22.01.2015

GESTERN ABEND IM ARTEMIS


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Gestern Abend war es nun so weit. Das letzte freie Feld in meinem Bonusheft (ich hatte an dieser Stelle über das neue Bonussystem des Artemis für Taxifahrer berichtet) war abgestempelt, und somit die Bahn frei für einen kostenfreien Eintritt in den Neubau an der Halenseestraße mit dem großen Parkplatz vor der Tür. Ich wollte keine Zeit verlieren und dem geschenkten Gaul so bald wie möglich ins Maul schauen, was sich letztendlich als Fehler erwies.

Das lag aber nicht daran, dass man einem geschenkten Gaul niemals ins Maul schauen soll, sondern ist eher der gerade stattfindenden "Grünen Woche" geschuldet, zumindest auf den ersten Blick. Es war nicht zu übersehen, dass hier mit der Frauenquote etwas nicht stimmte, denn auf drei Männer kam "nur" eine Frau, wenn überhaupt. Die meisten der Männer waren Ausländer, wovon ich schon von Fahrgästen gehört hatte, und keine Besucher der Messe. Die Bauern, die ich in den anwesenden deutschen Rentnern vermutetet, machten nach den Ausländern immerhin den zweitgrößten Männeranteil aus.

Bevor ich gleich ans "Eingemachte" gehe, noch das hier vorab. Dieser Bericht über meinen Besuch im Artemis versteht sich als Update von Thomas Brussigs (Autor der "Sonnenallee") Milljöh-Studie "Berliner Orgie" von vor acht Jahren aus der Sicht eines Berliner Taxifahrers. Genauso wie Brussig habe auch ich im Artemis "nichts gemacht", sondern nur geschaut. Naja, nicht ganz - doch dazu später mehr!

Am "Check Inn" bekam ich von zwei nicht mehr ganz so jungen Damen ein Rosa-Bändchen verpasst. Ich war jetzt also offiziell "Mit-Glied" im Club. Warum mein Bändchen ausgerechnet Rosa war, das fragte ich mich später, als ich sah, dass es auch andere Farben für diese Bänder gab. Meine erste Vermutung, manchmal sind die ersten Gedanken gar nicht so verkehrt, war, dass sie in mir einen Gay sahen, womit sie gar nicht soo daneben lagen, zumindest am gestrigen Abend.

Neben dem Bändchen, das verschlusssicher mit kleiner Schraube und Kontermutter aus schwarzem Plastik am rechten Handgelenk befestigt wurde, bekam ich noch einen Schlüssel mit einem verschließbaren Armband in blau daran, welches ich am linken Handgelenk befestigen würde. Vorher ging ich mit ihm eine halbe Treppe höher zu einem kleinen verschließbaren Kästchen in Sichtweite der beiden Damen an der Rezeption, wo ich meine Wertsachen (Geld, Handy, etc.) verstaute. Dann ging es weiter in den Umkleidebereich, wo ein Spind für meine Sachen bereitstand, an dem derselbe Schlüssel passte.

Spinde gab es etwa 500, genauso viele wie Kästchen für Wertsachen. Da das Artemis, wie eingangs beschrieben, gestern Abend gut besucht war, war es beim Auskleiden recht eng. Auf jeden Fall enger als auf meinem letzten Arbeitsplatz, wofür die Spinde dort aber nicht so schön waren wie hier. Nachdem ich alle meine Sachen im Spind verstaut hatte, zog ich den hauseigenen, blassrosa Bademantel und die ebenfalls hauseigenen, desinfizierbaren blauen Badelatschen an.

Das war sozusagen die "Club-Uniform", wobei es eine kleine Minderheit unter den Männern gab, die gleicher waren, und bessere, weiße Bademäntel trugen. Die zahlreich vorhanden Frauen trugen in der Regel nichts, wenn man mal von den obligatorischen High Heels und vielleicht noch einer dekorativen Halskette absieht.

Bei den Frauen, die, ebenfalls wie eingangs erwähnt, zahlenmäßig in der Minderheit waren und dementsprechend "gut" zu tun hatten, waren wiederum die jüngeren Semester, ich sagen mal zwischen zwanzig und dreißig, am zahlreichsten vertreten. Sie sprachen viel italienisch, was mir nun gar nicht liegt, aber auch rumänisch, bulgarisch und sogar deutsch war zu hören.

Meistens unterhielt sich Mann und Frau aber auf englisch, was auch an diesem Ort der Welt die universelle Sprache zu sein scheint. Trotz des vielen englischen, das kann ich an dieser Stelle schon mal verraten, habe ich in Sachen Sprachen gestern Abend etwas dazu gelernt. Lange habe ich mich gefragt, was das wohl für Landsleute sind, die mir ins Taxi steigen und sowohl russisch als auch türkisch sprechen. Jetzt weiß ich es: Es sind Menschen aus Moldawien, wo neben russisch und türkisch auch viel rumänisch gesprochen wird.

Obwohl die Frauen "gut" zu tun hatten (wenngleich nicht alle), dauerte es nicht lange, da wurde ich auch schon direkt von einer angesprochen und zwar mit "Sex?" - "Nein, so heiße ich nicht!" war meine knappe Antwort, woraufhin die junge Frau weiter zog. Den Rentner neben mir übersah sie geflissentlich. Keine Ahnung, woran das lag. Sie wird wohl ihre Gründe haben, dachte ich bei mir.

Ich nutzte den Moment, um mich etwas umzuschauen im Artemis. Im Inneren wirkt der Neubau kleiner als von Außen, das muss man schon sagen. Im Hochparterre befindet sich neben der Umkleide noch eine Bar, wo geraucht werden darf, und was zweifellos das Herzstück des Artemis darstellt. Daran an schließt sich ein separates Kino und der Speiseraum mit Küche. Ich erfuhr, dass es bis zwei Uhr Morgens warmes Essen gibt, natürlich inclusive der 80 Euro, die außer mir jeder hier gelöhnt haben dürfte. (Die alkoholfreien Getränke sind übrigens auch allesamt umsonst, aber das nur nebenbei.)

Das war wohl auch der Grund, warum ich mich mit dem Essen etwas schwer tat. Es gab Salat, den man sich selber zusammenstellen und "dressieren" konnte, und zwei warme Gerichte: Putenbrust mit Kartoffelbrei und Soße, und Fleischbällchen Halal mit Reis. (Auch bei den warmen Gerichten galt Selbstbedienung.) Passend dazu gab es bald darauf in der Bar türkische und arabische Tanzmusik zu hören. Ich vergaß zu erwähnen, dass arabische und türkische Männer die eindeutig größte Minderheit unter der Mehrheit der vielen ausländischen Besucher des Artemis bildeten.

Im Sommer kann man von der Kantine hinaus auf die Terrasse gehen, die gestern mit einem improvisierten Zelt, Heizschirm und Sitzmöglichkeiten zum Essen vollgestellt war. Die Terrasse wäre übrigens, das erscheint mir noch ein wichtiges Detail zu sein, sowohl von vorbeifahren Autos der Stadtautobahn als auch von Zügen Richtung Wannsee problemlos einsehbar, wenn sie denn alle nicht so schnell vorbeifahren würden.

Nach dem Essen soll man bekanntlich ruhen, weswegen ich mich in den Keller begab, wo ich auf einer der am Pool bereitstehenden Liegen ein kleines Nickerchen machte. Hier wurde man nicht angesprochen, zumindest nicht von Frauen, aus dem einfachen Grund, weil es hier keine gab. Die wenigen, die sich hierher verirrten, kamen, um an der Bar unweit des Pools einen Drink zu nehmen und Pause von ihrer Arbeit zu machen.

Und so kam es, dass ich, nachdem ich wieder aufwachte, dann doch "etwas machte", was gar nicht geplant war. Ich ging in die Sauna, und zwar direkt in die richtige, die heiße. (Es gibt auch eine nicht so heiße und ein Hamam, ein türkisches Bad, was aber extra kostet, und zwar 50 Euro für 40 Minuten.) In der heißen Sauna lagen jede Menge Handtücher herum, was mich zu dem Schluss kommen ließ, dass das alles keine Saunagänger sind hier, sondern irgendetwas anderes. (Bevor ich es vergesse: Man konnte sich auch von männlichen Masseuren massieren lassen, was aber auch wieder extra kostete. Soweit ich mich erinnere war es genauso viel wie das Hamam.)

In der Sauna kam ich mit einem jungen Berliner Türken ins Gespräch, der nicht älter wie zwanzig war und Fussball in einem Zweitligaverein unserer Stadt spielt, den ich nicht kannte. Aufmerksam lauschte er meinen Ausführungen über die Unmöglichkeit, sein Handtuch in der Sauna einfach so liegen zu lassen. Ihm konnte das nicht passieren, denn er war gleich ohne Handtuch gekommen. Offensichtlich war er aber der Typ Türke, der sich auch mal was sagen lässt, und dass sogar von einem Taxifahrer. Auf jeden Fall nahm er sogleich ein paar der herumliegenden Handtücher und setzte sich darauf.

Nun war es an mir, etwas von ihm zu lernen. Er war heute Abend schon dreimal mit einer Frau "auf Zimmer" gewesen und für einmal reiche es noch - sein Geld. Das lag aber nur daran, dass die Frauen bei ihm kein Glück mit dem "Nachködern" hatten, er also immer nur den Grundbetrag von 60 Euro für die halbe Stunde, "Vorspiel ohne inclusive", zahlt und keine Extras in Anspruch nimmt. Das "Nachködern" sei übliche Praxis, klärte er mich auf. So neu war das dann doch nicht für mich, denn ich hatte schon von Fahrgästen von dieser Praxis gehört.

Nach der Sauna ging es zum Duschen, dann ins Eisbecken und danach in den Pool. Um den Pool herum lagen immer noch die selben Typen wie am Anfang, als ich in den Keller kam. Vielleicht ist ja wirklich was dran, dass Männer hierher kommen und gar "nichts machen" (zumindest nichts mit Frauen), außer am Pool herumzuliegen. Ich würde es jetzt zumindest nicht mehr komplett ausschließen wollen.

Da ich jetzt tanzen wollte, ging ich wieder hoch in die Bar, wo aber nicht getanzt wurde. Dafür wurde ich nun mehrfach von Frauen angesprochen, was daran lag, dass sich die Frauenquote mittlerweile auch hier dem politisch korrekten Ideal von 1:1 angenähert hatte, ohne es jedoch zu erreichen. Es ging auf Mitternacht und viele Männer, allen voran die Rentner, hatten das Artemis verlassen. (Später tanzten dann doch noch ein paar Frauen an der Stange, was aber außer mir niemanden wirklich zu interessieren schien. Jedenfalls war ich der Einzige, der den Frauen applaudierte. Möglicherweise lag es an der Musik lag. Es war stinknormale Popmusik aus dem Siebzigern und keine Musik aus dem Harem.)

So unglaublich es klingen mag, aber es stimmt wirklich, ich guckte bei den Frauen immer nur auf die Schuhe. Die meisten Frauen trugen diese unmöglichen, ich muss sie wirklich so nennen, "Nuttenschuhe", die vollständig aus Plastik und/oder Gummi bestanden. Die konntest Du durch die Bank weg vergessen. Eine halbwegs sinnvolle Konversation war nur mit den wenigen Frauen möglich, die ganz normale Schuhe trugen.

Für manch einen mag das Zufall sein, für mich war es das nicht. Da bin ich zu sehr Spezialist für Konversation, die über dem Small Talk hinausgeht. Ich meine, hoch waren sie beide, sowohl die Nutten- als auch die normalen Schuhe. Es gab also keinen wirkliche Grund, dieses unmögliche Gemisch aus Plastik und Gummi an den Füßen zu tragen, außer dem, dass die Frauen mit den "Nuttenschuhen" ihre Dienstleistung und somit auch ihre Kunden nicht wirklich ernst nahmen. (Dazu muss man wissen, dass "Nuttenschuhe" genauso teuer wie normale Schuhe sind.)

Bevor ich ein weiteres und letztes Mal runter in den Keller zur Sauna ging, schwirrte noch mal die kleine Bulgarin von vorhin bei mir vorbei. Sie war eine der wenigen Frauen, die normale High Heels und dazu schwarze Strümpfe trug, durch die man nicht durchsehen konnte, weil sie so derb waren, wie man sie auf bulgarischen Dörfern trägt, aber das nur nebenbei. Sie beschwerte sich bei mir, ausgerechnet bei mir, dass es für sie alles andere als gut lief in dieser Nacht. Das klang für mich im ersten Moment unglaubwürdig, weil gerade als ich kam, Frauen Mangelware waren.

Im Gespräch stellte sich heraus, dass sie keinen Bock hatte mit einem der Rentner auf's Zimmer zu gehen, was ich verstand. Welche junge Frau möchte schon mit einem alten Knacker Sex haben? Aber es gibt nun mal immer mehr Alte, und das ist ein großes Problem. (In dem Moment ihres, der kleinen Bulgarin aus der Hauptstadt Sofia, die Katharina hieß.) Andererseits, das soll wirklich stimmen, wollen viele von den Alten nur reden. Aber das weiß man eben nicht vorher.

Was sie nicht sagte, was aber einige ihrer Bemerkungen vermuten ließen, war, dass sie auch keine große Lust hatte mit einem Araber oder Türken auf's Zimmer zu gehen. Das ist aber letztendlich nur eine Vermutung. Was ich mit Gewissheit sagen kann, ist, dass Katharina mir leid tat. Sie tat mir leid als Mensch, weniger als Frau. Und sie tat mir deswegen leid, weil ich an mein eigenes Geschäft denken musste, wo es oft auch nicht so gut läuft, und wo ich auch gerne manche von der Beförderung ausschließen möchte, genauso wie Katharina manch einem ihren Service verweigert. (Katharina hat diese Möglichkeit, ich habe sie nicht, denn ich habe die Pflicht zur Beförderung.)

All das dachte ich in dem Moment, als sie neben mir stand und sich sozusagen bei mir ausheulte. Was konnte, was sollte ich ihr sagen, um sie irgendwie aufzuheitern oder zumindest abzulenken? Mit meinen eigenen Problemen und Problemen wollte ich ihr nicht kommen. Und so fiel mir nichts anderes ein, als ihre normalen High Heels und ihre derben schwarzen Strümpfe zu loben. Da musste sie auch schon wieder lachen ...

PS: Die Schuhe der Männer sind noch schlimmer als die der meisten Frauen. Es empfiehlt sich wirklich, seine eigenen mitzubringen.

PSPS: Das Wichtigste wieder ganz vergessen. Nachdem sie ausgelacht hatte und bevor sie weiterging, sagte Katharina noch "Kartoffel" zu mir.

Foto&Text TaxiBerlin

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