied mich, zur aufgebackenen Schrippe eine Bockwurst mit Senf und einen Softdrink zu nehmen, weil das nach einem kompletten Frühstücksmenü klang und für nur zwei Euro im Angebot war.

Damit setzte ich mich zu einer älteren Dame an den Tisch, die, das glaube ich zumindest, immer dort sitzt. Vielleicht kennst Du dieses Gefühl auch, dass du denkst, bestimmte Leute gehören irgendwie zum Inventar. Und genau dieses Gefühl hatte ich hier.

Und so war ich nicht überrascht, von der älteren Dame angesprochen zu werden, schließlich saß ich an ihrem Wohnzimmertisch. Da ich, wenn ich nicht an meinem neuen Arbeitsplatz bin, diese blöde Schlinge am Arm tragen muss, die selbst die Alte nicht übersehen konnte, hatten wir auch gleich ein Thema: meine Schulter.

Ich machte es einfach wie meine Fahrgäste, nachdem sie von mir gefragt wurden, was denn passiert ist, wenn sie mir mit Krücken oder ähnlichem ins Taxi steigen: Ich erzählte meine komplette Leidensgeschichte, von Anfang an, da musste die Alte jetzt durch, sie hatte es nicht anders gewollt.

Zum Glück konnte sie nicht weg, zumindest nicht so schnell, weil sie einen von diesen Rollis mit Einkaufskorb hatte, mit denen die Alten vormittags im Supermarkt einkaufen gehen, damit sie einem nachmittags dort nicht im Weg rumstehen, und der stand weit weg.

Bald hatte ich mich so in meine Leidensgeschichte reingesteigert, dass ich gar nicht zum Essen kam. Zum Glück hatte ich auch hier die ältere Dame, eine gute Frau aus dem Volk, die schon einige Stürme des Lebens miterlebt hat, und die mich immer wieder ermahnte, endlich meine Wurst zu essen, damit ich etwas im Leibe habe.

Wurst essen konnte ich jetzt aber gerade gar nicht, höchstens mal am Softdrink nuckeln, denn ich näherte mich in meinem Vortrag der Entscheidung oder besser, dem großen Finale, und zwar der Frage: Zweite Schulter-OP - ja oder nein?

An der Stelle legte ich eine Pause ein, und die Spannung in der kleinen türkischen Bäckerei bei mir an der Ecke steigerte sich bis unter die Decke. Mittlerweile hatte sich eine kleine Traube von Volk um unseren Tisch versammelt, die aufmerksam zuhörte. Zugegeben, es waren überwiegend Alte, aber sowohl Männer als auch Frauen waren vertreten. Die Genderquote stimmte also, obwohl immer behauptet wird, Männer sterben früher.

Gerade als ich das erste Mal in meine kalte Wurst beißen wollte, meldet sich die Alte aus dem Volk, genau die, die zum Inventar der türkischen Bäckerei gehört, mit folgendem Satz zu Wort:

Ist doch selbstverständlich, dass Sie sich noch einmal operieren lassen. Sie sind doch ein so attraktiver Mann!

Gut, die Alte war gefühlte Hundert, aber ich bin auch schon fast halb so alt. Und jünger werden wir bekanntlich alle nicht. Aber dieser Satz, also der letzte jetzt, der tat so gut, das kannst Du dir nicht vorstellen, wenn Du ihn nicht selbst gehört hast.

Nun wollten natürlich noch alle wissen, wer das Wunder der zweiten OP vollbracht hat. Mann und auch Frau weiß ja nie wofür es gut ist, und sicher ist sicher. Nachdem ich den Namen meines Arztes genannt hatte, fiel der nächste denkwürdige Satz, den das Volk der Alten, das um mich stand, wie aus einem Munde murmelten:

Frauenschuh? Das kann man sich merken!

Foto&Text TaxiBerlin

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