12.07.2010

Meine neuen Nachbarn

In meiner Straße wohnen seit Neuestem Leute parterre, die den ganzen Tag vor ihrer Wohnung rumsitzen. Dabei trinken sie Unmengen an Bier, labern jede Menge dummes Zeug und, was das Schlimmste ist, beschallen alles mit den Liedern meiner Jugend. Bei dem Wetter ist es absolut verständlich, wenn Leute ihr Wohnzimmer auf den Gehweg verlagern. Das war im Berlin der Neunziger völlig normal. Nur haben die Leute damals schnell begriffen, daß sie nicht mehr auf ihrem Dorf sind, wo nur dreimal am Tag jemand vorbeikommt. Der Dauerslalom um die neuen Nachbarn nervt jedenfalls gewaltig.

Normalerweise sind die Zugezogenen, die mit ihren Strandstühlen und ihren Designerkinderwagen den Gehweg blockieren, Zielgruppe meiner Hasstexte. Meine neuen Nachbarn haben zwar keine Strandstühle und auch keine Designerkinderwagen, sind aber auch nur Zugezogene, die vor allem eines tun: Rumnverven. Offensichtlich ist das die Eigenschaft, die alle Zugezogenen gleichermaßen auszeichnet, egal ob selbsternannte Autonome oder letzte Spießer.

Meine neuen Nachbarn verbringen viel Zeit auf allen möglichen Ämtern, wo sie die nötigen Finanzen für Bier, Miete und Musik abgrabbeln. Das Ganze hat den Vorteil, daß sie in dem Moment nicht den Bürgersteig vor ihrer Parterrewohnung beschallen und blockieren können. Das ist der Unterschied zu den zugezogenen Spießern, die blockieren nämlich permanent mit Mac in Strandstühlen sitzend und den Designerkinderwagen vor sich her wippend den Gehweg.

Dieser Punkt der Permanenz, der eindeutig für die selbsternannten Autonomem spricht, wird allerdings dadurch mehr als wettgemacht, daß mir die letzten Spießer nicht vorschreiben, welche Fahne ich raushängen darf und welche nicht. Schließlich schreibe ich auch niemandem vor, wer Ton Steine Scherben hören darf und wer nicht, obwohl ein solches Musikverbot meiner Meinung nach viel mehr Berechtigung hat als ein Schlandverbot.

Später, wenn nicht nur die letzten Spießer sondern auch die selbsternannten Autonomen schon im Bett liegen, ziehe ich nochmal los um die letzten leeren Flaschen einzusammeln. Bei den Spießern ist meist nichts zu holen. Entweder sind sie einfach zu ordentlich oder es sind alles Schwaben. Oder beides. Keine Ahnung, ist mir auch egal. Für mich ist das purer Geiz.

Bei den Autonomen stehen dagegen immer jede Menge leerer Bierflaschen rum, was eigentlich in der finalen Punktewertung für sie sprechen müsste. Wenn, ja wenn das Leergut nicht von uns allen bezahlt wäre, aber eben nur von den selbsternannten Autonomen abgegrabbelt wurde. In dem Fall wird aus missverstandener Großzügigkeit billige Arroganz, die mich regelrecht zum Spießer werden lässt.

Text TaxiBerlin

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