14.11.2014

MEIN TAG MEINE WOCHE MEIN LEBEN


Meine Bibliothek

Nachdem ich so viel über meine Gäste  geschrieben habe, ist es an der Zeit, auch mal etwas über mich zu schreiben. Zwanzig Jahre bin ich nun schon auf den Berliner Straßen und Plätzen unterwegs, und das vorzugsweise am Wochenende. Genau genommen arbeite ich drei Nächte a zehn Stunden, komme also auf dreißig Stunden pro Woche im Taxi, früher sagte man auch "Dreiviertelstelle" dazu. Eine Zeitlang habe ich auch mal voll gearbeitet, also fünf oder manchmal sogar sechs Schichten die Woche, musste aber ganz schnell feststellen: Das ist nichts für mich.

Mein Tag unter der Woche beginnt mit dem obligatorischen Gang in die Bibliothek (Foto), die sich, wie unschwer zu erkennen ist, in einem Keller befindet. Der ist in der Regel gut besucht, ebenso das dazugehörige Café darüber. Auch wenn das schon lange kein Geheimtip mehr ist, werde ich den Teufel tun, hier die Adresse zu veröffentlichen. Das muss schon jeder selbst herausfinden. Das schöne an meiner Bibliothek ist, soviel möchte ich verraten, dass man jedes Buch für einen Euro mitnehmen kann, und zwar für immer.

Es soll Leute geben, die sich in einer vergleichbaren Situation selbst als arm bezeichnen, und sich deswegen beispielsweise sämtliche Bücher schenken lassen. Nun ist arm immer relativ und liegt, wie so ziemlich alles, im Auge des Betrachters. Beim arm sein, so meine Erfahrung, hängt viel davon ab, mit wem ich mich vergleiche. Um ein plumpes Beispiel zu geben: Vergleiche ich mich mit Uli Hoeneß oder mit dem Kollegen in Istanbul? Darüber hinaus muss man auch noch zwischen geistiger und materieller Armut unterscheiden, wobei das eine, so zumindest meine Erfahrung, oft das andere nach sich zieht.

Ich kann jetzt nur von mir reden, aber ich fühle mich weder geistig, noch materiell arm. Ganz im Gegenteil! Ich würde sogar so weit gehen, mich und mein Leben als ausgesprochen reich zu bezeichnen. Ich meine, wer kann es sich zum Beispiel alleine von der Zeit her "leisten", täglich für mehrere Stunden in die Bibliothek zu gehen? Dabei habe ich die Bücher, die ich von dort mitnehmen kann, und die Fahrgäste, die mich mit ihren Geschichten bereichern, noch gar nicht "mitgerechnet". Also, Leute, lasst euch nichts einreden, nur weil es im Internet steht!

Foto&Text TaxiBerlin

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