23.01.2013

PARALLELWELTEN (TEIL EINS)


Kurfürstendamm / früher Wilmersdorf / jetzt Charlottenburg-Wilmersdorf

Immer mehr Menschen leben heute in Parallelwelten. Damit meine ich nicht die in Neukölln, die jeder kennt. Die Parallelwelten, um die es in diesem Beitrag geht, sind vergleichsweise unbekannt. Aber, und das macht diese Parallelwelten so gefährlich, sie breiten sich endemisch aus und auch du kannst von ihnen heimgesucht werden. Ja es ist sogar sehr wahrscheinlich, daß du eines schönen Tages aufwachst und dich in einer Parallelwelt wiederfindest, ohne daß du davon etwas bemerkt hättest. Und, als wenn es nicht schon schlimm genug wäre, daß die bis dato existierenden Parallelwelten so gut wie unerforscht sind, nein, täglich kommen auch noch neue hinzu.

Parallelwelten gibt es überall: auf dem Buchmarkt, im Internet und natürlich auch im Taxi. Parallelwelten sind  Schweinwelten mit Zweidimensionalen Menschen, die als solche oft nur schwer zu erkennen sind, gerade weil sie so offensichtlich daherkommen. Als Definitiver Bullshit Detektor und Dreidimensionaler Mitmensch ist es meine Pflicht, auf die aktuelle Gefahr hinzuweisen. Obwohl ich über beide Beispiele bereits geschrieben habe, komme ich auf sie zurück, weil sie mehrere Parallelen aufweisen, die sie verbinden. Ich weiß, ich weiß - du wirst jetzt fragen: Wie kann eine Parallele, die Parallele heißt weil sie parallel verläuft, verbinden? Die Antwort ist ganz einfach: Was uns in der Realen Welt als unmöglich erscheinen mag, ist dort möglich - in der Parallelwelt.

Da haben wir zum Einen den Fall eines Autoren, der ein Buch über eine Wanderung quer durch die USA mit dem Untertitel "Zu Fuß durch Amerika" geschrieben hat. Dem Leser wird darin ein "einzigartiges Lesevergnügen" versprochen: "zu Fuß von Kanada bis Mexiko, drei Monate, 3500 Kilometer durch das Herz Amerikas." Die Wahrheit ist, daß der Autor große Teile der Strecke mit dem Auto gefahren ist. Und, jetzt kommt das Beste, dieses Buch ist ein Bestseller! Ein klarer Beweis dafür, daß sich Parallelwelten endemisch ausbreiten. In diesem Fall hat sich die Parallelwelt des Autors, eine Welt in der es völlig normal ist, daß man in einem Buch über eine Fußwanderung mit dem Auto fährt, direkt auf die Leser, die dieses Buch wie blöd kaufen, übertragen. Ohne allerdings, und das macht diese bisher unbekannte Parallelwelt so gefährlich, daß es dem Leser klar wäre. Ansonst würde er, genauso wie ich, das Buch als "Mängelexemplar" zurückschicken, und Aus wäre es mit dem Bestseller.

Dann haben wir zum Anderen den "Kollegen", der seine verstorbene Mutter "eine Verwandte" nennt. In seiner Parallelwelt ist diese Pietätlosigkeit sein "persönlicher Stil", der "vom Rest der Welt" geteilt wird. Vermutlich ist derselbe "Rest" gemeint, der auch das Buch des Autors kauft. Aber was steckt dahinter, wenn ein Kind zu seiner Mutter plötzlich "eine Verwandte" sagt. Eine schlimme Kindheit zweifellos. Oder doch mehr? Die verstorbene Mutter wird den "Kollegen" nicht gelehrt haben, sie "eine Verwandte" zu nennen.

Maria Weber schreibt in ihrem Artikel "Letzte Unruhe" in der Berliner Zeitung: Die Totenfürsorge ist gewohnheitsrechtlich Sache der nächsten Angehörigen. Diese zahlen die Kosten für die Bestattung. Weder prekäre Finanzen noch zerrüttete Verhältnisse entbinden Familien von der Pflicht. Gerichte urteilen, dass Verlagerung der Kosten auf die Allgemeinheit nicht tragbar ist. Soweit Maria Weber aus der Realen Welt Dreidimensionaler Menschen. Die Bezeichnung "eine Verwandte" anstelle von Mutter in des "Kollegen" Parallelwelt erscheint nun in einem anderem Licht, denn "eine Verwandte" ist nicht zwangsläufig "nächster Angehöriger" oder gar "Familie". Die eigene Mutter ist es in jedem Fall.

Der ansonsten offenbarungsfreudige "Kollege" lässt das Internet über ein mögliches Erbe im Unklaren. Das ist zumindest merkwürdig, da er sonst alles mit der Internetgemeinde zu teilen pflegt. Selbst wenn wir davon ausgehen, daß seine Mutter ihm nichts hinterlassen hat, bleibt die Frage: Was wäre wenn? Würde er sich dann um sein Erbteil genauso kümmern wie um die Beisetzung? Bei der, genau genommen bei den Kosten der Beerdigung, gibt es offenbar eine Finanzierungslücke. Nur, niemand weiß wie groß diese ist. Das mag uns ungewöhnlich erscheinen, aber wir dürfen nicht vergessen, daß wir uns immer noch in der Parallelwelt des "Kollegen" befinden.

Dreidimensionale Menschen der Realen Welt machen, nachdem sie den Verlust des Familienangehörigen betrauert haben, Kassensturz. Dreidimensionale Menschen gehen zu einem Beerdigungsinstitut, oder rufen mehrere an, um sich über die Kosten einer Beisetzung zu informieren. Dreidimensionale Menschen wissen, daß sie gewohnheitsrechtlich für die Beisetzung der nächsten Angehörigen aufzukommen haben, ohne den genauen Gesetzestext zu kennen. Für viele Dreidimensionale Menschen ist es mitunter schwer, das Geld aufzubringen, insbesondere nachdem die gesetzlichen Krankenkassen seit 2004 kein Sterbegeld mehr zahlen. Dreidimensionale Menschen borgen sich, so bitter das ist, oft das Geld bei Freunden und Bekannten, um ihre nächsten Angehörigen beisetzen zu können.

Was ein großer gesellschaftskritischer Text ("Ich kann meine Mutter nicht bestatten!") hätte werde können, oder auch nur der Besuch einer Talkshow im Privatfernsehen ("Hilfe, meine Mutter ist eine Verwandte!"), verkommt hier zu einem Schmierentheater im Internet ("Genötigt um des lieben Friedens willen"), indem sich der "Kollege" darüber beklagt, daß er in einer vergleichbaren Situation, allerdings bei Zweidimensionalen Nerds aus der Internetscheinwelt anstelle bei Dreidimensionalen Menschen aus der Realen Welt, genötigt wird, völlig "unnötig" einen Sozialhilfeantrag zu stellen, "ohne zu wissen, wofür." In beiden Punkten muss man ihm Recht geben. Ein solcher Antrag war und ist unnötig - allerdings nur in der Realen Welt! Nicht so in der Parallelwelt des "Kollegen".

PS: Eine weitere Parallele: Der "Kollege" schreibt auch, genauso wie der Autor. Ich bin mir sicher, daß auch sein Buch ein Bestseller wird. Der Bedarf ist auf jeden Fall da. Parallelwelten gibt es mehr als genug, und allzu oft fehlen die passenden Bücher dazu. Ich persönlich würde aber das Buch des "Kollegen, genauso wie ihn selbst, wegen der Ansteckungsgefahr nicht mal mit der Kneifzange anfassen.

Foto&Text TaxiBerlin

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