05.10.2014

WAHLEN IN DER AUSZEIT


Auszeit-Wahlplakat (bearbeitet) / Kleingedrucktes:
„Der Kauf und Verkauf von Stimmen ist ein Verbrechen“

Auch in der Auszeit, einem kleinem Stück Land am Rande Europas, wird gewählt, und zwar heute. Das wird den ein oder anderen überraschen, ging es doch lange genug auch ohne diese lästige Wählerei. Immerhin bietet so eine Wahl immer auch die Möglichkeit, zu dem Nichts, das ein jeder hier so hat, etwas hinzuzuverdienen. Und genau dem soll jetzt der Riegel vorgeschoben werden. Ausgerechnet von den Parteien, die zur Wahl stehen, und zwar unabhängig ihrer politischen Ausrichtung. Dazu muss man wissen, dass im allgemeinen Verständnis der Auszeit-Bürger, jeder (und zwar ausnahmslos!), der sich zur Wahl stellt, ein Bandit ist.

Das hängt nun wiederum damit zusammen, dass das Stück Auszeit, wie gesagt: ein Land am Rande Europas, so klein ist, dass eine persönliche Bereicherung der zur Wahl stehenden Person und seines Clans als gegeben hingenommen wird. (Man kennt sich halt ...) Früher galt in der Auszeit: Stell einen Esel auf und er wird gewählt. Heute ist das anders. Wenn ich ehrlich sein soll, liegt sogar ein klein wenig Spannung in der Auszeit-Luft. Denn es ist immer noch nicht klar, welcher Bandit die Wahl denn nun für sich entscheiden wird. Dabei, und das ist das eigentlich Neue, bekommt nicht automatisch der größte Bandit auch die meisten Stimmen. So einfach ist es nun auch wieder nicht! Wer gewinnen will, muss auch hier gut aussehen und darüber hinaus, ähnlich unseren Fußball-Artisten, mindestens drei zusammenhängende Sätze vor der Kamera aufsagen können.

Apropos: Ich weiß nicht, ob es einer von meinen Lesern gesehen hat, das Fußballspiel letzten Mittwoch zwischen Real Madrid und dem Auszeit-Meister. Auch wenn das Endergebnis 2:1 für Real lautete, war der Auszeit-Meister durchaus ein gleichwertiger Gegner. Das schmeichelhafte Resultat verdankt Real einzig und allein dem schottischen Schiedsrichter, der nicht gegeizt hat mit Strafstößen für Real. Genau genommen hat er zwei geben müssen. Das lag daran, dass der Auszeit-Torwart den ersten Elfer von Ronaldo (oder wie der heißt) gehalten hat. Der Grund dafür war wiederum, weil Ronaldo (oder wie der heißt) mit „Messi, Messi“ Rufen in der Auszeit begrüßt wurde, was natürlich nur aus Unkenntnis der Auszeit-Bürger über den weltschönsten Fußballer geschehen konnte.

Die eigentliche Überraschung kam aber auch hier zum Schluss, genauer gesagt nach dem Spiel, und zwar als der Torschütze des Auszeit-Meisters, ein kleiner, gut aussehender Brasilianer, im Interview plötzlich in der Auszeit-Sprache antwortete, die eigentlich so kompliziert ist, dass sie kein Ausländer lesen, geschweige den sprechen kann. (Wenn Du mir nicht glaubst, dann versuch selbst das Kleingedruckte des obigen Wahlplakates zu entziffern!)

Der Auszeit-Fußball-Meister, das nur am Rande, soll übrigens einem Auszeit-Banditen gehören. Man kennt das ja vom englischen Chelsea. Komischerweise steht dieser Bandit nicht zur Wahl, zumindest nicht offiziell. Der hätte nach diesem Spiel gegen Real und nach dem 2:1 gegen Liverpool zwei Wochen zuvor in England, aber vor allem nach dem Interview seines kleinen Brasilianers, meiner bescheidenen Meinung nach, die besten Chancen gehabt die heutige Wahl in der Auszeit zu gewinnen.

Letztendlich (wie überall, und nicht nur in der Auszeit!) ein klassisches Umverteilungsproblem, bei dem es, wie bei allen Wahlen, darum geht, zu entscheiden, wer oder was das kleinere Übel ist. Übersetzt in die Sprache der Auszeit heißt das: Welcher Bandit gibt von dem, was er zusammengeklaubt hat, das meiste an die zurück, die er zuvor beklaut hat. (Das ist auch deswegen wichtig, weil, wie eingangs beschrieben, des kleinen Mannes Verdienstmöglichkeiten bei der Wahl erstmals offiziell beschnitten wurden.) Dabei gibt jeder, was er kann: Der eine sieht toll aus oder kann einfach nur gut reden, der andere gibt Geld, und der dritte Brot und Spiele Fußball.


Nachtrag: Das mag für Deutsche Ohren alles erst einmal weit weg klingen, und ist es ja auch, denn gewählt wird, ich erwähnte es bereits, am Rande Europas. Aber gibt es nicht auch in unserem schönen Land im Herzen Europas und selbst in Berlin den Zeitgenossen (Gemeint ist nicht der Flaschensammler, sondern die Flasche!), der für Geld alles tut? (Und wenn ich alles sage, dann meine ich auch alles!) Und wenn dem so ist, ist es dann nicht auch so, dass diese Zeitgenossen auch hier mal wieder zu spät kommen? (Wie sie übrigens immer zu spät kommen!) Dem kleine Nebenverdienst, auch wenn er nur am Wahltag eintreibbar war, ist (zwar nur offiziell, dafür aber definitiv!) leider der Riegel vorgeschoben worden. Wie immer auch die Wahl am Rande Europas ausgehen wird, der heutige Tag dürfte bereits jetzt für manch einen ein Trauertag sein, auch (und gerade) im Herzen Europas.

Foto&Text TaxiBerlin

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