29.08.2010

ERWISCHT

Heute morgen haben sie uns erwischt, meinen Cousin und mich. Jetzt nicht wegen dem Strychnin gegen die Siebenschläfer. Und auch nicht wegen der Geschichte mit dem Esel. Damit haben wir nicht nur nichts zu tun - davon wissen wir gar nichts! Das ist Sache des Künstlers.

Nein, die Polizei hat uns erwischt beim Mofa fahren. Gleich mit zwei Fahrzeugen haben sie uns gestoppt. Eins kam von vorne und das andere von hinten. Die haben uns regelrecht eingekreist, und zur Seite kamen wir auch nicht mehr weg. Um ehrlich zu sein: Ich wäre da noch vorbei gekommen ...

Aber ich will meinem Cousin keinen Vorwurf machen. Ein bisschen war es auch meine Schuld. Hinten auf dem Mofa stehend hatte ich schon den besseren Überblick. Irgendwie muss ich einen Moment gepennt haben. Lag es an der Kleinen, die da vorm Cafe stand? Ich weiß es nicht mehr genau. Jedenfalls, wie das im Leben manchmal so ist, vorbei war's mit der vorausschauenden Fahrweise.

Wer konnte denn auch ahnen, daß die Polizei in Bulgarien ausgerechnet Sonntag morgen solchen Alarm macht und sich gleich mit zwei Fahrzeugen auf zwei kleine Mofafahrer stürzt. Gut, die Polizeiautos waren echt - richtige Opel Astras! Das hätte ich als Berufskraftfahrer vorausschauend nicht nur sehen, sondern förmlich riechen müssen.

Auf jeden Fall haben die uns beide sofort in Arrest genommen. Getrennt natürlich. Das Polizeipräsidium war dummerweise gleich um die Ecke. Ich wusste nun allerdings nicht, wie mein Cousin den Fall schildern würde. Also musste ich mir irgendetwas einfallen lassen:

Erst wollte ich ihnen die Geschichte mit dem Esel erzählen, was mir aber dann doch zu abwegig erschien. Deswegen entschied ich mich für die Friedhofsgeschichte. Sowas kommt doch normalerweise immer an, hoffte ich. Ich tat also so, als wären wir gerade vom Friedhof gekommen, wo wir nächtliche Grabpflege betrieben hätten. Das mit der Motorsense ließ ich weg. Die hatten wir auch gar nicht dabei. Auf dem Mofa war ja nicht mal Platz für uns zwei.

Die Polizisten waren sogleich interessiert, was mich etwas irritierte. Als sie dann auch noch ihren Chef informierten, war ich mir nicht mehr sicher, ob ich die Sache nicht vermasselt hatte. Kurz darauf kam der Chef dann auch noch persönlich. Jetzt wurde ich echt unruhig. Was hatte ich getan? Würde ich die Bulgarische Sonne je wiedersehen? An die Berliner wagte ich schon gar nicht mehr zu denken.

Der Chef hörte sich die Geschichte mit dem Friedhof nochmal komplett an - von A bis Z. Ich konnte nun nichts mehr verändern, die beiden anderen Bullen hatten sie ja bereits schon mal gehört. Nachdem ich fertig war, gab es eine kleine Pause. Der Chef machte ein merkwürdiges Gesicht. Was würde als nächstes passieren? Seine linke Hand griff nach Handschellen an seinem Gürtel, die rechte suchte die Pistole ...

Beides war noch da: die Handschellen und die Pistole. Offensichtlich auch am rechten Fleck. Nun ging sein Blick in meine Richtung. Auch ich saß immer noch auf dem selben Fleck direkt vor ihm. Er sah mir scharf in die Augen, als er mich ansprach. Von welchem Friedhof in welchem Dorf ich denn überhaupt reden würde, wollte er von mir wissen. Ich sagte ihm den Namen. Ob ich denn auch, nun nannte er mir den den Namen eines Nachbardorfes, kennen würde. Na klar, das ist doch gleich das nächste Dorf nach dem, wo wir auf dem Friedhof waren.

Richtig, stellte der Chef fest, um mir sogleich zu gratulieren. Aber wozu? Daß ich das andere Dorf richtig erraten hatte. Nein, natürlich nicht. Glückwünsche deswegen, weil wir uns Sonntagnacht auf dem Weg zur Grabpflege gemacht hätten. Das sei nicht selbstverständlich in Bulgarien, wo sich jeder mehr und mehr nur noch um seinen eigen Kram kümmern würde.

Der eine Bulle hatte den Raum verlassen und kam mit einer halbvollen Plastikflasche wieder. Dem Farbton nach, konnte das kein Wasser sein. Ich hatte recht. Ein Gläschen RAKIJA stand bereits vor mir auf dem Tisch. Man sei stolz auf meinen Cousin und mich. Vor allem aber auf mich, weil ich doch diesen weiten Weg von Deutschland gekommen sei! Darauf: PROST und НА ЗДРАВЕ!

Und wegen dem Mofa solle ich mir keine Sorgen machen. Das stehe bereits zusammen mit meinem Cousin vor der Tür vom Polizeipräsidium und warte auf mich. Fahren dürften wir jetzt allerdings nicht mehr, belehrten sie mich noch. Ich hatte ja getrunken ...

Foto&Text TaxiBerlin

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