21.07.2010

Der König der Flaschensammler

Mancher weiß nicht, wie reich er ist, bis er erfährt, was für reiche Menschen an ihm noch zu Dieben werden.

Friedrich Nietzsche

Viel hatte ich schon von ihm gehört und so manches auch schon über ihn geschrieben. Trotzdem war die Überraschung groß, als er plötzlich vor mir stand: Der selbsternannte König der Flaschensammler.

Ich traf ihn am Mülleimer. Natürlich war er, wie es sich für den König der Flaschensammler gehört, vor mir da und hatte bereits alle Flaschen und Dosen in seine dafür vorgesehene atmungsaktive Tasche verstaut. Selbst wenn wir gleichzeitig dagewesen wären, hätte ich den kürzeren gezogen. Sein spezieller Flaschengreifer in der rechten, den er zur Not mit der teuren McLight in der linken verteidigt, hätte bereits alle in der Mülltonne vorhandenden Flaschen am Haken gehabt, bevor ich überhaupt meine Hand nach ihnen ausgestreckt hätte.

Seine Schicht war so gut wie zu Ende. Sein Sack war bereits gut gefüllt und er suchte offensichtlich jemandem zum reden. Ich musste kurz an Nietzsches Zarathustra denken, der hinausging in die Einsamkeit und irgendwann zurückkam weil er voll war von Weisheiten, die unter anderen Umständen eine eigene Religion begründet hätten. Aber mit dem selbsternannten König der Flaschensammler hatte mal gerade ein paar Tage niemand gesprochen, so daß ich nicht unbedingt das Selbe von seinen Auslassungen erwartete. Er hätte es auch nicht leicht. Neulich hätte er hunderttausend beim Zocken an der Börse verloren. Das alles nur, weil sich die Zusagen für Finanzspritzen der Bundesregierung an ein Unternehmen plötzlich als fiktiv herausgestellt hätten und daraufhin der Kurs einbrach.

[Fast hätte ich ihn bereits an dieser Stelle unterbrochen. Hatte ich doch gerade erst kürzlich meine eigenen Erfahrungen mit einer fiktiven Fluggesellschaft gemacht. Ich habe aber nur hundert Euro verloren, und so ließ ich ihn fortfahren.]

Grundsätzlich sei er ja links, was man an seiner politisch korrekten Flaschensammlerausrüstung erkennen würde. Aber wenn der Staat nunmal etwas zu verschenken hat, warum sollte er da nicht zugreifen. Das empfehle er übrigens jedem, wohl wissend, daß nicht jeder kurz mal hunderttausend flüssig machen kann, um am nächsten Tag hunderttausend plus hundert Euro Gewinn abzukassieren. Wenn es jeder könnte, wäre das Schneeballsystem auch schon viel früher zusammengebrochen. So war aber selbst er vom Zusammenbruch und vom plötzlichen Verlust seiner gesamten Ersparnisse überrascht.

[Ich fragte mich: Dachte er wirklich, er könne Gold machen? Weiß er denn nicht, daß am Ende immer irgendjemand bezahlen muss?]

Er verdiene eigentlich ganz gut als Sachbearbeiter im Hartz Vier Amt. Nun geht sein ganzer Lohn aber für seine laufenden Verbindlichkeiten drauf. Mit dem Flaschengeld leistet er sich ein klein wenig Luxus wie Senf oder Ketchup. Dabei hatte er seit drei Jahren gar kein Urlaub mehr gemacht und sogar eine Einladung zur Fußball WM sausen lassen. Er wollte eben nichts an der Börse verpassen. Zockte er früher jeden Tag vor und nach der Arbeit im Internet, so sammelt er heute zur selben Zeit Flaschen. Wenn es schlecht läuft auch schon mal die ganze Nacht durch.

Eigentlich seien die Ossis an der ganzen Misere schuld. Als alter Westberliner hatte er den Ostdeutschen den Fall der Mauer, aber vor allem den Solidaritätszuschlag, immer noch nicht verziehen. Er wähle zwar die Linke, aber in den Ostteil der Stadt verirre er sich nur selten. Und wenn, dann schließe er sein Fahrrad immer mit zwei Schlössern ab. (Selbst in seiner Wohnung sichert er es mit einem Schloss.) Nur in Neukölln nehme er drei Schlösser, was aber unter uns bleiben müsse, weil es politisch nicht korrekt wäre.

[Mich überraschte weniger der Gebrauch von drei Schlössern, sondern der des Wortes Ossis. Weiß er denn nicht, daß Ossi (im Gegensatz zu Wessi) ausschließlich negativ besetzt ist und demzufolge, wenn überhaupt, nur von Ossis zur Bezeichnung Ihresgleichen benutzt werden darf?]

Aber die Zahlen, auch in seiner Behörde, sprechen nun einmal dafür, daß bildungsferne Migrationshintergründler mehr Schaden anrichten als bildungsferne Ostbrote. Das läge aber nicht an den Migrationshintergründlern, sondern an den Zahlen. Von den bildungsfernen Migrationshintergründlern gibt es einfach mehr, wofür aber der Migrationshintergründler an sich gar nichts kann. Schuld sind die Zahlen! Denn wovon es mehr gibt, da ist eben auch der Schaden größer. Das wäre wie mit den Heuschrecken. (Allerdings stellen sich die Kollegen auf’m Amt hinter vorgehaltener Hand auch schon mal die Frage, ob es noch zeitgemäß ist, alles mit der Bildungsferne zu entschuldigen.)

[Der Migrationshintergründler von heute in allen Ehren. Aber sind die aus dem Osten Deutschlands nicht die mit dem einzig wahren Migrationshintergrund? Warum? Na weil doch ihr ganzes Land heute gar nicht mehr existiert, um im Notfall dorthin zurückzugehen!]

Jetzt, wo er selbst um jede Flasche kämpfen muss, und ihm auffällt, daß er noch keinen Konkurrenten mit Migrationshintergrund ausgemacht hat, fragt er sich schon: Wie kann das sein? Schützt Bildungsferne vielleicht vorm Flaschensammeln? Und er gehe sogar noch einen Schritt weiter: Wenn bei dem Einen Bildungsferne die Ausnahme und beim Anderen aber die Regel ist, ist dann Bildungsferne überhaupt noch als Erklärung zulässig? Das müsse aber unter uns bleiben. So etwas dürfte er in seiner Position nicht einmal denken.

[Früher war das anders. Da durfte man zwar alles denken, aber nicht alles sagen. Heute ist das umgedreht. Irgendwie hängt das mit dieser politischen Korrektheit zusammen. Aber wie?]

Früher träumte er von einer Immobilie im Grunewald. Heute wäre er froh, wenn er selbst Hartz Vier beantragen könnte und nicht mehr Flaschen sammeln müsste. Früher hat er bei der Partnerwahl immer darauf geachtet, daß seine Rente bei einer möglichen Ehe nicht in Gefahr gerät. Heute wäre er froh, mal eine Frau kennenzulernen, die ihn einfach liebt und nicht gleich an ihre Rente denkt.

[Jetzt konnte er einem fast leidtun. War das wirklich der selbsternannte König der Flaschensammler? Oder einfach nur eine Flaschensammlerlusche?]

Das schlimmste wäre aber, daß die Konkurrenz das mit dem Flaschen sammeln nicht so sportlich sieht wie er. Die bekämen ja ihr Hartz Vier und sammeln einfach so drauflos, um damit aufzustocken. Eigentlich sei er ja für ein bedingungsloses Grundeinkommen, aber in dem Fall, wo es das nicht gibt und er selbst kein Hartz Vier bekommt sondern sein Gehalt, was aber gleich wieder für seine Verbindlichkeiten draufgeht, sei die ganze Konkurrenz unfair. Da ist er zu sehr Sportsmann, und das Flaschensammeln für ihn ein Wettbewerb!

[Ich verstand ihn nicht. Worauf wollte er hinaus?]

Ich zeig die alle an, wenn sie das Flaschensammeln nicht als Nebenverdienst angeben. Ich sitze doch im Amt, also an der Quelle. Manchmal geht es zwar vor Gericht, aber in der Regel haben sie keine Chance. Entweder lassen sie dann das Flaschen sammeln sein, oder ich streiche ihnen Hartz Vier – so einfach ist das!

[Und damit kommt er durch? Hat noch keiner versucht ihm ein paar …, also außergerichtlich?]

Außergerichtlich? Wie soll das aussehen?

Pass auf, ich zeig’s dir: KLATSCH

Text TaxiBerlin

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen