24.08.2010

AUF DEM FRIEDHOF


Eigentlich wollte ich letzte Nacht Schrott sammeln gehen. Ich bin dann aber doch nur bis zum Friedhof vom Nachbardorf gekommen. Dort liegt einer meiner Väter begraben und die Grabstätte musste mal wieder sauber gemacht werden. Der ganze Friedhof gleicht einem Dschungel. Wege gibt es nicht, und wenn man noch nie dort war, hat man kaum eine Chance, irgendeine bestimmte Grabstätte zu finden.

Das Ableben meines Erzeugers jährt sich erst zum neunzehnten Mal die Tage. Er ist auch nur sechzig geworden. Die Hälfte davon war er von irgendwas abhängig, geraucht hat er bereits vorher wie ein Bitterfelder Chemieschlot. Sein frühes Ende kam somit nicht völlig unerwartet damals. Unerwartet waren nur die Umstände seines Ablebens. Ausgerechnet von seinem kleinen Heimatdorf aus, das er viele Jahre nicht aufgesucht hatte, ging er auf seine letzte Reise.

"Zum Glück", muss man heute sagen, ist er nicht in Deutschland gestorben. Vielleicht wäre ich oder einer meiner Brüder dann noch auf die Idee gekommen, die Beisetzung nicht selbst bezahlen zu wollen. Gründe dafür hätten wir alle genug gehabt. Und selbst wenn! Hätte es dann einer von uns an die große Glocke gehängt? Ich weiß es nicht ...

Neulich hab ich noch mit meinem Cousin über diese Möglichkeit in Deutschland gesprochen. Der hat erst gar nicht verstanden, wovon ich überhaupt rede. Dann hat er mit dem Kopf genickt, was dasselbe wie Kopfschütteln bei uns ist, das Gesicht verzogen, als hätte er gerade in was Saures gebissen, und irgendwelche zwar passenden aber unverständlichen Laute von sich gegeben.

Wie gesagt, ich hatte damals auch noch ein paar Rechnungen offen mit meinem alten Herrn. Aber manche Rechnungen können eben nicht auf Heller und Pfennig beglichen werden, zumindest nicht im Diesseits. Einige Rechnungen nimmt man wohl mit ins Grab ...

Mir hat es letzte Nacht jedenfalls höllischen Spaß gemacht, mit einer Motorsense die Grabstätte meines Vaters zu bearbeiten und dabei etwas die Totenruhe zu stören. Für die Beleuchtung hat übrigens mein Cousin gesorgt.

Text TaxiBerlin

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