11.02.2014

ZWANZIG JAHRE IM TAXI - EINE BILANZ (SERIE)


Flughafen Tegel (TXL) / Taxi-Ladeleiste / Gate 6-9

"20 Jahre Taxifahrer in Berlin - Eine Bilanz" ist der Titel eines Beitrags über mich in der Berliner Zeitung von gestern unter der Rubrik "Meine Woche", der mir durchaus gelungen erscheint, wofür es sicherlich mehrere Gründe gibt. Da wäre zum einen die Chemie zwischen dem Herrn von der Berliner Zeitung und mir zu nennen, die irgendwie gestimmt hat, was nicht selbstverständlich ist. Nicht zuletzt ist es aber auch immer die Frage, ob derjenige, der interviewt wird, auch wirklich etwas zu sagen hat. Und da nicht alles, was ich gesagt bzw. zu sagen habe, in dem Artikel Platz finden konnte (sonst hätte die Berliner locker 'ne eigene Zeitung draus machen können), starte ich heute eine neue Serie mit obigem Titel, in der der geneigte Leser alles das erfährt, was nicht in der Zeitung stand.

Das Berliner Pflaster wurde mir bereits in die Wiege gelegt. Sowohl meine Mutter als auch meine Oma sind Berliner Pflanzen. Bei letzterer, sie wird demnächst 93 Jahre alt irgendwo in Lichterfelde draußen, würde ich angesichts von vier Ehen und zwölf Kindern sogar von einem Berliner Original sprechen. Bevor ich vor über zwanzig Jahren nach Berlin kam, nahm ich einen kleinen Umweg über Sofia. In den Straßen der bulgarischen Hauptstadt machte ich als "kleener Piepel" die ersten Fotos mit der teuren Spiegelreflexkamera meines Vaters, von denen keins wirklich zu gebrauchen war, was aber daran lag, daß mir niemand vorher die Kamera erklärt hatte. Heute, wo ich groß bin, habe ich immer eine kleine Kamera dabei, die ich auch nicht komplett verstehe. Ich gebe mir aber - wie früher - größte Mühe.

Die Leute heute kommen aus den verschiedensten Gründen in unsere Stadt. Oft ist es wegen dem Partner bzw. der Partnerin. Aber es kommen auch immer mehr Leute wegen einem Job nach Berlin, wo ich mich jedesmal frage: Von welchen Jobs reden sie? Ich kann es mir nur so erklären, daß sie irgendeinen Job in den unzähligen, neu entstandenen Kreativbutzen meinen, wo versucht wird aus Nichts Geld zu machen. Jemanden, der wie ich nur wegen Berlin nach Berlin gekommen ist, findest du heute so gut wie gar nicht mehr - ist sozusagen 'ne aussterbende Spezies. Vorausgesetzt, man zählt die nicht dazu, die nur zum Party in unsere Stadt kommen. Aber die sind sowieso zu nichts zu gebrauchen, außer eben zum Party machen und zum Chillen danach.

Das Wort Chillen gab es übrigens früher gar nicht. Sicherlich wurde auch damals Party gemacht, und nicht zu knapp! Aber es wurde auch gearbeitet und sich ausgeruht bzw. abgehangen. Abhängen war glaube ich seinerzeit das Wort für Chillen. Auf jeden Fall gab es damals drei Dinge (Party machen, arbeiten und abhängen), und nicht so wie heute, wo es nur noch Party machen und Chillen danach gibt. Und das, jetzt kommt der eigentliche Clou, obwohl früher (und nicht heute!) das Lebensgefühl in Berlin war: Alles ist möglich! Das Leben in Berlin heute ist dagegen vergleichsweise langweilig und mit jedem Tag wird es langweiliger. Du kannst förmlich dabei zuschauen.

Früher gab es beispielsweise ganze Wochenenden in der Taxe, also drei komplette Schichten, wo ich nicht eine einzige Quittung ausgestellt habe. Heute vergeht kaum eine Fahrt, wo ich neben dem Fahren nicht auch noch zum Schreiben, und zwar einer Quittung, gezwungen werde. Gut, ich will mich nicht über Nichts beklagen. Außerdem kann ich, im Gegensatz zu manch Kollegen, schreiben. Es ist sowieso eher die Frage, ob der Leser von heute lesen und auch verstehen kann, was er so ließt. Doch zurück zum Taxifahren in Berlin. Worauf ich hinaus will, ist der Umstand, daß heutzutage nur noch Leute mit dem Taxi fahren, die entweder den kompletten Fahrpreis (meist von ihrer Firma) oder immerhin einen Teil davon (mit etwas Glück vom Finanzamt) erstattet bekommen.

Nun hat aber Taxifahren den ermäßigten Steuersatz von sieben Prozent. Das bedeutet bei einer Kurzstrecke, die auch weiterhin vier Euro kosten wird, gerade mal (sieben mal vier) achtundzwanzig Cent. Und doch gibt es Leute (Neu-Berliner oder Berlin-Touristen?), die sich bei einer Kurzstrecke eine Quittung ausstellen lassen. Gut, es kommt nicht häufig vor, aber ich muss mir jedes mal echt das Lachen verkneifen. Das Gute daran ist, daß sich das Blatt von den Neunzigern, wo Berlin ein großer Zoo war und die Berliner die Tiere, die von unseren Besuchern bestaunt wurden, komplett gewandelt hat. Heute sind Leute, die wie beschrieben Taxi fahren, die Aliens.

Fortsetzung folgt!

Foto&Text TaxiBerlin

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