13.10.2014

NO TAXI FOR YOU



Die sechste Woche ist fast vorbei, womit die für eine Auszeit absolut notwendigen vierzig Tage erreicht sind. Der ein oder anderer wird sich fragen, was ich hier treibe und ob ich zu viel Geld habe. (Letzteres fragen sich übrigens nur Krämerseelen.) Aber ich möchte auch hier, genauso wie in meinem Taxi in Berlin, ehrlich Rede und Antwort stehen.

Nein, ich habe nicht viel Geld, und schon gar nicht zu viel. Was ich aber ausreichend habe, ist Zeit. (Ich weiß, das passt für eine Krämerseele, für die Zeit immer nur Geld ist, nicht zusammen. Das ist aber nicht mein Problem.) Bleibt die Frage, was ich hier mache.

Dazu muss ich etwas ausholen. Der ein oder andere erinnert sich, dass ich vom New Yorker Suppen-Nazi (es gibt ihn wirklich!) inspiriert bin, dessen Suppen zu den besten in Big Apple gehören. Suppe bekommt aber nur der, der sich anständig anstellt (beim Suppen-Nazi gibt es immer eine lange Schlange), dabei nicht flirtet und schon gar nicht küsst (wen auch immer!), seine Bestellung kurz und bündig vorträgt, möglichst passend bezahlt, und (das ist das wichtigste!) keine dummen Fragen stellt, beispielsweise warum er diesmal kein Brot zur Suppe bekommt. Da kann es nämlich passieren, dass der Suppen-Nazi (zu recht!) richtig sauer wird. Im dümmsten Fall bekommt derjenige sein Geld zurück und muss dafür natürlich die Suppe dalassen. Im allerdümmsten Fall folgt noch ein Suppen-Verbot („no soup for you!“) vom Suppen-Nazi persönlich für eine bestimmte Zeit, beispielsweise für eine ganz Woche.

Was hat das nun mit mir zu tun? Ich bin, ich sagte das bereits, nicht nur von den Suppen begeistert, sondern auch vom, zugegeben etwas strengem aber gerechten Regime, des New Yorker Suppen-Nazis, weswegen ich mich bereits vor einiger Zeit als Taxi-Diktator in Berlin etabliert habe, dessen NO TAXI FOR YOU! schon jetzt ein Europaweites Markenzeichen ist.

Nun ist es aber so, so viel kann ich verraten, dass dieses NO TAXI FOR YOU! auch gelernt sein will. Das sagst Du nicht einfach mal so zu deiner Kundschaft. Das findet die nämlich nicht witzig! Und doch muss es auch sein – zumindest gelegentlich, weswegen ich hier dieses Trainingslager, ich nenne es liebevoll „Gulag mit Ausblick“ (Foto), ins Leben gerufen habe, wo, wer will und genug Zeit hat, sich zum Taxi-Diktator ausbilden lassen kann.

Dabei ist die viele Zeit, die die Ausbildung in Anspruch nimmt, nicht das einzige Problem, zumindest für die meisten Zeitgenossen. Zu der vielen Zeit kommt nämlich hinzu, dass es kein Internet gibt, oder so gut wie keins. Einmal in der Woche dürfen meine Schützlinge ins fünf Kilometer entfernte Dorf, um im verstaubten Büro des Dorfschulzen für eine halbe Stunde ins Internet zu gehen. 

Außerdem, und das dürfte für viele ein weiteres Problem darstellen, gibt es kein Auto! Aber, und das ist die gute Nachricht, man kann auch ohne Auto mobil sein (Foto). Nach sieben Wochen brauchen meine Stützlinge nur noch dreißig Minuten ins Dorf, womit sich ihre Zeit im Internet auf sage und schreibe eine Stunde pro Woche erhöht hat.

Dass es kein Auto in meinem „Gulag mit Ausblick“ gibt, hat natürlich noch andere, weit wichtigere Gründe. Die wichtigste Erfahrung ist zweifellos die, dass man auch ohne Automobil mobil sein kann, und darüber hinaus seine Umgebung (und somit auch sich selbst!) viel intensiver wahrnimmt. Mindestens genauso wichtig ist, dass die angehenden Taxi-Diktatoren genau dieselbe Erfahrung machen wie ihre Fahrgäste nach dem NO TAXI FOR YOU!, und zwar dass sie laufen müssen. Ich finde nämlich, aber das ist nur meine persönliche Meinung, dass Laufen weitgehend unterschätzt wird, und vielen vielen Menschen nur anempfohlen werden kann, auch und eben vielen Fahrgästen.

Ich kann mir vorstellen, dass sich jetzt der ein oder andere fragt, ob nicht auch er mal ein paar Tage in meinem „Gulag mit Ausblick“ verbringen könnte. Grundsätzlich kann diese Frage mit JA beantwortet werden. Vorher solltest Du dich aber fragen, ob Du wirklich für den Gulag geeignet bist. Und damit meine ich nicht nur, dass Du viel Zeit mitbringen musst, denn die Ausbildung zum Taxi-Diktator ist hart und langwierig. Außerdem gibt es weder Netz noch fahrbarem Untersatz. Dass es kein Bad und auch keine Toilette, sondern nur einen Donnerbalken und zum Duschen den Gartenschlauch gibt, hatte ich glaube ich noch gar nicht erwähnt, oder?


Solltest Du jetzt immer noch Interesse haben, den „Gulag mit Ausblick“ kennenzulernen, so richte bitte eine ausführliche Bewerbung an die bekannte e-mail Adresse. Vielleicht gibt es ja bald mal ein paar „Schnupperwochen“ für angehende Taxi-Diktatoren, ich schließe es zumindest nicht kategorisch aus. Mein kleiner privater „Gulag mit Ausblick“ befindet sich übrigens noch in Europa, wenngleich am Rande, ich erwähnte das bereits, und der Ausblick (nochmal Foto) ist auf das Gebirge, welches der gesamten Halbinsel seinen Namen gibt. Man erreicht den Gulag sogar von Berlin (SXF) aus in weniger als zwei Stunden ganz „easy“ für wenig Geld – aber das nur als Info für alle Krämerseelen.

Mobil ohne Auto
Fotos&Text TaxiBerlin

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