21.01.2015

"ICH HÄTTE NICHTS ZU BEREUEN"


Reinickendorfer Ecke Gerichtstraße / früher Gesundbrunnen /
heute Neue Mitte

Das Schönste für mich am Taxifahren ist, dass man genug Zeit hat zum Lesen. Es gibt keinen anderen Job, wo man während seiner Arbeitszeit so viel lesen kann. Gut, manchmal hat man auch Fahrgäste. Neulich zum Beispiel, da hatte ich einen, der die Attentate von Paris für gerechtfertigt hielt.

Zum Glück leben wir in einem freien Land, wo jeder seine Meinung haben und auch sagen darf. Ich hörte mir seine Argumente an, und sie kamen mir schlüssig vor. Das hängt wohl damit zusammen, dass ich lange genug auf der Straße unterwegs bin, was aus mir einen professioneller Versteher gemacht hat.

Ich verstehe eigentlich alles. Beispielsweise auch die Sache mit der Seife. Die verstehe ich total. Wenn einem eine Seife nicht gefällt, dann ruft er irgendwo an, und dann gibt es die Seife nicht mehr. Ich meine, was bringt es denn, weiter Sachen anzubieten, die einfach zu gefährlich sind. Da hat doch keiner was davon.

Ich hatte ganz vergessen zu erwähnen, dass ich im Taxi auch viel Zeit zum Nachdenken habe. So habe ich viel über Michels neues Buch "Unterwerfung" nachgedacht, in dem der Hauptcharakter überlegt zum Islam zu konvertieren, und das mit den Worten "Ich hätte nichts zu bereuen" endet. (Ich hoffe, ich habe jetzt nicht zuviel verraten!)

Naja, auf jeden Fall ziehe ich diese Möglichkeit für mich auch ernsthaft in Betracht. Das mag jetzt vielleicht unglaubwürdig klingen, aber jetzt mal im Ernst: Möchte ich wirklich in einem Land leben, dass sich frei nennt, wo dann aber doch Karikaturen nicht ausgestellt werden dürfen und Seife nicht mehr angeboten wird?

Es tut mir leid, aber dafür habe ich kein Verständnis. Das ist für mich Heuchelei. Dann wegen mir gleich Islamischer Staat. Da weiß man wenigstens, woran man ist. Hauptsache ist für mich sowieso, dass ich auch weiterhin in meinem Taxi lesen und nachdenken kann.

Und überhaupt: Welche Freiheit meinen sie? Die zum Konsum? Nein Danke! Trifft für mich sowieso nicht zu. Gut, ich könnte jetzt auch eine Bettelliste ins Netz stellen. Ja, das könnte ich. Das ginge bestimmt. Aber ich bin da irgendwie zu faul und auch noch nicht würdelos genug, weswegen ich es anderen überlasse.

Gut, fünf Mal am Tag beten, würde mir bestimmt nicht leicht fallen. Ohne Schweinefleisch könnte ich aber sicherlich leben, ohne Alkohol schon weniger. Aber was soll's, ich wollte sowieso aufhören mit dem Trinken. Gegen das Patriarchat habe ich persönlich nichts einzuwenden. Warum sollte ich? Und dass ich als Mann mehrere Frauen haben darf, sollte sowieso selbstverständlich sein.

Foto&Text TaxiBerlin

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen