06.05.2011

"DER RICHTIGE BERLINER"


Hans Meyers Buch "Der richtige Berliner" ist ein Kind des Ärgers. Der Ärger ist oft Ausdruck der Liebe. Hans Mayer, vor achtzig Jahren Professor am Gymnasium zum Grauen Kloster, war ein geborener Berliner und ärgerte sich darüber, wie schlampig meist die Zugewanderten mit der Berliner Stadtsprache umgingen. Sie näherten sich ihr mit zu wenig Liebe, rissen sie in plumper Vertraulichkeit an sich und glaubten sie zu besitzen, wenn sie ihr ein paar drollige Äußerlichkeiten abgelauscht hatten. Er sah sein geliebtes Berlinerisch schon vor die Hunde gehen.

Nach Berlin kommen und die Sprache nicht sprechen können, gut; aber nach Berlin kommen, die Sprache nicht sprechen können und dann ein Wörterbuch über sie herausgeben, das grenzte an Frechheit. So setzte sich Hans Meyer mit seinen Freunden Otto Steinecke und Oscar Bartsch hin und schrieb in jahrelangen, heiteren Mühen ein Buch, das 1878 unter dem Titel "Der richtige Berliner in Wörtern und Redensarten" bei H.S. Hermann erschien, dessen Verlag, im Herzen des alten Berlin, nahe dem Spittelmarkt gelegen, das Buch dann fast fünfzig Jahre betreut hat.

Die sieghafte Kraft des Berlinerischen zeigte sich in den fünfzig Jahren nach 1871. Damals stieg die Einwohnerzahl von 825.000 auf vier Millionen. Die Zuwanderer kamen aus allen Himmelsrichtungen und allen deutschen Ländern. Alle diese Ostpreußen, Rheinländer, Schlesier, Polen, Alemannen, Kaschuben, Pommern und Mecklenburger wurden zu einem einheitlichen Volk durch die Berliner Sprache. Die unverwechselbare Art zu denken, die sich im Berlinerischen ausprägt, zog die Menschen an sich und hob ihre Gegensätzlichkeiten auf. Sich zusammenraufen ist eine Möglichkeit. Sich zusammenlachen ist noch besser. Das Berlinerische verführt zu einer humoristischen Weltsicht: "Uns kann keener - und im Ernstfall könnse uns alle!" Dies jedoch heißt nichts weiter, als daß für den Berliner der Humor dort weitergeht, wo für die anderen der Ernst schon den Humor abgelöst hat.

Aus dem Vorwort von "Der richtige Berliner in Wörtern und Redensarten" verfaßt von Hans Meyer weiland Professor am Grauen Kloster zu Berlin fortgeführt von Dr. Siegfried Mauermann und für die zehnte Auflage bearbeitet & ergänzt von Walther Kiaulehn.

PS: Überraschend ist, wie aktuell dieser Text daherkommt. Die Probleme mit den Zugezogenen damals, die sich in der Sprache zu erschöpfen scheinen, sind verglichen mit den heutigen banal. Angesichts dessen ist es nicht verwunderlich, wenn der Berliner den Zugezogenen eine gewisse Intoleranz entgegenbringt. Toleranz kann nur funktionieren, wenn beide Seiten sie praktizieren ...

PS TaxiBerlin

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