14.11.2011

MEIN BESTER FREUND


Dietrich Werneburg

Dietrich war nicht nur mein bester Freund, er konnte auch Lehrer sein und hatte durchaus Vaterqualitäten. Dietrich konnte aber auch lästig und unangenehm sein, denn er sprach unliebsame Wahrheiten offen aus - manchmal ohne Rücksicht auf Verluste. Das musste man abkönnen, oder besser: mögen; oder eben nicht.

Ich lernte Dietrich Anfang der Neunziger in Frankfurt am Main kennen. Danach verlor ich ihn für ein paar Jahre aus den Augen, bis er vor fünf Jahren in Berlin auftauchte. Die Surfpoeten kannte ich seit Mitte der Neunziger. Sie waren für mich die beste, allerdings auch die einzige Lesebühne, die ich je besucht habe. Irgendwann 2007 schleppte ich Dietrich zu ihnen in den Mudd-Club. Er war schwer genervt ob der Darbietung und auch mir fiel es schwer, die sterbenden Surfpoeten zu verteidigen.

Dann passierte Unerwartetes: Robert Weber von den Surfpoeten lud mich zum Lesen ein. Er kannte meinen Blog und er wollte mich, wie ich später erfuhr, testen, ob ich zum Surfpoeten tauge. Ich hatte keinen Bock und ich kann auch nicht surfen, aber vor allen Dingen hatte ich die Hosen voll. Dietrich war es, der mich vor das offene Mikrofon der Surfpoeten prügelte, was eine wichtige Erfahrung für mich war und außerdem das erste mit eigenen Texte verdiente Geld.

Es folgten Einladungen zum Essen, zum Radio machen und zu Partys. Robert, Dietrich und ich wurden Freunde. Dietrich konnte, wie bereits erwähnt, lästig und unangenehm sein, aber er drängte sich niemandem auf und er profilierte sich nur in Ausnahmefällen auf Kosten anderer. Das hatte er nicht nötig. Seine Analysen waren messerscharf und seine Texte anspruchsvoll. Wer etwas anderes behauptet, ist entweder ein Dummkopf oder ein Wirrkopf oder beides.

Wie jeder Mensch hatte auch Dietrich seinen Blind Spot, seinen blinden Fleck, der nicht verhandelbar war. Ich respektierte das, auch wenn es mir oft schwer fiel. Dietrich kannte meine Meinung und ich ließ ihm seinen Glauben. Das war unser Deal. Denn er lehrte mich den Meister Konfuzius, welcher sagt: "Irrglauben anzugreifen, das schadet nur." Und man ehrt den Lehrer am besten, indem man seine Lehre befolgt.

Dietrich war viel belesen und hatte einen weiten Horizont. Man könnte meinen, daß der Blind Spot eines solchen Menschen extrem klein sein müsste. Dem, das muss der Ehrlichkeit halber gesagt werden, war leider nicht so. Ob, wie im Falle von Dietrich, krankheitsbedingt oder nicht, sei dahingestellt. Es bleibt die Frage, ob die Größe des Blinden Flecks abhängig ist von der Größe eines Menschen oder nicht. Ich weiß es nicht.

Ich weiß auch nicht, ob Dietrich an meiner Stelle jetzt sagen würde: "Das Leben geht weiter!" Was ich weiß, ist, was ich sage und das ist: "TaxiBerlin fährt weiter!"

Danke Dietrich für all die schönen und anstrengenden Stunden mit Dir - ich vermisse sie und Dich!
Foto&Text TaxiBerlin

1 Kommentar:

  1. Hallo TaxiBerlin!
    Schönes Nachwort auf Dietrich! Die, die ihn mehr als oberflächlich kannten, werden ihn nie vergessen. Die Welt der "Übriggebliebenen" ist nun noch ein wenig trostloser geworden.
    Chris- Frankfurt

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