13.10.2010

WELLNESSFAHRT ODER VORGESTERN IM TAXI


Der Herr im besten Mannesalter stieg mir in Charlottenburg ein, was nichts zu bedeuten hat. Komischerweise ging die Fahrt in den Ostteil der Stadt, was seltener vorkommt als umgedreht. Da er noch nicht mit seinem Handy beschäftigt war, konzentrierte sich seine Aufmerksamkeit auf meine Fahrweise. Offensichtlich fand er ausgerechnet diese nicht angemessen, was er allerdings nicht so artikulierte, wie es in Berlin üblich ist.

Irgendwann reichte es meinem Fahrgast und er bat mich um eine WELLNESSFAHRT, womit er sich als guter Rhetoriker enttarnte und sofort meine gesamte Aufmerksamkeit hatte. Es stellte sich heraus, daß er zu meiner Hauptzielgruppe, oder besser: zu meinen Lieblingsfeinden, gehört, nämlich zu denen aus dem "Ländle". Es gibt in Deutschland noch Bundesländer, da hat es nicht zu einem richtigen Land gereicht, weswegen sie ihr Bundesland "Das Ländle" nennen.

An seiner Aussprache hätte ich ihn nicht erkannt, die war rein hochdeutsch. Das ist aber ganz typisch für Leute aus dem "Ländle". Man will schließlich nirgendwo auffallen, um nicht in Gefahr zu kommen, daß die Sache ein "Geschmäckle" hat. Bis zu diesem Punkt sah mein Fahrgast das genauso, auch wenn er selbst nicht in Berlin lebe, obwohl er hier eine Agentur hätte.

Just in diesem Moment rauschte ich über die ehemalige Zonengrenze am Potsdamer Platz. Ich war schon wieder viel zu schnell, was mein "Schwäbele" aber immer noch nicht offen zu kritisieren wagte. Vielmehr bat er mich angesichts seines Hämorrhoidalkatarrhs, doch bitte sehr die Geschwindigkeit ein kleines "Stückle" zu reduzieren, was ich sofort in die Wege leitete.

Die Geschwindigkeitsreduktion hatte zur Folge, daß zwar der Weg in den Osten nicht weiter aber die dafür erforderliche Zeit länger geworden ward, die es nunmehr mit Gesprächsstoff, sprich These +/- Antithese = Synthese, zu füllen galt. Meiner Beobachtung, daß der Schwabe in seiner Berliner Agentur nicht wie früher aus Scheiße sondern aus Nichts Gold zu machen versucht, konnte von meinem "Männle" nichts wirklich entlastendes entgegengesetzt werden.

Meiner Vermutung, daß Schwaben in ihrer Berliner "Agentürle" nur Schwaben einstellen, wurde durch meinem Schwäbischen Fahrgast allerdings energisch widersprochen. Der Grund dafür leuchtete sogar mir ein: Der Schwabe umgibt sich ungerne ausschließlich mit Schwaben, weil zu viele Schwaben in seiner Umgebung ihn irre machen. Da es mir in meinem Kietz ähnlich geht, musste ich ihm zwangsläufig recht geben.

Neu war mir allerdings, daß der Schwabe genauso empfindet. Andererseits aber auch logisch. Warum sollte ein Schwabe sonst nach Marzahn ziehen? OK, dafür gibt es noch einen anderen Grund, auch wenn man ihn nicht wirklich ernst nehmen kann: Der Schwabe will kein Schwabe mehr sein sondern ein Ossi werden. Auf den ersten Blick ein netter Ansatz. Aber ist der Schwabe im Banat etwa Rumäne oder Serbe geworden?

Nein! Vielmehr mussten wir unter Helmut Kohl die Banater Schwaben als sogenannte Volksdeutsche für teuer Geld zurückkaufen. Zugegeben, das war noch zu D-Mark Zeiten. Ich will gar nicht daran denken, was uns der Freikauf der Marzahner Schwaben in EuroTeuro kosten wird ...

Doch zurück zu meinem Fahrgast, der meiner These in Sachen Schwäbischer Schweißagentur zu widersprechen wagte. Das muss man sich mal vorstellen: In meiner Taxe wird mir als Berliner Taxifahrer von einem Schwäbischen "Importle" widersprochen. Wer mich kennt, der weiß, daß ich mir das im Normalfall nicht bieten lasse. Ich habe nämlich keinen "Klärungszwangle", wie manch Kollege aus dem "Ländle", sondern ich habe immer Recht!

Bei mir ist der (zahlende! und nicht Kurzstrecke fahrende!) Fahrgast zwar König, aber in bin der Kaiser! Vor allem bin ich aber der Fahrer, der seinen Fuß je nach Bedarf am Gaspedal oder an der Bremse hat. Das wusste offensichtlich mein "Fahrgästle" nicht, denn der plauderte munter weiter über seine Agentur, und daß er dort eben nicht nur Schwaben sondern auch Bayern, Hessen, Hamburger und sogar Ossis eingestellt hätte.

In diesem Moment wurde mir eines klar. Mein "Schwäbele" meinte das wirklich ernst mit dem "Multikulti"! Aber warum? Weil es ihm einfach nur darum geht, daß jemand seinen Job ("schaffe schaffe, Häusle baue") macht, sich an Verabredungen hält, und eben nicht dieses ignorante Ding der Achtziger: "Das geht mich nichts an!", praktiziert.

Ob du es glaubst oder nicht: Der Schwabe an sich ist mir vorgestern in meinem Taxi ein ganz klein wenig ans Herz gewachsen. Wer mir das nicht abnimmt, dem sei gesagt, daß ich mich während der Rest der Fahrt nahezu durchgängig an die vorgeschriebene Geschwindigkeit gehalten habe. Ich sage Dir auch warum! Mein Schwäbischer Fahrgast hatte zum Schluss doch noch gelernt, wie man hier den Fahrer auffordert die Geschwindigkeit zu reduzieren:

"Chef, ich hab's nicht eilig!"

Text TaxiBerlin

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