30.10.2009

Flaschennachtautomat


Sie gehen daher wie ein Schatten

Und machen sich viel vergebliche Unruhe;

Sie sammeln und wissen nicht

Wer es einbringen wird.

Psalm 39 Vers 7



Vorletzte Nacht hätte ich fast einen von diesen Flaschensammlern überfahren, zumindest dachte ich anfangs, dass es einer wäre. Durch die Zeitumstellung wird es ja nicht nur früher dunkler, sondern der Himmel ist schon seit Tagen auch nachts nur noch bedeckt und der Mond, der angeblich langsam wieder zunimmt, ist überhaupt gar nicht zu sehen. Es war auch schon ziemlich spät, ich war abgegessen von der Schicht und eigentlich auf dem Weg nach hause. Plötzlich tauchte er zwischen zwei Autos, für mich aus dem Nichts heraus, vor meinem Wagen auf. Da half nur noch voll in die Eisen gehen und beten, denn es regnete schon einige Zeit und die Fahrbahn war nass.

„Punktlandung“, sagte der Typ etwa in meinem Alter zur Begrüßung, um dann sogleich „Kurzstrecke“ hinzuzufügen. Ich war stinksauer auf meinen plötzlichen Fahrgast, der es sich mit seinen zwei Plastiktüten voll mit leeren Flaschen bereits in der Zweiten Reihe bequem gemacht hatte. „Sag mal, findest du das in Ordnung mir so einen Schrecken einzujagen so kurz vor Feierabend, und alles nur wegen einer Kurzstrecke?“, schiss ich ihn gleich erstmal zusammen, um ohne ihn zu Wort kommen zu lassen hinzuzufügen: „Was haste denn da drin in deinen Plastiktüten? Doch nicht etwa leere Flaschen, mit denen du mir meine goldenen Fußmatten voll kleckerst? Siehst doch gar nicht aus wie ein Flaschensammler!? Und wo soll es überhaupt hingehen?“

Eigentlich sei er ja Journalist, also jetzt nicht Wallraff oder so was. Das fülle ihn aber nicht aus. Deswegen zockt er auch gerne mal an der Börse. Angeblich hat er da auch schon seine Schäfchen ins Trockene gebracht, und jetzt wollte er noch mal was anderes machen. Da sei er eben auf’s Flaschen sammeln gekommen. Wäre schließlich eine ehrliche Arbeit, allerdings nicht ganz sauber. Wegen meiner Fußmatten müsste ich mir keine Sorgen machen. Seine Plastiktüten sind absolut wasserdicht, atmungsaktiv und komplett recycelbar, wären nämlich aus einem speziellen Ausrüstungsladen in der Schlossstraße. Zum Schluss entschuldigte er sich noch für den Schrecken, den er mir eingejagt hatte. Er konnte ja nicht wissen, dass meine Schicht sich dem Ende zuneigt, seine hätte nämlich gerade erst begonnen. Unter der Woche läuft es für ihn immer besser, das müsse aber unter uns bleiben, da wäre er so gut wie alleine unterwegs. Und jetzt soll ich ihn bitte auf dem kürzesten Weg zum Flaschennachtautomaten fahren, alles per Kurzstrecke wie gesagt, denn auf das Gedränge am Tage vor den normalen Flaschenautomaten habe er nun wirklich keinen Bock. Er gibt mir auch einen Euro Trinkgeld, Schmerzensgeld wegen dem Schreck und so.

Jetzt war ich erstmal sprachlos. Ist der Typ durchgeknallt? Journalist? Zocker? Flaschensammler? Schäfchen im Trockenen? Flaschensammlerausrüstungsladen? Flaschennachtautomat? Na gut, Paketautomaten gibt es ja auch schon, wo man zu jeder Tages- und Nachtzeit Pakete aufgeben oder abholen kann. Aber die ganze Story von dem Typen machte doch irgendwie keinen Sinn. Trotzdem entschied ich mich ihn Ernst zu nehmen, was selbst bei wirklich Durchgeknallten die bessere Wahl ist. So fragte ich ihn nach seiner Konkurrenz aus. „Ja, die ist schon übel. Alles so kleine Stinker, arbeiten ohne Taschenlampe und haben auch sonst kein wirklich gutes Material. Es ist schließlich wie in jedem anderen Business, man muss erstmal investieren. Das ist wie an der Börse!“, versuchte er mich bereits zu agitieren.

Apropos: Börse! Sei das nicht effektiver als das Flaschensammeln, wollte ich noch von ihm wissen. An sich schon, aber nachts arbeitet die eben nicht. Da ist so ein Job an der frischen Luft schon ein schöner Ausgleich, komme er auch mal raus aus seiner Hütte. Außerdem hängen bei dem ganzen Gezocke an der Börse auch immer Jobs und damit Schicksale dran, das dürfe man nicht vergessen. Aber ist das Flaschen sammeln nicht genau so, gab ich zu bedenken. „Wie meinst du denn das jetzt?“, fragte er mich ernsthaft interessiert. Ob er noch nicht wüsste, dass es Menschen gibt, die auf’s Flaschensammeln angewiesen sind, im Gegensatz zu ihm. Jetzt war er offensichtlich überrascht. „Stimmt das wirklich?“, will er von mir wissen. Ja, leider, er sei wohl wirklich eine längere Zeit nicht mehr rausgekommen. An der Börse herrschte seit Monate Goldgräberstimmung und da wollte er eben nichts verpassen.

Eine Antwort darauf musste ich ihm schuldig bleiben, oder hatte er sie nicht bereits selbst gegeben, denn am Ende der Straße tauchte plötzlich ein hell angestrahlter gelber Container auf, der von weitem wie Gold aussah. Es gibt ihn also wirklich, diesen Nachtflaschenautomaten! Auf dem befindet sich ein kleines rotes Licht, das mich bereits von weitem anblinkt. Entweder ist der Automat voll oder er wurde ausgeraubt, denke ich noch bei mir. Aber warum wird das Licht immer heller? Wieso blendet es mich so stark? Ist es dieses kleine rote Licht, der hell erleuchtete Automat oder etwa richtiges Gold, was mich da anstrahlt? Vielleicht sollte ich einfach mal die Augen aufmachen.

Plötzlich steht ein Kollege neben meiner Fahrertür und leuchtet mir mit seiner Taschenlampe ins Gesicht. Er wolle mich nicht mit Klopfen erschrecken, aber es wäre schön, wenn ich endlich mal aufrücken würde. Oje, da bin ich doch glatt eingepennt. Jetzt wird es echt Zeit, dass ich Feierabend mache, bin wirklich ganz schön müde. Kurz entschlossen starte ich den Wagen, rücke aber nicht wie vom Kollege gewünscht auf, sondern schalte das Taxilicht aus und fahre nach hause.

Text by TaxiBerlin

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