01.01.2011

MEINE LETZTE SILVESTERSCHICHT

Bahnhof Friedrichstraße / Nordseite

Ich fahre schon immer Silvester. Das letzte Mal, daß ich Silvester pausiert habe, dürfte knapp zehn Jahren zurückliegen. Damals feierten wir mit Bekannten ins neue Jahr. Nichts gegen die Bekannten, aber ich hatte immer das Gefühl, etwas auf der Straße zu verpassen. Seither hat sich viel verändert …

Daß einem die Fahrgäste zur Begrüßung ein „Gesundes Neues“ wünschen, ist komplett aus der Mode gekommen. Eigentlich kommt ein Spruch in dieser Richtung, wenn überhaupt, und oft ist es schwer, ihn als solchen zu identifizieren, nur noch von Leuten, die sich mit mir gut stellen wollen, weil sie es wagen, mir Silvester mit einer Kurzstrecke auf die Eier zu gehen, die sie, wenn ich Glück habe, aber passend bezahlen – einen ganzen Euro pro Nase!

Meine Meinung zu Kurzstrecken dürfte allgemein bekannt sein. An Sonn- und Feiertagen, nachts und insbesondere Silvester gehört sie abgeschafft. Die Kurzstrecke ist wie das Mittagsangebot beim Chinesen! Damit soll potentielle Kundschaft auf den Geschmack kommen. Und Mittagsangebot gibt es schließlich auch nur mittags – nicht am Wochenende, nicht nachts und vor allem nicht Silvester!

Dann diese ewige Quasselei mit dem Handy. Das ist in einhundert Prozent der Fälle überflüssiges Geseiere und geht in der Regel so: „Ich bin gerade in Berlin. Nein, nicht in Köln. In Berlin, sagte ich doch. Wir sitzen im Taxi auf den Weg in‘s Berghain. Das ist so geil dort. Vorher müssen wir noch in die Apotheke. Nein, Gleitcreme habe ich! Ha, ha, ha … Ich brauche noch Ohrstöpsel Schätzchen …“

Ich überlege ernsthaft, mir Aufkleber mit einem durchgestrichenen Handy anzuschaffen. Die Gespräche kenne ich alle schon, da kann nichts Neues mehr kommen. Was neu wäre, allerdings für meine Fahrgäste, daß diese Dummquatscherei eine Umweltverschmutzung ist, die sich einfach nicht gehört. (Früher fragte der Fahrgast, ob er das Handy benutzen darf oder ob es den Fahrer stört. Das weiß heute kaum noch jemand!)

Das Beste hätte ich fast vergessen: Mich hat es in der Silvesternacht mal wieder nach Spandau verschlagen, vom dem mein Taxilehrer behauptet hat, es würde sich kurz vor Hamburg befinden. Gestern bekam ich eine Ahnung davon, wie er das gemeint haben könnte.

In einer dunklen Spandauer Ecke winkten zwei Typen. Für mich gehörten die beiden zusammen. Ich hielt, wie sich das für einen ordentlichen Taxifahrer gehört, beim ersten Winker. Offensichtlich gehörten die beiden nun doch nicht zusammen. Der zweite nahm nämlich Anlauf und sprang dem ersten voll in die Seite, so daß beide im kalten Spandauer Schnee landeten.

Keine Ahnung, ob das kurz vor Hamburg immer so gehandhabt wird. Ich bin einfach weiter gefahren. Sollen die sich erstmal „sortieren“. Das müssen wir schließlich beim Taxifahren auch. Da kann auch nicht jeder dazwischenquatschen beim Ansprechen der Halteplätze – und schon gar nicht "dazwischenspringen" …

Diese hohe Idiotenkonzentration in meiner Silvesternacht hatte ein extremes linksseitiges Schädelbrummen – auch Migräne genannt – bei mir zur Folge. Es blieb mir nichts weiter übrig, als eine mehrstündige Schaffenspause einzulegen. Danach waren zwar immer noch jede Menge Spinner unterwegs, die sich aber vergleichsweise bedeckt hielten, was wahrscheinlich daran lag, daß es mittlerweile hell war und nicht nur sie, sondern auch ihre soziale Mängelkompetenzen besser zu sehen waren.

Als ich am späten Nachmittag noch ein neues Verbotsschild zur Kenntnis nehmen musste, wonach ich an der Taxihalte am Bahnhof Friedrichstraße neuerdings keine Fahrgäste mehr "entladen" darf, was sowieso nur Neujahr passiert, beschloss ich, daß dies definitiv meine letzte Silvesterschicht war.

Foto&Text TaxiBerlin

PS: Ich weiß nicht, wer es von euch mitbekommen hat. Die S-Bahn dünnt (schönes Wort!) seit heute weiter sein S-Bahn-Netz aus. Manche Bahnhöfe werden gar nicht mehr angefahren (beispielsweise Straußberg Nord). Ebenfalls seit heute gelten bei der S-Bahn aber auch höhere Preise. Der Einzelfahrschein AB kostet nun 2,30€ anstatt 2,10€! "Balkanisierung" – ick hör dir trapsen …

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