Hatte nun wirklich noch keiner zu mir gesagt. Erschwerend hinzu kam, daß er mir ohne zu bezahlen ausgestiegen war. Er, mein Fahrgast aus Bayern, den ich in seiner Straße, der Nürnberger – wo sonst, aufgelesen hatte. Nach Berlin sei er gekommen, weil er unsere Stadt missionieren wolle. Allzu weit sei er damit aber nicht gekommen, bestätigte er mir auf meine Nachfrage. (Man nennt dies auch die Bayern- bzw. Schwabenmission! Anmerkung des Autors)
Das sei aber auch kein Wunder, fuhr mein Fahrgast mit Migrationshintergund mit seinen Ausführungen fort. Schließlich sei ja allgemein bekannt, daß in Berlin die Dümmsten Menschen der Republik wohnen. Also an Menschenmaterial hätte unsere Stadt rein gar nichts zu bieten. Deswegen sei ja auch der Sarrazin weggegangen, weil der das auch erkannt hätte. Er sei auch nur hier, weil er hier nicht nur gut, sondern sogar besser als in seiner Heimat verdienen würde, der Gastarbeiter aus Bayern.
Mit ehrlicher Arbeit wird man nicht reich. Das ist eine einfache Wahrheit, die jedes Kind weiß. Und trotzdem gehen die meisten Menschen einer solchen nach. Zum einen sicherlich, weil ihnen aufgrund ihrer Ausbildung gar nichts anderes übrig bleibt. Andere wollen aber auch gar nichts anderes als eine einfache Arbeit haben, schließlich ist eine ehrliche Arbeit auch eine Frage der Ehre.
Mein Fahrgast, ein früh ergrauter Mitfünfziger, der Hochdeutsch nur mit bayrischen Einsprengseln zu sprechen vermochte, wollte übrigens in die Spielbank. Ich fragte mich, ober er mit seinen Klamotten dort überhaupt reinkommen würden, aber Gott sei Dank sind wir ja nicht in Bayern sondern in Berlin. Ich musste mir also keine wirklichen Sorgen um unseren Migranten aus Bayern machen.
Eine Frage hatte ich allerdings doch noch an ihn. Wenn er die Berliner alle so dumm findet und er selbst seine Mission als gescheitert ansieht, warum ist er dann überhaupt noch hier? Gibt es auf der ganzen Welt überhaupt soviel Geld, das ihn dies ertragen lässt? Und selbst wenn, ist der Preis, den er selbst dafür bezahlt, nicht doch zu hoch? Also mir kam die Situation, in der sich unser Bayrischer Gastarbeiter befand, irgendwie – Verzeihung – schizophren vor.
Und außerdem: Wieso macht er alles Geld fest? Was ist überhaupt Geld? Und gibt es nicht einiges, was man sich selbst mit viel Geld nicht kaufen kann? Wie wär’s mit Ehre, Glück, Gesundheit …? Übrigens: Gesundheit ist nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO nicht nur körperliches, sondern auch geistiges und soziales Wohlbefinde! Er machte auf mich jedenfalls einen sehr unglücklichen Eindruck. Und dafür bedauerte ich ihn – aufrichtig, und empfahl was ich in solchen Situationen immer empfehle: Geh doch einfach dahin (zurück), wo es dir besser gefällt. Geld macht eben doch nicht glücklich!
Hatte er mich verstanden? Keine Ahnung, er war mit einem Mal sehr ruhig geworden. Zum Glück war es nicht mehr weit bis zur Spielhölle und bis ich ihn los bin, unseren Bayernimport. Plötzlich, an der nächsten roten Ampel, reist er die Beifahrertür auf und macht sich mit den eingangs erwähnten Worten aus dem Staub.
Ich natürlich sofort hinterher. Für die versuchte Erschleichung der Beförderung bekam er gleich was auf die Pfoten von mir. In denen befand sich komischerweise bereits seine Geldbörse. Die ließ er vor Schreck fallen, so daß ich mich erstmal selbst bedienen konnte. Ich rundete den Fahrpreis großzügig auf, schließlich hatte ich ja auch noch eine Lebensberatung gegeben.
Das schien dem Berliner Bayern irgendwie nicht zu gefallen. Zumindest vernahm ich ein merkwürdiges Grunzen ganz in meiner Nähe. Daraufhin ließ ich nun seine Geldbörse fallen und bevor er sich nach ihr bücken konnte, bekam er von mir gleich noch einen Satz heiße Ohren mit der Bemerkung: „Für das asoziale Arschloch, du Spinner!“
Und die Moral von der Geschichte: Man kann auch ohne nett zu sein zu seinem Trinkgeld kommen.
PS: Außerdem ist Geld, auch Trinkgeld, wie wir gesehen haben nicht alles im Leben!
Text TaxiBerlin