23.07.2009

Kamminer Straße

Normalerweise werden in Berlin, was ich Dr. Motte aber besser nicht erzählt hatte, Straßennamen erst vergeben, wenn die betreffende Person bereits einige Zeit tot ist. Das ist bedauerlich für die betreffende Person, aber leider nicht zu ändern, so sind nun mal die Spielregeln, oder eben auch nicht. Ich meine, einen Fall in Berlin ausgemacht zu haben, wo eine betreffende Person, nach der bereits zu dessen Lebzeiten eine Straße benannt wurde, nicht nur noch am Leben ist, sondern sich sogar bester Gesundheit erfreut. Die Rede ist von Wladimir Kaminer, der nicht nur als Autor der „Russendisco“, sondern auch als DJ für russische Musik über die Stadtgrenze hinaus bekannt ist, und worüber unkundige Journalisten auch schon mal schreiben, dass Wladimir die „Balkanisierung“ der hiesigen Dancefloors vorantreibt, was natürlich völliger Quatsch ist, weil sich Russland nun mal nicht auf dem Balkan befindet, woran weder der Fall der Mauer noch das Ende des Kalten Krieges etwas ändern konnten, auch nicht Wodka -Jelzin und sogar KGB-Putin nicht. Hier sollen die ja nicht mal mehr den Verkehr regeln dürfen, die Ex-Stasisten, und dort muss der sogar ein ganzes Land regieren. Russen gibt es anderseits aber nicht nur in Moskau und auf den Datschen davor, sondern bekanntermaßen auch auf Gran Canaria, in Marseille und Venedig, aber auch in Thessaloniki und in Varna, was sich ausnahmsweise wirklich mal auf dem Balkan befindet, und sogar in Antalya waren sie bisher bei Tee und Wasserpfeife anzutreffen. Selbst in Berlin gibt es jede Menge Russen, und nicht nur irgendwelche arme Russlanddeutsche in Marzahn. Aber das sind ja sowieso keine richtigen Russen, wofür aber weder Wladimir noch ich etwas kann. Die richtigen und wirklich reichen Russen wohnen nämlich vorzugsweise in Charlottenburg, was deswegen gerne auch schon mal „Charlottengrad“ genannt wird. Und genau dort hat sich Wladimir nicht etwa nur eine Wohnung und auch kein Haus gekauft, sondern gleich eine ganze Straße. Und wenn er sie gekauft hat, dann gehört sie ihm auch. So ist das hierzulande! Aber darf er die dann auch nennen wie er will? Seitdem heißt die nämlich Kamminer Straße! Mancher Krümelkacker wird jetzt sagen, aber Kaminer schreibt sich doch nur mit einem M! Und was ist mit Wladimir? Steckt da etwa kein M drin, das zweite vielleicht?! Wie es sich gehört, wohnt der Straßenbesitzer in der Hausnummer Eins. Damit Wladimir seine Kredite zurückzahlen kann, muss er viel arbeiten, und das sogar nachts. Aber dank Energiesparlampen ist das kein Problem, und geschlafen wird schließlich auch bei Kaminers im Dunkeln. Warum ausgerechnet ich, und keiner von der Paparotzi Journallie, das enthülle, dass kann ich nur vermuten. Wahrscheinlich sind die alle noch mit dem russischen Erdgas beschäftigt. Seit der Sache mit der „Balkanisierung“ sind die für mich sowieso gestorben, die Herren Journalisten. Bei denen, die heutzutage das Schreiben studieren, soll es ja schon so sein, dass sie bereits nicht nur die Abschlussarbeiten ihrer Vorgänger von gestern, sondern sogar ihr heute geschriebenes, morgen gar nicht mehr verstehen. Der wahre Grund, warum ausgerechnet ich die Sache aufdecke, ist, das muss aber unter uns bleiben, dass ich mir selbst keine eigene Straße, sondern nur eine Wohnung in der Stadt und ein Haus auf dem Land leisten kann. Offiziell mache ich mir allerdings ernsthafte Sorgen, ob die offensichtlich unter juvenilem Alzheimer leidenden Journalisten nicht insoweit Recht behalten sollten, dass, wenn schon nicht auf den Berliner Dancefloors, so zumindest auf dem Berliner Straßennamenmarkt von einer „Balkanisierung“ die Rede sein dürfte. Immerhin versuchte Wladimir, was den Namen seines aktuellen Programms „Es gab keinen Sex im Sozialismus“ angeht, bereits schon einmal mit einer dreisten Lüge durchzukommen, was aber außer mir auch niemandem aufgefallen ist. Und dass, obwohl doch alle wissen, dass wir im Osten nicht nur Weltmeister im Dopen, sondern auch beim FKK und insbesondere im Bett waren. Oder hat Wladimir das etwa ernst gemeint, dass er, ich meine, dass es in der Sowjetunion keinen Sex gab, und er deswegen nach Berlin gekommen war, weil Berlin damals noch die geilste Stadt der Welt war. Vorstellbar ist das schon, wo doch manche dort, also da wo der Wladimir herkommt, bis heute immer noch keinen Sex haben dürfen, was aber genauso OK ist, wie KGB-Putin ein lupenreiner Demokrat ist. Vielleicht schreibt Wladimir zur Abwechslung als nächstes ja mal ein Aufklärungsbuch mit dem Titel „Es gibt Schwulen und Lesben in Russland“