09.01.2014

IM AUTO MIT DEM AUTOR


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Ein Kurzroman

Ich saß mal wieder im Taxi. Was sollte ich auch sonst machen. Schreiben kann ich nicht, lesen auch nicht, abgesehen von Stadtplänen, und zuhören schon gar nicht. Was bleibt mir da übrig. Vielleicht Altenpfleger? Der Vorteil: Alte erzählen immer dasselbe: Von früher! (Selbst in unserm Alter ist mancher schon alt.) Das erleichtert zumindest das Zuhören. Oder doch besser Melker. Kühe melken ist "irgendwie cool", wie man heute sagt. Vorm Melken musst du nur das Euter waschen und massieren. Das macht Spaß, weil es dort warm (nicht kühl!) ist. Die Kuhbrust wird durch die Massage hart, das hängt mit den Hormonen zusammen, was aber hier zu weit führen würde zu erklären. Jedenfalls läuft die Milch nach einer anständigen Massage von ganz alleine aus dem Euter. Du musst sie dann nur noch auffangen, am Besten mit einem Eimer. Hört sich zwar einfacher an, als das Geld von der Straße zu sammeln, aber heutzutage, noch dazu in 'ner Großstadt, ist es schon schwierig. Wen willst du hier melken? Na gut, wenn ich's mir recht überlege, fällt mir schon jemand ein. Vielleicht den da ...

In seinen Designerjeans, aus der sein Bauch oben rausquoll, sah er aus wie ein gottverdammter Touri. Bei mir reicht's nur zu Markenjeans, einen Bauch habe ich zwar auch, aber dafür bin ich von hier. Die Markenjeans, das nur nebenbei, kann ich mir auch nur leisten, weil ich neuerdings ab und an nach Amerika fliege, wo sie dir die Dinger förmlich hinterherschmeißen. Du musst nur wissen WO, aber das weiß ich als Taxifahrer natürlich. Der vermeintliche Tourist nannte mir das Fahrziel ganz leise. Ob du es glaubst oder nicht, aber zu leise ist noch nerviger als zu laut. Zu leise zu verstehen, ist, im Gegensatz zu zu laut, extrem anstrengend. Und weil das so ist, denkt jeder automatisch, daß es wichtig wäre, was jener zu leise zu sagen hat, was es oftmals aber gar nicht ist. Klingt einfach, musst du aber erstmal drauf kommen.

Meinem Fahrgast ging es wie mir, das verstand ich komischerweise auf anhieb. Er fährt normalerweise nie Taxi. Das liegt daran, daß er Taxifahrer nicht leiden kann, aber wer kann das schon. Überhaupt hatten wir viele Gemeinsamkeiten, doch dazu später. Er ist spät dran und seine Mutter hat heute Geburtstag. Ein japanisches Sprichwort sagt: "Wenn du es eilig hast, nimm einen Umweg." Und so machte ich es dann auch. Allerdings, und das wird jetzt einige überraschen, einen Umweg zu fahren, ist auch total anstrengend. Warum? Na weil du dir erstmal die kürzeste Strecke ausdenken musst, dann aber, darauf aufbauend, einen dazu passenden Umweg fahren. Doppelte Arbeit sozusagen, aber schwer zu vermitteln und selten belohnt. Im Prinzip wie mit dem zu leise Sprechen. Anstrengend, und oft die Anstrengung nicht Wert.

Doch zurück zu meinem Fahrgast, dem vermeintlichen Touristen, der aber in Wahrheit ein Autor war. Woher ich wusste, daß er ein Autor war? Ganz einfach, weil er mir sogleich was vorlesen wollte, und zwar aus seinem ersten Roman, den er seiner Mutter gewidmet hatte. Eigentlich schreibe er nur gegen Geld, ich würde schließlich auch nicht umsonst fahren. In dem Punkt musste ich ihm Recht geben. Das Problem an dieser Stelle war auch ein anderes. Wie bereits gesagt, ich kann nicht zuhören, und schon gar nichts zu Leisem. Aber das konnte der Autor natürlich nicht wissen. Woher auch? Ist schließlich kein Hellseher!

Nach dem Vorlesen, ich hatte kein Wort verstanden, was aber nicht am Text lag sondern am Autor, der auch zu leise vorlas, war der Autor durstig, weswegen er mich bat, am nächsten Späti zu halten und für ihn ein Bier zu kaufen. Er habe keine Kohle dabei, weil er gar nicht mit dem Taxi fahren wollte, ich solle mir aber keine Gedanken machen, seine Mutter würde am Ende alles bezahlen, schließlich hat sie heute Geburtstag. Glücklich, wer eine solche Mutter hat und nicht bei Vater Staat abhängt. Sein politisch korrektes Bier durfte sich der arme Autor aber alleine kaufen, übrigens auch das geschmacklich korrekte aus Bayern für mich. Da halfen auch seine Gegenargumente über die Verwerflichkeit des Freistaats und seiner Bewohner nichts - war schließlich mein Geld. In Sachen Bier verstehe ich keinen Spaß sondern nur Geschmack.

Eigentlich wollte der Autor nicht mehr trinken, aber jetzt müsse er, weil er und seine Freundin sich gerade getrennt hätten. Er solle sich keine Sorgen machen, ich wäre im Prinzip auch Alkoholiker, und nur das Taxifahren bewahre mich vor Schlimmerem, beruhigte ich ihn, während mich das edle Bayrische aus meiner Mini-Bar ganz gemein angrinste. Die Bayern sind auf jeden Fall "mit Vorsicht zu genießen" - das war klar. Und als ob er Gedanken lesen konnte, fügte der Autor hinzu, daß eine bayrische Kollegin ihm noch einen ganzen Monatslohn schulde. Das war nicht in Ordnung, keine Frage, aber was sollte ich sagen. Ich hatte bei meiner Ex mindestens zwei Jahresgehälter versenkt, und dabei kam gar nicht aus Bayern sondern aus Bulgarien.

Irgendwann, da war er sich sicher, würde er sich hinsetzen und mal so richtig was schreiben. Komisch, mir geht es genauso. Auch ich wollte mich irgendwann mal in mein Taxi setzen und so richtig Taxifahren - und nicht nur Kurzstrecken! Aber liegt es an mir? Und genauso wenig liegt es wohl am Autor. Oder etwa doch?

Am Fahrziel sprang er wie angekündigt aus dem Auto, um Geld von seiner Mutter zu holen. Als Pfand ließ er mir seinen Roman da und ich begann zu lesen. Was sollte ich sonst machen? Ich konnte nichts anderes machen! Ich las also seinen Roman, aber was musste ich da lesen? Unser Autor unterhielt sich offensichtlich die ganze Zeit mit sich selbst. Oder war es doch der Nachbar? Ich begann zu begreifen, wohin das mit dem Schreiben führen kann. Und, ich sage es ganz offen, es machte mir Angst.

Auf Seite 123 des Romans kam das Wort auf's "Wiederkauen" und offensichtlich verstand unser Autor nichts davon. Warum sollte "Wiederkauen" was Blödes sein? Ich meine, man muss sich das nur mal richtig anschauen, wie die Wiederkäuer das machen. Beispielsweise die Kuh. Die hat einen so großen Magen, da passt wahrscheinlich ein ganzer Autor rein, und zwar im Stück. Aber es ist eben nicht so, daß die Kuh die ganze Zeit nur kaut und dabei blöd aus der Wäsche schaut. Das stimmt nicht. Manchmal hält sie damit auch inne, pumpt dann das bereits Gekaute aus ihrem Magen zurück in ihr Maul, und kaut es erneut. Da ist es aber schon nicht mehr das, was die Kuh ursprünglich gefressen hatte. Und selbst das muss nicht schlecht gewesen sein, immerhin macht die Kuh daraus ihre gute Milch, die irgendwann in unserem Milchkaffee (heute Latte sowieso) landet. Gut, auch ich habe schon davon gehört, daß es Leute geben soll (kenne keinen persönlich), die Milch aus irgendwas trinken. Aber was sind das für Menschen? Haben die überhaupt noch Sex? Oder gibt es vielleicht schon Soja-Sex?

Irgendwann war ich durch mit der Korrektur und immer noch keine Spur vom Autor. Sollte ich mir vielleicht Gedanken machen? (Jetzt nicht um ihn, sondern um meine Kohle!) Ich nutzte die Zeit, all das aufzuschreiben, und ich schreibe das jetzt nicht, weil ich mich irgendwie wichtig machen oder gar den armen Autor ausnehmen will. Ganz und gar nicht, das musst du mir glauben. Auch die Uhr war seit langem ausgeschaltet. An allem (auch an diesem Kurzroman) ist nur der Autor schuld, der auf sich warten ließ. Oder tat er es gar mit Absicht? Wenn, dann war er ein ziemlich cleveres Kerlchen. Hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Genau als mir all dies durch den Kopf ging, klopfte es am Fenster. Es war der Autor mit Mutters Kohle. Keine Ahnung, wie lange er da schon gestanden hatte. Kein schlechter Roman, meinte ich zu ihm, als er bezahlte. Ich habe mir erlaubt, ein paar Kleinigkeiten zu korrigieren. Das Lektorat wird seit einiger Zeit völlig unterschätzt, bestätigte mir der Autor, was aber nur am Geld liegt. (Wozu gibt es Taxifahrer?!) Der Autor war übrigens gar nicht böse, daß sich mal jemand seinen Roman vorgenommen hatte. (Zumindest deutete ich seine Worte so, die ich aber nicht verstand, weil mal wieder viel zu leise.) Gut, "Ganz im Gegenteil!" zu sagen, wäre dann doch etwas übertrieben. Immerhin hatte der Autor den Roman für seine Mutter geschrieben. Vielleicht erlaubte ich mir deswegen mich mit den Worten "Alles Gute und ein langes Leben für deine Mutter" zu verabschieden. Genau weiß ich es aber auch nicht.

Sicherlich hast du Verständnis dafür, daß ich hier nicht den ganzen Roman "wiederkauen" kann (deswegen auch Kurzroman). Schließlich sollst du das Buch des Autors noch kaufen - irgendwann. Auch wollte ich weder alle meine Korrekturen noch die Stellen, wo sich der Autor offensichtlich anderweitig bedient hatte, mit Straße und Hausnummer benennen. Wie würde der Autor dann dastehen?! Immerhin - mein erstes Lektorat! Grund genug dies mit einem kühlen Bayrischen zu begießen, gekauft von einem Autor, bezahlt von …

Foto&Text TaxiBerlin

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