12.12.2012

BERLIN - ALLES IST MÖGLICH


Peter Bonev und seine Gaida (Bulgarischer Dudelsack)

ALLES IST MÖGLICH beschreibt das Lebensgefühl im Berlin der Neunziger in einem Satz. Wer damals hier war, weiß wovon ich rede. Es mussten noch keine Clubs wegen Klagen geräuschempfndlicher Anwohner schließen. Im Gegenteil: Es gab jede Menge Konzerte mit richtig lauter Musik, viele sogar kostenlos, in Clubs und Kneipen, in denen es noch nicht Mode war, den Putz von den Wänden zu kratzen, um die darunter liegenden Steine frei zu legen. Der Putz fiel von ganz alleine ab und auch Konzerte organisierten sich damals praktisch von selbst.

So auch der Auftritt einer der besten Dudelsackspieler Bulgariens, Peter Bonev, auf den ich zum ersten Mal Mitte der Neunziger in den Straßen der bulgarischen Hauptstadt Sofia traf, wo er unglaubliche Improvisationen bulgarischer Volkslieder darbot, die selbst von Bulgaren kaum wiederzuerkennen waren. Als ich Peter Bonev erzählte, daß ich Taxifahrer in Berlin bin, stellte er sogleich fest: "Wir haben eine gemeinsame Heimat: Die Straße!" Denn obwohl Peter Bonev große Konzerthallen füllen könnte, spielt er seit mehr als zwanzig Jahren lieber auf den Straßen und Plätzen in Sofia, Delhi, London, Paris Wien und Berlin; immer auf der Suche nach dem direktem Kontakt zu seinem Publikum.

Mit der Musik von Peter Bonev in der Hand und der verrückten Idee eines Konzertes in Berlin im Kopf betrat ich Ende '97 das Kulturhaus Mitte, was sich damals in der Rosenthaler Straße befand. Die junge Frau im Büro war nicht nur sehr schön sondern auch sehr interessiert an der Musik auf der Kassette. Bereits am nächsten Tag rief sie zurück: "Ja, wir machen das Konzert, wir kümmern uns auch um die Reklame!" - Das Konzert fand damals nicht statt. Berlin war bereit gewesen, aber Bulgarien nicht. Besucher aus dem Balkanland brauchten damals eine Einladung aus Deutschland, die oftmals beim Adressaten nicht ankam, weil sie schlichtweg gestohlen wurde.

Ende 2011. Das Kulturhaus Mitte gibt es nicht mehr, aber der Traum eines Dudelsackkonzerts in Berlin ist immer noch in meinem Kopf. Nun, im Neuen Berlin, ist es schwer einen Club zu finden, der dem Jimi Hendrix des Bulgarischen Dudelsacks, wie Peter Bonev auch genannt wird, eine Bühne bieten will. "Die Sache rechnet sich nicht! Wer kommt schon zu einem Dudelsackkonzert?" antworten alle Veranstalter monoton.

Aber es gibt noch einen Ort in Berlin, wo Künstler wie Peter Bonev ihre Musik zu Gehör bringen können. Das Konzert des Bulgarischen Dudelsackspielers findet statt, wenngleich fünfzehn Jahre später, und auch nicht im Kulturhaus Mitte, sondern im "Haus der Sinne" im Prenzlauer Berg. Der Auftritt von Peter Bonev im Dezember letzten Jahres in dem kleinen Club für "Künstler und Verlierer", wie sich das "Haus der Sinne" auch nennt, der von der Mode den Putz von den Wänden zu kratzen verschont geblieben ist, ist ein voller Erfolg und "Der Musik-Tip des Monats" der amerikanischen Musik-Journalistin Anouschka Pearlman.

Dezember 2012. Peter Bonev ist wieder in Berlin und beschallt Tag für Tag trotz Kälte und Schnee die Wilmersdorfer Straße, den Mauerparkflohmarkt oder die Oberbaumbrücke. Am 19. Dezember wird Peter Bonev sich und seiner Gaida, wie der Dudelsack auf bulgarisch heißt, im "Haus der Sinne" in der Ystader Straße 10 wieder die Ehre geben. Wer den Jimi Hendrix des Bulgarischen Dudelsacks letztes Jahr verpasst hat, sollte ihn sich diesmal nicht entgehen lassen. Und das nicht nur wegen der Musik, die selbst Leute berührt, die ansonsten nichts mit Dudelsackmusik anfangen können, sondern auch, um noch ein wenig vom Lebensgefühl der Neunziger in Berlin mitzuerleben: ALLES IST MÖGLICH.

Foto&Text TaxiBerlin

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