16.07.2010

Balkanisierung

Eine meiner Grundthesen ist, daß Westeuropa nicht den Rest der Welt europäisiert, sondern daß Europa vom Rest der Welt balkanisiert wird. Das kann man gut finden oder eben nicht, an der Tatsache ändert es nichts. Demjenigen, der immer noch Zweifel hat, gebe ich folgende Punkte zu bedenken: nicht eingebauter Stahl in U-Bahnen, gefälschte Prüfberichte für Bremsen, fiktive Fluggesellschaften … (diese Aufzählung ließe sich endlos fortsetzen), bis hin zu falschem Jägermeister!

Nun bin auch ich persönlich von der Balkanisierung betroffen, und ich meine jetzt nicht durch den falschen Jägermeister. Vor ein paar Wochen bereits kaufte ich mir Flugtickets bei einer Fluggesellschaft, die, wie sich jetzt herausgestellt hat, gar keine eigenen Flugzeuge besitzt. Angeblich sollten diese, also die nichtvorhandenen Flugzeuge, ab Schönefeld starten, stattdessen wurden in der Vergangenheit sämtliche Fluggäste der fiktiven Fluggesellschaft regelmäßig auf andere, wirklich existierende, Fluggesellschaften umgebucht und starteten ab Tegel.

So ein alter Ganoventrick geht eine Zeitlang gut. Spätestens jetzt zur Urlaubszeit ist den anderen Fluggesellschaften aber wohl aufgefallen, daß die fiktive Fluggesellschaft, also die ohne eigene Flotte, für die umgebuchten Fluggäste nicht bezahlt hat, was dazu führt, daß die anderen Fluggesellschaften es nunmehr vorziehen, ausschließlich ihre eigenen Fluggäste zu befördern, was man mehr als verstehen kann.

Rein zufällig habe ich gestern den Eigentümer der fiktiven Fluggesellschaft aus einem Fünf Sterne Hotel am Brandenburger Tor kommen sehen. Ich wusste ja, daß er in Neukölln wohnt, umso überraschter war ich ihn am Adlon anzutreffen. Mit freiem Oberkörper und Sporttasche in der Hand, vermutlich war er zum Fitness dort, trat er auf den Wagenmeister zu. Autoschlüssel und etwas Kleingeld wechselten den Besitzer, und eh ich mich versah, stand ich in der Qualmwolke seines davonfahrenden Mercedes-Cabrios.

Was ich noch wahrnahm, waren die vielen Tätowierungen auf Businessmanns Body. Die waren, so schlecht wie sie waren, eindeutig im Knast gestochen. Dazu brauchte es keines Kennerblicks. Sogleich fiel mir ein Fernsehbericht über ehemalige Mafiagrößen ein, die heute als seriöse und teilweise sogar generöse Geschäftsleute unter uns leben, was nicht heißt, daß es heute gar keine Mafia mehr gibt in unserem Land.

Man kann die positiven Fälle auch als erfolgreiche Resozialisierung betrachten. Beispielsweise wenn einer in der Vergangenheit Schutzgeld erpresst hat, und dir heute eine korrekte Versicherung für deinen Laden verkauft. Oder ein anderer, der an sämtliche Aktien eines ehemalig Volkseigenen Betriebes gekommen ist, indem er auch vor Mord nicht zurückgeschreckt hat, dir aber heute ordentliche Produkte dieser/seiner Aktiengesellschaft verkauft.

In diesen Fällen könnte man wirklich von einer Europäisierung reden. Ich meine, mich interessiert doch nicht wirklich wie der zu seiner Kohle oder zu seinen Tätowierungen gekommen ist. Das würde mich doch bei einem deutschen Geschäftsmann beispielsweise auch nicht interessieren.

Ich beklage auch nur, wenn der Businessmann in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wieder in alte Muster zurückfällt und damit auch Vorbildwirkung für andere, bisher ehrliche, Geschäftsleute hat. Dieser Prozess der Umkehrung, oder mit einem Wort: Balkanisierung, ist aber in vollem Gange.

Text TaxiBerlin

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