26.01.2015

OBERFAUL UND UNVERBUNDEN oder WARUM BETTELLISTEN IM INTERNET WIRKLICH ARM SIND


"Oberfall Dank App" / Werbung / Detail

Immer mehr Menschen, insbesondere junge, kommen in unsere Stadt, um hier mal in aller Ruhe auf ihr Smartphone starren zu können. Viele von ihnen bekommen deswegen von Berlin gar nichts mehr mit. Keine Ahnung, was mit denen los ist. Was ich mit Gewissheit sagen kann, ist, dass sich diese Krankheit mehr und mehr ausbreitet, und dass diesen Leuten die virtuelle Welt offensichtlich wichtiger ist als das, was sie mit ihren eigen Augen sehen und mit ihren eigenen Händen anfassen können.

Das ist umso schlimmer, wenn man berücksichtigt, dass es im Netz immer mehr Menschen gibt, die dort nichts anderes zu tun haben, als immer und überall irgendwas abzugrabbeln. Manche gehen sogar so weit und bezeichnen sich selbst als arm, um gleich darauf eine Wunschliste aus dem Ärmel zu zaubern. Das Problem dabei ist: Sie sind gar nicht arm. Vielleicht geistig, aber will das beurteilen.

Gehen wir davon aus, wovon ich Tag für Tag und Nacht für Nacht bei meinen Fahrgästen in meinem Taxi ausgehe, dass wir es auch hier mit gesunden und erwachsenen Menschen zu tun haben. Warum machen sie sich kleiner, in dem geschilderten Fall ärmer, als sie sind? Was ist der Grund? Wie konnte es nur so weit kommen mit ihnen?

Sicherlich, die Gründe sind mannigfaltig und äußerst individuell. Wie sollte es anders sein in einer mehr und mehr individualisierten Welt. Aber vor allem sind die Gründe wohl persönlich. Wenn jemand sich kleiner macht als er ist, dann hat er es offensichtlich nötig, sich kleiner zu machen als er ist. Das selbe gilt für ärmer.

Bei Bettellisten geht es immer auch ums Haben und ums mehr Haben wollen. Wozu sonst eine Bettelliste? Nichts prinzipiell gegen's Haben! Auch ich habe so einiges, beispielsweise eine eigene Meinung. Aber wenn jemand immer mehr haben will, und das nach Möglichkeit umsonst, darf die Frage erlaubt sein: Was steckt dahinter?

Was wirklich dahinter steckt, weiß, wenn überhaupt, derjenige am Besten, der nicht genug haben kann. Meine Vermutung, das ist aber nur eine Vermutung, ist, dass Nichts dahinter steckt. Einfach aus dem Grund, dass, wo Nichts ist, auch Nichts dahinter stecken kann.

Dass mit dem Nichts, da stimme ich zu, hört sich erstmal hart an. Und das ist es auch. Aber ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, dass bei ihnen anstelle des Nichts eine generelle Unverbundenheit mit dem Leid anderer anzutreffen ist.

Ich will ein Beispiel nennen, damit es klarer wird, was ich meine. Jemand, der es nicht nötig hat, möchte immer mehr haben und sammelt deswegen leere Flaschen. Dass er damit wirklich Armen, die auf das Flaschenpfand angewiesen sind, auch noch ihre Almosen nimmt, das kann der sich gar nicht vorstellen. (Deswegen finde ich übrigens die Almosenregelung im Islam gut, aber das nur nebenbei.)

Mit der Unverbundenheit einher, ich komme jetzt langsam zum Schluss, geht meiner Beobachtung nach immer eine gewisse Faulheit. Dass mann mittlerweile sogar mit dem Begriff "Oberfaul" wirbt, habe ich heute zum ersten Mal gesehen. (Deswegen auch dieser Beitrag.) Physische Faulheit, und damit möchte ich abschließen, ist immer verbunden mit einer geistigen Trägheit.

Das ist unvermeidbar.

Foto&Text TaxiBerlin

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