19.05.2014

EIN TAG WIE EIN JAHR


Auf der Museumsinsel

Für meine vielen neuen Leser, vor allem in Russland und der Ukraine, muss ich nochmal erklären, was mich mit dem Jimi Hendrix des Bulgarischen Dudelsacks (Gaida) verbindet: Unser beider Heimat ist die Straße. Seine Heimat sind seit fünfundzwanzig Jahren die Straßen auf dem gesamten Globus; meine Heimat sind seit immerhin zwanzig Jahren die Straßen von Berlin. Genau dort bin ich, wenn es meine Zeit erlaubt, gemeinsam mit meinem Schützling dem Meister, der eigentlich Peter heißt und mich mein Führer einfach nur Boss nennt, unterwegs; immer auf der Suche nach meinem Ton, seiner Melodie und unserer Wahrheit.

Gestern lag die Versuchung nahe, in irgendeiner Weise von den vielen Fußballfans in unserer Stadt zu profitieren - zumindest finanziell. Aber Geld ist eben nicht alles; und manches, was gut angedacht ist, hat kein gutes Ende, weil niemand es zu Ende gedacht hat. Um es kurz zu machen: Fußballfans sind keine Feingeister wie Peter und ich - ganz im Gegenteil! Fußballfans sind, Ausnahmen bestätigen die Regel, allenfalls Grobmechaniker, auf denen ein grober Keil gehört, den wir aber nicht mit uns führen.

Schade eigentlich, denn einen groben Keil hätten wir für die nächsten Sackgänger des Tages gut gebrauchen könnten. Ich hatte gerade mit dem Rücken an einem Stromverteiler lehnend, das Gesicht in der Sonne, auf dem Bürgersteig Platz genommen, als direkt neben mir, die Stromverteilerbox als Sichtschutz missbrauchend, Hütchenspieler vom Balkan ihr kriminelles Geschäft beginnen wollte. Hütchenspieler, das weiß nicht jeder, treten immer in Gruppen, um nicht zu sagen Banden, auf. Ich wußte allerdings, worauf ich mich einließ, als der Feingeist in mir auf das ungestörte Lauschen der Klänge des Dudelsacks bestand. Das fanden die Männer vom Balkan nicht witzig, nein, um ehrlich zu sein, fanden sie es richtig Scheiße.

Hinzu kam, daß ich mit dem Arsch, den Rücken an den Stromverteiler gelehnt, auf dem Boden saß und aufgrund einer alten Kriegsverletzung der linken Schulter nicht ohne Hilfe aufstehen konnte. Zum Glück, muss ich im Nachhinein sagen, denn auf dem Balkan werden Kinder und Invaliden geschont, zumindest außerhalb desselben. Man sollte sich aber nicht drauf verlassen. In dem Fall zog die Hütchenspielerbande, groß geschätzt zehn bis fünfzehn Personen, nicht mit Fluchen in meine Richtung sparend, einfach hundert Meter weiter, um dort "ungestört" ihren "Geschäften" nachzugehen.

Aber da war es schon zu spät, der Platz hatte bereits sein positives Karma verloren, wenn er es denn jemals besessen hatte. Der Meister und ich zogen weiter. Natürlich mit 'nem Taxi - wir haben's ja! Ist schließlich ein Taxiblog! Wir entschieden uns für den Boxi, wie der Eingeborene den Boxhagener Platz im Friedrichshain liebevoll zu nennen pflegt. Dort war gerade Wochenmarkt und man schien irgendwie auf uns gewartet zu haben. Oder vielleicht bildeten wir uns das auch nur ein. Wer weiß das schon so genau an so einem Tag. (Später ist man natürlich immer klüger …)

Irgendwie müssen wir den Typen mit den beiden Hunden wohl übersehen haben. Als ich "Fass sie!" hörte, war es jedenfalls schon zu spät. Eine der Bestien hatte sich bereits in meiner rechten Hand festgebissen. Zum Glück ließen sie Peters Dudelsack in Ruhe. Gut, da ist jetzt kein Fleisch mehr dran, aber immerhin ist er aus echtem Ziegenfell. Das Ende ist schnell erzählt. Ab in die nächste Taxe und direkt zur Notaufnahme, wo man mich nun schon kennt und man mir deswegen auch ein Abonnement anbot. Und genau darüber denke ich die ganze Zeit nach, während Peter diesen Text für mich in die Tasten haut. Macht er das nicht gut?! Was bin ich doch für guter Boss Lehrer … Aua, it hurts! (Aua, es tut weh!)

Foto&Text TaxiBerlin

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